Beeinflusser als Beruf

Reinhard Meier's picture

Beeinflusser als Beruf

Von Reinhard Meier, 23.08.2019

Sogenannte Influencer tummeln sich auf allen Internet-Kanälen. Würden man sie nüchtern als Beeinflusser etikettieren, wäre der Glorienschein um diese Spezies wohl weniger aufgeheizt.

Laut Wikipedia werden Personen als Influencer bezeichnet, die «aufgrund ihrer starken Präsenz und ihres hohen Ansehens in den sozialen Netzwerken» als Träger für Werbung und Vermarktung in Frage kommen. Der Rummel und das Mediengetöse um diese neuartige Berufsgattung dürfte viel mit dem angelsächsischen Label zu tun haben. «Influencer» tönt eindeutig smarter, trendiger und weltläufiger als der entsprechende deutsche Begriff «Beeinflusser», dem unterschwellig etwas Anrüchiges anhaftet. «Beeinflusser» riecht nach Propaganda, Indoktrination, Manipulation und einer gewissen Aufdringlichkeit.  Auch gezielt verbreitete Trolls und andere Fake-News-Produzenten betreiben das Geschäft der «Beeinflusser».

Buhlen um öffentliche Aufmerksamkeit

Was  die praktische Tätigkeit der Influencer und Influencerinnen betrifft, so ist es kein neuartiges Phänomen, wenn bekannte und illustre Persönlichkeiten für bestimmte Produkte Werbung betreiben und sich dabei fürstlich bezahlen lassen. George Clooney hat schon für Nespresso geworben, Roger Federer für die Crédit Suisse posiert, und Claudia Schiffer ein L’Oréal-Parfum empfohlen, als die Begriffe «Influencer» und «Influencerin» noch nicht in aller Munde waren.

Genauer betrachtet müssen auch manche Politiker der Kategorie der «Influencer» zugerechnet werden. Was prominente Populisten wie Trump, Boris Johnson, Matteo Salvini unermüdlich betreiben, ist im Kern nichts anderes als Vermarktung, das Buhlen um öffentliche Aufmerksamkeit – allerdings nicht für ein bestimmtes Produkt, sondern für sich selbst.

Neuartig am Influencer-Business ist eigentlich nur der Umstand, dass heutzutage dank dem Internet auch gewöhnlich sterbliche Zeitgenossen sich als Werber und Produkte-Anpreiser engagieren und es damit selber zu einiger Prominenz und nicht geringem Einkommen bringen können. Wiederum laut Wikipedia sind allein in Deutschland rund 4,6 Millionen Konsumenten als Influencer für bestimmte Produkte tätig. Influencer mit weniger als 100’000 Followern gelten als Mikro-Influencer. Es gibt aber auch Spitzenreiter, mit mehreren Millionen Followern im Schlepptau.

«Gigantische Glaubwürdigkeit»

Die professionelle Influencerin Xenia Tchoumi, die eigentlich Xenia Tschumitschewa heisst, aus Russland stammt und im Tessin aufgewachsen ist, zählt nach eigenen Angaben 1,5 Millionen Follower auf Instagram und etwa 6 Millionen auf Facebook. Sie nennt sich Fashion-Influencerin und verbreitet über ihre Kanäle Video-Auftritte zum Thema Luxus-Mode, Food und Schönheit. In einem Interview mit der NZZ beteuerte sie, sie sei bei ihrem Geschäft nicht käuflich. «Ich überlege mir genau, welche Brands ich auf meinen Posts portiere. Nie würde ich einen Schuh tragen, der nicht zu mir passt.»

Genaueres zu ihren Einnahmen wollte sich die Influencerin in dem Interview zwar nicht entlocken lassen. Aber sie machte einige Angaben zu den finanziellen Grössenordnungen. Ein Influencer mit 20’000 bis 30’000 Followern könne 200 Franken für einen Post bekommen. Sie kenne aber auch Leute mit zehn Millionen Followern, die «über eine gigantische Glaubwürdigkeit verfügen» und für eine Produkteplatzierung «mehrere zehntausend Franken» erhalten.

Man kann sich über manches wundern in diesem digitalen Gewerbe – nicht zuletzt über die Millionenheere der Followers und deren Anhänglichkeit an die angeblich «gigantische Glaubwürdigkeit» ihrer Influencer-Favoriten. Sicher aber ist so viel: Kein Influencer wird je im Traum daran denken, seinen Glamour-Titel mit der hölzernen deutschen Version «Beeinflusser» zu vertauschen.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren