Abzwicken, absahnen, abräumen

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Abzwicken, absahnen, abräumen

Von Journal21, 28.08.2012

Manipulation des Libor-Zinssatzes, das Eichmass aller Finanzgeschäfte. Und nun auch Mauscheleien bei der Ausführung von Aktiengeschäften. Ruf und Vertrauen: ein Scherbenhaufen. Zeit für tabula rasa und Neuanfang.

Der Vorwurf: Die Credit Suisse verrechnete der Zürcher Pensionskasse BVG im Aktienhandel falsche Kurse. Aufgedeckt wurde dieser Skandal durch die Untersuchung von BVG-Geschäften, da die BVG selbst in kriminelle Handlungen verwickelt ist. Wie der «Tages-Anzeiger» enthüllt, wurden bei Verkäufen zu niedrige und bei Käufen zu hohe Kurse verrechnet. Im Einzelfall Kleckerbeträge, laut Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Zürich entstand aber alleine in drei Jahren eine Deliktsumme von 11,5 Millionen Franken.

Die Welt der Bereicherung

Einzelfälle, kriminelle Energie von Mitarbeitern, gegen die leider ein grosses Unternehmen niemals gefeit ist? Schon wieder, immer wieder? Wie bei der Manipulation des Urmeters aller Finanzgeschäfte, des Libor-Zinses? Wie bei Beihilfe zu Steuerhinterziehung, wie bei der immer länger werdenden Latte von Verstössen gegen Gesetze, für die regelmässig Multimillionenbussen gezahlt werden müssen? Wie beim Verkauf von Lehman-Schrottpapieren an Kleinanleger, die mit Milliardenverlusten endeten? Da soll man nicht einen ganzen Berufszweig in Sippenhaft nehmen, Tausende von CS-Angestellten, wie in anderen Banken auch, bemühen sich verantwortungsvoll und nach bestem Wissen und Gewissen um die Vertretung der Interessen ihrer Kunden. Ach, wirklich? Werfen wir einen Blick in die Welt der Bereicherung.

Abzwicken, absahnen, abräumen

Unter dem Oberbegriff Retrozession versammelt sich ein ganzer Zoo von Bereicherungsmöglichkeiten bei Bankgeschäften. Dazu gehören Kick-backs, Kommissionen, Courtagen, Finder’s Fee und Ausgabeaufschläge. Oder Churning, das Generieren von Zusatzeinkommen durch häufiges und zweckloses Umschichten einer Kapitalanlage. Sehr unverfroren und eindeutig kriminell ist aber das Verrechnen eines falschen Aktienkurses. Das ist so, wie wenn der Metzger den Daumen auf die Waage hält, während er den Wurstzipfel wiegt. Sind die anderen Methoden wenigstens legal? Eigentlich nicht. Denn es gibt einen Entscheid des Schweizer Bundesgerichts in Lausanne aus dem Jahre 2006. Danach müssen alle Finanzintermediäre, also auch Banken, ihren Kunden gegenüber alle Formen von Provisionen ausweisen und auf Verlangen auch weitergeben. Im gleichen Urteil wird festgehalten, dass 81 Prozent aller Vermögensverwaltungen das nicht tun.

Na und?

Bewaffnet mit Heerscharen von Juristen haben Schweizer Banken natürlich eine ihre Geldgier schützende Antwort auf dieses klare Urteil gefunden, wir zitieren die Stellungnahme der Schweizer Bankiervereinigung (SBVg): «Im Produktevertrieb erbringt eine Bank verschiedene Dienstleistungen für den Produkteanbieter, die sie sich abgelten lassen. Das sind keine Retrozessionen. Verkauft sie dem Kunden eigene Produkte oder Produkte aus dem Eigenbestand, kann ebenfalls nicht von Retrozessionen gesprochen werden.» Auf eine Anfrage des damaligen Preisüberwachers, wie sie es denn mit der Umsetzung dieses Urteils des obersten Schweizer Gerichts halte, teilte die Credit Suisse zudem mit: «Die Bank ist weder ablieferungs- noch rechenschaftspflichtig.» Den Rest regelt das Kleingedruckte in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die die meisten Kunden nicht lesen und in denen steht, dass sie freiwillig auf ihr Recht verzichten.

Arroganz der Macht

Das heisst im Klartext: Lieber Kunde, pfeif dir eins und klage uns doch nochmals ein, wenn dir das nicht passt. Ein paar zehntausend Franken später sehen wir uns dann allenfalls vor Bundesgericht wieder. Sollte ein cleverer Bankkunde von diesem Urteil gehört haben, gibt es noch einen weiteren Standardsatz: «Das Bundesgerichtsurteil trifft auf Ihren Fall nicht zu.» Da lacht der Banker, und der Kunde macht die Faust im Sack. Diese klammheimliche Bereicherung auf Kosten des Kunden bringt den Banken in der Schweiz jährlich geschätzte 2 Milliarden Franken ein. Eigentlich Peanuts. Aber man wäre ja nicht Banker geworden, wenn es einem nicht um Geld ginge, vornehmlich ums eigene.

Verfault bis in den Kern

Wir reden hier nicht von im roten Bereich zockenden Investmentbankern. Wir reden auch nicht von Beihilfe zu Steuerhinterziehung oder anderen krummen Geschäften. Wir reden hier vom Kern der Dienstleistung einer Bank: dem Handel mit Wertpapieren im Auftrag eines Kunden. Einer einfachen Dienstleistung, bei der der Kunde davon ausgehen sollte, dass er korrekt bedient und nicht über den Tisch gezogen wird. Genauso, wie er keine eigene Eichwaage dabei haben muss, wenn er im Laden ein Kilo Kartoffeln kauft. Oder die Rolle Toilettenpapier nachmessen sollte, wenn ihm 25 Meter versprochen werden. Vergessen wir die Einzelfälle, auch an diesem Beispiel zeigt sich: Der Kern des Banking ist verfault. Es geht um abzwicken, absahnen, abräumen. Es geht um Handlungen von Triebtätern, die in ihrer Geldgier jedes Mass, jeden Anstand verloren haben. Und alles Vertrauen.

Nun gut. Verfaulter Kern im Bankwesen, das kann man nachvollziehen. Aber ist dies denn wirklich die Ursache des Missstandes? Ist es nicht so, dass eben gerade auch die Politik und Behörden mitküngeln in dem die Spannweite der Gesetze bis zum Anschlag gedehnt werden können. Wäre es nicht im demokratischen Sinne, dass die Gesetze so gehalten werden, dass man nicht gleich eine ganze Horde Finanzanwälte zur Entzifferung anheuern muss. Zudem sind ja weitere Ursachen generell im Teil-Reserve-System verankert, worin die Geschäftsbanken Geld aus dem Nichts schöpfen können, welches früher an feste Werte, wie Gold, gebunden war. Einer inflationären Währung, der kein realer Wert gegenüber steht, ist somit dem Untergang geweiht, wie man jetzt in Bälde am Euro beobachten kann. Leider hat die Schweizer Nationalbank auch noch das unverständliche Gefühl, wir müssten unbedingt unsere Währung ebenfalls an die sinkende Eurotitanik anbinden, was uns noch teuer zu stehen kommen wird, oder würde irgend ein Privatgläubiger heute noch Euros horten? Einem Leiden unter einem starken Franken in der Exportwirtschaft könnten pragmatischere und kostengünstigere Lösungen entgegen gebracht werden, vom Import darf wohl hierzulande auch niemand profitieren und wird daher einfach thematisch ausgeblendet. Auch der Gefahr bei einer massiven Flucht in den Schweizer Franken ist mit längst notwendigen Eigenkapitalerhöhungen ein Riegel geschoben. Nicht zuletzt ist auch das Zentralbanken-System mit ihrer manipulierten Zinspolitik zu nennen. Der Leitzins, also der Geldpreis wird in sozialistisch anmutender Manier gerade angepasst, wie es beliebt, statt dass der Zins sich auf natürliche Art und Weise nach der realen Wirtschaftsleistung einpendeln kann. Ich verweise hier auf die österreichische Schule der Nationalökonomie, welche die Leitzins- und Geldschöpfungsproblematik bis ins Detail auseinander nimmt und den Niedergang dieses Systems schon längst vorher gesagt hat, als hierzulande die keynesiansischen Inflations-Ökonomen noch immer von grenzenlosem Wachstum geschwärmt haben. Ich finde es einfach nicht ganz korrekt, wenn man heute auf den Bankern herum hackt, welche im Grunde genommen einfach das System soweit ausnutzen, wie es von Politik und Staat erlaubt wird. Ein fehlkonstruiertes Finanzsystem kann nicht durch die Verdammung der Protagonisten verbessert werden. Es muss das System hinterfragt werden, ansonsten wird sich niemals etwas zum Guten wenden. Die Banker dürfen ruhig wieder zu dem gemacht werden, was sie eigentlich sind: Geldverleiher (welche übrigens zu früheren Zeit die Boteneingänge der Fürstenhäuser benutzen mussten und nicht den mit rotem Teppich ausgelegten Haupteingang, wie es heute der Fall ist :)

Vor ein paar Jahren bekam ich zu Weihnachten von "meiner Bank" einen Brief wonach es dieses Jahr kein Weihnachtsgeschenk gebe. Statt dessen habe sich die Bank entschieden, das ganze schöne Geld einer wohltätigen Stiftung in der 3. Welt zu übergeben. Man sei davon überzeugt, ganz im Sinne der geschätzten Privatkunden zu handeln.

Ich rief meinen Betreuer an und sagte ihm dass das nicht gut ankomme. Ich rufe nicht als "Geschädigter" an, sondern als Freund und weiser Ratgeber.

Nein, es war mir überhaupt nicht peinlich, sodann 3 Flaschen Wein zu bekommen.

Um zu begreifen, was hier gemeint ist, sind die Einfaltspinsel zu wenig gebildet: es fehlt die Fähigkeit einer Verbindung vom Monopoly-Spiel zum wirklichen Leben. Ein Haufen und sich selbst überschätzender Pubertierender beweist sich im geistigen Inzest, wie grossartig sie sind. Damit daran keine Zweifel entstehen, schotten sie sich ab auf ihrem Spielplatz, zu einem mit einer widerlichen Arroganz, die ihre Unsicherheit betont, zum anderen mit juristischen Dampfwalzen. Kunden, die nicht dem Profit nachjagen, sollten sich wieder zu dem machen, was sie sind: Kunden, nicht Untertanen einer geldgeifernden Bande von Schaumschlägern.

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