Der Aufregungsbonus

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Der Aufregungsbonus

Von Roland Jeanneret, 14.10.2017

Noch nie war ein US-Präsident derart umstritten und unbeliebt – und noch nie kam einer über Monate täglich in unseren Medien vor. Tappen wir alle in die Aufmerksamkeits-Falle?

Donald Trump scheint kaum einen Fettnapf auszulassen, in den man treten kann. Beispiel Wirbelsturm «Maria», der auf Puerto Rico kürzlich grösste Verwüstungen angerichtet hat. Statt Betroffenheit zu zeigen und effizientere Hilfe anzuordnen, lobte er seine eigenen Entscheidungen und Taten und zog einmal mehr völlig deplatzierte Vergleiche. Er bezichtigte die Bürgermeisterin von San Juan der Untätigkeit und verglich «Maria» mit noch viel schlimmeren früheren Katastrophen. Kurz später meldete er sich mit weiteren peinlichen Äusserungen per Twitter, wohlumsorgt aus seinem Nobel-Golfresort.

Zwar hat nach neusten Umfragen der US-Präsident rund die Hälfte seiner Popularität und Gefolgschaft verloren, selbst im Parlament scheinen die Mehrheiten zu bröckeln – in gewissen Kreisen hat seine Beliebtheit jedoch wenig Schaden genommen. Man ist versucht zu sagen, je kurioser seine politische Führung, desto grösser der Zuspruch im Kreis seiner kritiklosen Wählerschaft. Schafft Populismus erst Popularität? Und dies dank gieriger Medien, die täglich neu auf den Trick mit der Aufmerksamkeit – möge diese noch so abstrus sein – hereinfallen?

In der Medienwelt sind sich Beobachter über den Zusammenhang zwischen Medien und Populismus nicht ganz einig. So unterscheidet der Medienwissenschafter Michael Latzer von der Uni Zürich bei Medienprodukten zwischen populistischem Inhalt und populistischem Stil. Und Politikwissenschafter Luca Manucci von derselben Universität glaubt festgestellt zu haben, dass sich die Politik immer populistischer orientiert, wogegen Medien eher korrigierend einwirken würden. Mag sein, dass er für diese Einsicht eher in renommierten Qualitätszeitungen geblättert hat.

Auffallen um jeden Preis

Für den Publizisten Matthias Zehnder scheinen die Interferenzen jedoch klar zu sein: In seinem kürzlich erschienenen Buch «Die Aufmerksamkeitsfalle – wie die Medien zu Populismus führen»* ist der Fall Trump ein Musterbeispiel, wie Medien immer wieder in diese Aufmerksamkeitsfalle tappen. Dies begann bereits im Wahlkampf: «Donald Trump war mit seiner Monstrosität, mit seinen Tabuverletzungen, seinen hässlichen Ausfällen gegen Frauen, Latinos oder Veteranen immer wieder drastisch aufgefallen. Und wurde dafür mit Aufmerksamkeit belohnt.» Kein Zufall, hatte dies ja den Medien – eine willkommene Nebenerscheinung – viele Klicks und Quoten gebracht. Donald Trump sagte damals selber in einer TV-Talkshow, solange Journalisten so häufig über ihn berichteten, müsse er nicht für teures Geld mehr Wahlwerbung machen.

Vereinfachungen, Klischees, Vorurteile, Beleidigungen – sie sind der Stoff, aus dem Aufmerksamkeit erzeugt wird. Kommt ein weit problematischeres Element dazu: Die Lüge. Papst Franziskus unterstützt Donald Trump. Hillary Clinton hat ISIS-Terroristen Waffen verkauft! Der FBI-Agent, der den E-Mail-Skandal um Hillary Clinton untersuchte, ist tot aufgefunden worden. – Auf Facebook wurden diese «News» mehrere Hunderttausend Mal geteilt und verbreitet; allerdings haben sie einen massiven Schönheitsfehler: Alle wurden minutiös untersucht, und alle sind falsch.

News ab Smartphone überall

Experten vermuten, dass sie auf das Wahlergebnis aber einen nicht zu unterschätzenden Einfluss hatten. Fake-News – dieser Begriff ist mittlerweile populär geworden – verbreiten sich über die digitalen Medien im Netz rasend schnell. Viele benützen heute ihre Smartphones primär als Nachrichtenquellen und weniger als Telefon. Im Schnitt greifen wir heute 214 Mal pro Tag zum Handy – Telefonate sind dabei in der Minderzahl. Digitale Informationsmöglichkeiten haben vor allem bei einer jüngeren Generation längst die «klassischen» Medien abgelöst. Wir kennen das Bild: An der Bushaltestelle, im öffentlichen Verkehr, im Wartezimmer des Arztes, beim Warten allgemein – überall wird das Smartphon gezückt, mit Daumen und Zeigefinger «geblättert».

Diese Kommunikationsebene wurde bei den US-Wahlen offensichtlich unterschätzt: Die allermeisten Hochrechnungen sahen bis zum Schluss Hillary Clinton als neue US-Präsidentin – eine der wenigen Find-Maschinen, die während Wochen immer vom Sieg Trumps sprach, war ausgerechnet ArgYou mit Sitz in der Schweiz. Als das Resultat feststand, wurden die helvetischen Datensammler von den Medienschaffenden überrannt: Woher diese Gewissheit? «Wir haben andere Kanäle als unsere Konkurrenten ausgewertet, und offensichtlich war unser System klar das bessere und auf den richtigen Spuren», kommentiert ArgYou-Leiter Christoph Glauser gegenüber Journal 21 mit einem leichten Schuss Schadenfreude im Lächeln.

Aufregung als Strategie

Matthias Zehnder weist in seinem Buch darauf hin, dass der «Aufregungsbonus» nicht nur bei Donald Trump funktionierte und noch funktioniert: Auch bei den Bundestagswahlen in Deutschland habe die Rechtspartei AfD von ähnlichen Mechanismen profitiert. Bereits Ende 2016 hatte die FAZ darauf hingewiesen, dass die Rechtspartei mit dem Flüchtlingsthema «mit Provokationen und Tabubrüchen» erfolgreich auf sich aufmerksam machen würde. Aufregung als Strategie. Auch in der Schweiz erinnert man sich an Abstimmungskampf-Illustrationen der SVP.

Die Diskussion um Minarette – es gab damals bloss vier Minarette in unserem Land – erhielt einen Aufmerksamkeitswert, der weit überproportioniert zur Realität stand. Die Le-Pen-Partei in Frankreich inszeniert sich ebenso mit Provokationen, und die Medien reagieren ziemlich berechenbar nach dem Gesetz der Aufmerksamkeitsfalle.

Medialer Supermarkt

Einen der Gründe dazu sieht der Publizist Zehnder in der Flut an Informationen, in welcher sich viele heute nicht mehr zurechtfinden, weil sie mit einer adäquaten Einordnung und Bewertung überfordert sind. Es ist wie im Supermarkt, wo alle Gestelle mit Massen von Waren gefüllt sind. Auch hier haben viele das Problem der Selektion und der Qualitätswahl. «Es ist diese verzweifelte Unfähigkeit des Menschen, im (medialen) Supermarkt mit übervollen Gratisregalen umzugehen, die ich das ‘Schlaraffenlandproblem’ nenne: Wir leben im Schlaraffenland und langsam bringt es uns um.» Zehnders Ratschlag: Wir müssten uns selber aus dem Schlamassel ziehen.

Mittlerweile ist es eine Binsenwahrheit: Die Medien haben sich innert weniger Jahre enorm gewandelt: «Das wichtigste Mittel heisst auffallen! (…) Es genügt nicht mehr, die Konsumenten dazu zu bringen, eine Zeitung zu kaufen oder eine Webseite zu laden. Sie müssen auch von jedem Artikel überzeugt werden. Jedes Element einer Zeitung, jede Radiosendung, jeder Internetbeitrag muss sich einzeln ‘verkaufen’.» Oder um es plakativ auf den Punkt zu bringen: «Ohne Aufmerksamkeit wird die Zeitung zur Fliegenklatsche, und der Fernseher verkommt zur Zimmerlampe.»

*) Matthias Zehnder: Die Aufmerksamkeitsfalle, Basel: Zytglogge Verlag, 2017. ISBN 978-3-7296-0951-8

Richtig gesehen, und alle westeuropäischen Medienschaffenden bringen seit dem 20. Jänner ihre Hofberichterstattung, Kritik, Empörung uns nicht US-Bürgern rüber. Zum Gähnen. Aber eben, auf Trump rumtrampeln ist einfacher, als die Ambitionen des Oberkommunisten Xi zu kommentieren.

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