Carl J. Burckhardt: Memorabilien (1977)

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Carl J. Burckhardt: Memorabilien (1977)

Von Urs Bitterli, 29.05.2020

Der Historiker und Diplomat Carl J. Burckhardt galt lange als „Kronzeuge einer sterbenden Welt". Nach seinem Tod wurde seine Glaubwürdigkeit als Geschichtsschreiber stark in Frage gestellt.

In den fünfziger und frühen sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gehörte der Historiker und Diplomat Carl J. Burckhardt zu den bekanntesten Intellektuellen der deutschsprachigen Schweiz. Im Jahre 1971, zu seinem achtzigsten Geburtstag und drei Jahre vor seinem Tod, erschien in der „Schweizer Illustrierten“ eine gross aufgemachte Reportage über Burckhardt und seinen herrschaftlichen Wohnsitz in Vinzel hoch über dem Genfersee.

„Der letzte Humanist“

Der Titel dieses Berichts lautete: „Der letzte Humanist. Kronzeuge einer sterbenden Zeit“. Dieser Titel umriss genau die Vorstellung, die man sich in der Schweiz, aber auch in Deutschland, von Burckhardt machte. In der „Weltwoche“ schrieb der Historiker Jean Rudolf von Salis: „Carl J. Burckhardt zu feiern ist nicht nötig, sein stiller grosser Ruhm spricht für sein literarisches Werk, für seine diplomatischen und politischen Verdienste, für seine humanitäre Tätigkeit und für sein weises Abseitsstehen und Überblicken.“

Und der Schriftsteller Hugo Loetscher würdigte im „Tages-Anzeiger“ ausführlich Leben und Schaffen des Jubilars und nutzte den Anlass, auf die Bedeutung der Geschichte für das Verständnis der Gegenwart hinzuweisen. Im Jahre 1991, an der Feier zum 100. Geburtstags Burckhardts, hielt Staatssekretär Franz Blankart an der Universität Basel die Festrede. Die Rede lässt erkennen, dass der Ruf des Historikers zu diesem Zeitpunkt nicht mehr unbestritten war.

Aber auch Blankart zollte ihm hohes Lob. „Dass Burckhardt“, sagte er, „einer der wenigen Schweizer dieses Jahrhunderts war, der die Sprache Goethes im eigentlichen Sinn des Wortes noch beherrschte, sagt sehr viel über sein Europäertum aus. Sprachkunst als zugleich ästhetisches Mittel des aufgeklärten Humanismus.“

In meiner Bibliothek befindet sich ein Buch Carl J. Burckhardts mit dem Titel „Memorabilien“. Der stattliche Band versammelt eine grosse Zahl von kürzeren Texten, die sich im Nachlass des Historikers fanden. Burckhardt wollte keine Lebensbeschreibung verfassen, und im Vordergrund der „Memorabilien“ stehen Persönlichkeiten, denen der Historiker in Geschichte und Gegenwart begegnet ist. Der Tod hinderte den Autor, diese Porträts in eine chronologische Ordnung zu bringen und herauszugeben. Es war Burckhardts Freund Michael Stettler, der diese Aufgabe zu Ende führte.

Grossneffe des Historikers Jacob Burckhardt

Es ist ein reiches Leben, das in diesen „Memorabilien“ vorgeführt wird. Reich im doppelten Sinn: als Zeugnis eines turbulenten Zeitgeschehens, aber auch als Dokument sensibler individueller Wahrnehmung. Carl J. Burckhardt, Grossneffe des berühmten Historikers Jacob Burckhardt, entstammte einer alteingesessenen und angesehenen Basler Familie.

Die „Memorabilien“ beginnen mit den Porträts jener Menschen, die des Autors Kindheit im Elternhaus am Münsterplatz hoch über dem Rhein bestimmten. Mit Vater und Mutter trafen gegensätzliche Temperamente aufeinander. Der Vater, Universitätsprofessor und Regierungsrat, war ein Mann von ausgeprägtem Pflichtgefühl, ein Einsamer, der an Depressionen litt und durch Selbstmord endete. Das Ende des geliebten Vaters hat Burckhardts ganzes Leben überschattet.

Die Mutter, die verwöhnte Tochter aus einer grossbürgerlichen Genfer Familie, verkörperte eine heitere und gesellige Welt, der das ernste Verantwortungsbewusstsein des Basler Patriziats fremd war. Beide Welten, die ernste und die heitere, prägten Burckhardts Kindheit. „Dem Lebhaften, Geselligen in mir“, schreibt er in den „Memorabilien“, „stand immer ein Bedürfnis nach Alleinsein gegenüber oder das Bedürfnis, mich in kleinem vertrautem Kreise aufzuhalten.“

Nach der Volksschule trat Burckhardt ins Humanistische Gymnasium in Basel ein und verbrachte anschliessend drei Jahre im Landerziehungsheim Glarisegg am Bodensee. Die Zeit in Glarisegg bezeichnet er in den „Memorabilien“ als seine „glücklichsten Schuljahre“. Es folgte das Studium der Geschichte in Basel, München und Göttingen, das 1919 an der Universität Zürich mit dem Doktorat abgeschlossen wurde. Im selben Jahr trat Burckhardt in den diplomatischen Dienst und wurde als Attaché nach Wien entsandt.

Die eindrücklichsten Persönlichkeiten, denen der Autor während seiner Lehr- und Wanderjahre begegnete, werden in den „Memorabilien“ in Porträtskizzen von unterschiedlicher Länge vorgestellt. Die Rede ist etwa von Lehrern in Glarisegg wie dem Altphilologen und Schriftsteller Charly Clerc, dem Historiker Ernst Gagliardi und dem verehrten Schulleiter Werner Zuberbühler.

Konservativer Kulturpessimismus

Von den Hochschullehrern findet der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin, der in München lehrte, besondere Erwähnung. Gern geht der Autor von einer Anekdote aus, um die Individualität eines bestimmten Menschen zu veranschaulichen. Manche von Burckhardts Porträts wirken wie die Bildnisse einer Ahnengalerie, nachgedunkelt, geheimnisvoll, ernst. Es entsteht der Eindruck, dass des Autors Kunst der Menschenbeschreibung mehr der ahnungsvollen Intuition als der nüchternen Beobachtung verdankt. Merkwürdig wirkt, dass der Autor Gespräche, die er vor Jahrzehnten geführt hat, in den Memorabilien fast durchwegs im vollen Wortlaut und in direkter Rede wiedergibt, was nicht so sehr den Eindruck der Authentizität als den der stilvollen Rekonstruktion erweckt.

Die Jahre 1918 bis 1922 verbrachte Carl J. Burckhardt in Wien. Die Donaumonarchie war zusammengebrochen, Krisenbewusstsein prägte das geistige Leben. Als wichtigstes Erlebnis dieser Lebensperiode schildern die „Memorabilien“ die Begegnung des Autors mit Hugo von Hofmannsthal. Der Patrizier aus Basel und der jüdische Bildungsbürger und Dichter aus Wien fühlten sich, wie der 1956 publizierte Briefwechsel zeigt, in ihrem konservativen Kulturpessimismus nah verwandt. Beide träumten von einer „Konservativen Revolution“ und einer neuen geistigen Elite, die sich dem drohenden Kommunismus entgegenstellen sollte. Von kulturellem Niedergang ist im Gesamtwerk Burckhardts denn auch oft die Rede, und ein melancholischer Grundton ist unüberhörbar.

Hochkommissar des Völkerbundes in Danzig

Ins Jahr 1926 fiel die Heirat mit der Tochter des rechtskonservativen Freiburger Historikers Gonzague de Reynold. Die akademische Laufbahn führte über die Habilitation rasch zu Professuren in Zürich und Genf. Im Jahr von Hitlers Machtergreifung, 1933, wurde Carl J. Burckhardt Mitglied des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Zwischen 1937 und 1939 übte er die Tätigkeit eines Hohen Kommissars des Völkerbundes in der Freien Stadt Danzig aus.

Die Stadt war nach dem Ersten Weltkrieg vom Deutschen Reich abgetrennt und unter den Schutz des Völkerbunds gestellt worden. Nachdem Hitler Reichskanzler geworden war, geriet Danzig immer mehr unter deutschen Einfluss. Das undankbare Amt des Hochkommissars eines machtlosen Völkerbundes hat Burckhardt zu einem Platz in den Geschichtsbüchern verholfen.

Während des Krieges blieb Carl J. Burckhardt Mitglied des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und war zwischen 1944 und 1948 dessen Präsident. Von 1945 bis 1949 war er Schweizer Gesandter in Paris. Über seine Tätigkeit in diesen Jahren erfahren wir aus den „Memorabilien“ kaum etwas. Gegen Ende des Buches finden sich indessen erneut Schilderungen von Begegnungen mit eindrücklichen Persönlichkeiten: mit dem exzentrischen baltischen Kulturphilosophen Hermann Graf Keyserling, mit dem Dichter Rainer Maria Rilke, mit der Dichterin Annette Kolb, mit dem Schweizer Industriellen und Kunstsammler Emil Georg Bührle. Wieder gilt, dass die Porträts literarisch merkwürdig überhöht wirken und zuweilen von nachdenklicher Meditation begleitet sind.

Freischaffender Historiker über dem Genfersee

Die zwei letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte Carl J.  Burckhardt als freischaffender Historiker auf seinem Landsitz in den Weinbergen über dem Genfersee. Er vollendete eine Richelieu-Biografie, deren erster Band bereits 1935 herausgekommen war. Im Jahre 1960 erschien sein wohl bekanntestes Buch unter dem Titel „Meine Danziger Mission 1937 bis 1939“, ein Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit als Hochkommissar des Völkerbundes.

In den folgenden Jahren publizierte Burckhardt zahlreiche Essays, die in Sammelbänden unter Titeln wie „Begegnungen“, „Bildnisse“ und „Gestalten und Mächte“ erschienen und weite Verbreitung fanden. Wieder sind es, wie diese Buchtitel andeuten, vor allem Persönlichkeiten, denen sich Burckhardt zuwendet, historische Figuren wie Karl V., Erasmus von Rotterdam oder Maria Theresia, aber auch Zeitgenossen wie die Schriftsteller Paul Claudel und Rudolf Alexander Schröder.

Während Burckhardt beim Bildungsbürgertum in hohem Ansehen stand, begegneten ihm die Historikerkollegen früh mit Misstrauen. Der sehr erfolgreiche erste Band des „Richelieu“ erweckte den Eindruck, der Autor lege grösseres Gewicht auf die Eleganz der Formulierung als auf die Qualität wissenschaftlicher Analyse. An Burckhardts Korrespondenz mit Hofmannsthal fiel auf, dass seine Briefe, sehr im Gegensatz zu den kurzen Billetts des Dichters, umfangreiche Betrachtungen enthielten. Dies liess den Verdacht aufkommen, sie seien vor der Drucklegung erweitert und stilistisch überarbeitet worden.

„Geschichtenschreiber und Geschichtsschreiber“

Als 1977, drei Jahre nach Burckhardts Tod, die „Memorabilien“ herauskamen, erschien in der „Frankfurter Allgemeinen“ eine Besprechung von Hans Mayer unter einem Titel, der aufhorchen liess: „Geschichtenschreiber und Geschichtsschreiber“. Hans Mayer, in den sechziger Jahren einer der bekanntesten deutschen Literaturwissenschaftler, hatte 1936 als Emigrant bei Burckhardt am „Institut universitaire“ in Genf studiert.

Er schätzte dessen literarische Begabung, wusste aber auch um des Historikers Neigung, in seinen Arbeiten über die quellenmässig belegbaren Fakten hinauszugehen und, wie Mayer es formuliert, „ins subjektive Fabulieren abzugleiten“. In seiner Rezension der „Memorabilien“ berichtet Mayer auch davon, dass  Burckhardt sich über bestimmte Ereignisse und Personen im Gespräch anders geäussert habe als in den gedruckten Essays.

„Zwischen Hoffmannsthal und Hitler“

Im Jahre 1991, hundert Jahre nach J. C. Burckhardts Geburt, erschien Paul Stauffers Buch „Zwischen Hofmannsthal und Hitler. Carl J. Burckhardt, Facetten einer aussergewöhnlichen Existenz“. Das Buch erregte grosses Aufsehen und zerstörte das Kultbild, das man sich bisher von Burckhardt gemacht hatte.

Der Verfasser Paul Stauffer war ebenfalls Diplomat gewesen und hatte sich als Botschafter in Warschau mit der Geschichte des Freistaates Danzig befasst. In seinem Buch legte er nun eine Kritik von Burckhardts „Danziger Mission“ vor, welche nicht nur den Wert dieses Berichts, sondern auch die Glaubwürdigkeit des Autors in Zweifel zog. In scharfsinniger und minutiöser Quellenanalyse wies Stauffer nach, dass Burckhardt in seinem Rechenschaftsbericht dazu neigte, den Nationalsozialisten Äusserungen in den Mund zu legen, die sie so nicht gemacht hatten, die aber seine Rolle als Friedensvermittler im besten Lichte zeigen sollten.

Der Autor kam zum Schluss, dass Burckhardt zu „Selbststilisierung und Legendenbildung“ neigte und Quellendokumente verschwieg oder erfand, um seine Bedeutung als historische Persönlichkeit ins beste Licht zu rücken. Auch machte Stauffer deutlich, dass Burckhardt in seinen Kontakten die humanitären Prinzipien des demokratischen Rechtsstaats nicht mit der Entschiedenheit vertreten habe, zu der er als Vertreter des IKRK und des Völkerbundes verpflichtet gewesen wäre.

Unverkennbar geht aus Stauffers Darstellung auch hervor, dass Burckhardt der Idee einer „Konservativen Revolution“, zeit seines Lebens verbunden blieb und von einer Geistesaristokratie träumte, die dem Weltkommunismus entgegentreten würde. Damit näherte der Historiker sich rechtsradikalen Anschauungen, wie sie in der Schweiz von seinem Schwiegervater Gonzague de Reynold und in Frankreich von Charles Maurras und der „Action française“ vertreten wurden.

Marion Dönhoff verteidigt den Historiker

Paul Stauffers „Zwischen Hofmannsthal und Hitler“ stiess in der Schweiz und in Deutschland auf grosses Interesse. Der „Spiegel“ stellte fest, mit dem Buch sei Carl J. Burckhardt als „eitler Geschichtsklitterer und Dokumentenfälscher“ entlarvt worden. Die Studie von Stauffer belege, dass „der Eidgenosse seinen strahlenden Ruf auch selbsterfundenen Legenden und einer grandiosen Anpassungsbereitschaft verdanke“. Gegen dieses Urteil wandte sich unter dem Titel „Absurde Vorwürfe“ die damals prominenteste Journalistin Deutschlands, Marion Dönhoff, in der „Zeit“. Die Gräfin kannte Burckhardt aus seiner Zeit als Hochkommissar in Danzig und blieb mit ihm bis zu seinem Tod freundschaftlich verbunden. Ihre wütende Replik begann mit den Worten: „Manche Schweizer sind so demokratisch, sind so puristische Lesebuch-Demokraten, dass sie es nicht ertragen können, wenn einer von ihnen über den Durchschnitt hinausragt.“

Die Berechtigung von Paul Stauffers scharfer Kritik wird heute kaum mehr angezweifelt. Ein glaubwürdiger Historiker war Burckhardt nicht. Kaum bestreitbar bleibt dagegen seine hohe sprachliche Begabung. Der Basler Patrizier ist der bedeutendste konservative Schriftsteller der deutschen Schweiz im 20. Jahrhundert, und dass die 2007 erschienene „Schweizer Literaturgeschichte“ ihn nicht erwähnt, ist unverständlich. Auch die „Memorabilien“ lohnen noch immer eine kritische Lektüre.

Gespräch über De Gaulle – abgelehnte Zigarre

Einige Jahre vor seinem Tod habe ich Carl J. Burckhardt in Vinzel besucht. Ich erinnere mich, wie ich in meinem orangefarbenen VW-Käfer mit möglichst elegantem Schwung vor dem Landsitz vorfuhr und mir den Kopf zerbrach, wie ich den Historiker anreden sollte: Herr Professor? Herr Botschafter? Herr Gesandter? Herr Minister?

Ich hatte mir ein paar kritische Fragen zu Burckhardts Tätigkeit in Danzig und beim IKRK vorgenommen, aber der Historiker, schon von schwerer Krankheit gezeichnet, erwiderte mit freundlicher Bestimmtheit, dazu sei alles gesagt, und er wolle sich nicht wiederholen. Dann unterhielten wir uns eingehend über De Gaulle, den wir beide bewunderten. Er bedaure, sagte Burckhardt, den Staatsmann nur selten persönlich getroffen zu haben; es sei ein Jammer, dass sich der betagte General im Jahre 1968 noch mit dem studentischen Pöbel habe herumschlagen müssen.

Nachher war ich in Gesellschaft von Burckhardts Frau und seiner Sekretärin zum Mittagessen geladen. Wir unterhielten uns freundlich und angeregt, und nie in meinem Leben habe ich zum Dessert bessere Brombeeren gegessen. Dann verfügten wir uns, wie Thomas Mann gesagt hätte, ins Herrenzimmer, und Burckhardt bot mir eine Havanna an. Leider musste ich ablehnen; denn ich komme aus dem Aargauer Stumpenland und weiss nicht, wie man Zigarren anschneidet.

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