Der Quasi-Quatsch

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Der Quasi-Quatsch

Von Heiner Hug, 10.04.2020

Irgendwie ist es sozusagen meiner Meinung nach wohl schon so, dass es quasi etwa so ist.

Ein Lehrer hat seine Schülerinnen und Schüler zu einem Experiment versammelt. Die jungen Leute sitzen um einen Tisch ­– in der Mitte ein Aufzeichnungsgerät. Sie haben die Aufgabe, einfach loszulegen, zu quasseln, zu diskutieren: über irgendetwas, über die Freizeit, über Fussball, ein Open-Air, ein Buch – was auch immer. Zwanzig Minuten lang. Es entspannt sich ein fröhliches Hin und Her.

Dann transkribieren die jungen Menschen zusammen mit ihrem Lehrer das Gesprochene: haargenau Wort für Wort.

Es geht um „Füllwörter“: Wörter, die nur Ballast sind und die es zum Verständnis nicht braucht. Eben:  „irgendwie“, „sozusagen“, „quasi“. Und so weiter.

Alle Füllwörter wurden nun im aufgeschriebenen Text angestrichen und gezählt. Das Ergebnis: über 27 Prozent der gesprochenen Wörter waren unnötig für das Verständnis der Sätze: ohne Aussagewert.

Natürlich war das keine wissenschaftliche Untersuchung. Das Ergebnis hängt vom Alter der „Probanden“ ab, vom Thema, über das sie sprechen, von der Stimmung, in der sie sind – und von der Bildung, von der sozialen Schicht.

Trotzdem: Niemand bezweifelt, dass es in der gesprochenen Sprache von „Füllwörtern“ und „Blähwörtern“ nur so wimmelt.

„Ich finde eigentlich, dass es irgendwie dann schon geht.“ Eigentlich. Irgendwie.

Sprachpuristen haben den Füllwörtern längst den Kampf angesagt. Sie argumentieren oft nach dem Motto: Nur wenn man nichts mehr weglassen kann, ist ein Text perfekt. Füllwörter, sagen sie, sind schlechter Stil. Doch die Puristen beziehen sich auf die geschriebene Sprache. Und da sind sich alle einig: In die schriftliche Sprache gehören möglichst wenige Füllwörter.

Doch auch im Schriftlichen können sie klug und dosiert eingesetzt werden. Die Texte vieler renommierter Autoren sind voll von Füllwörtern.

Eine Prise Nonsens gehört dazu

Und wie steht es in der gesprochenen Sprache? Sind Füllwörter so schlimm? Hier erfüllen sie verschiedene Funktionen: Sie sind erstens einmal da, um beim Sprechen Zeit zu gewinnen. Während man einige Nonsens-Wörter sagt, hat das Hirn Zeit, sich den folgenden Satz zurechtzulegen.

„Es ist nun wirklich so, wie ich schon mehrmals gesagt habe, dass ...“

„Das ist eine gute Frage, darauf möchte ich sagen, dass ...“

Zweitens dienen Füllwörter dem Sprachfluss. Wer beim Sprechen immer peinlichst darauf achten würde, keine Füllwörter zu verwenden, würde ziemlich abgehackt, blutleer und gekünstelt sprechen. Zum lockeren Sprechen gehört eine Prise Nonsens.

Füllwörter können auch etwas betonen: „Ich möchte nun wirklich sagen, dass ...“

Im weiteren relativieren sie oft unbewusst eine klare Aussage. „Ich bin der Meinung, dass ...“, „Anscheinend ist es so, dass ...“ „Ich denke, dass ...“. Man stellt etwas nicht als absolut dar, sondern relativiert es, indem man es als eigene Meinung deklariert. Damit versteckt man sich vor einer klaren Aussagen.

Ärgerlich, nervtötend

Füllwörter gehören nun einmal zur gesprochenen Sprache. Und dennoch: Sie können schrecklich nerven, vor allem wenn sie inflationär verwendet werden. Jede und jeder von uns haben einen Tick, auch einen Füllwörter-Tick.

Ganz oben auf der Füllwörter-Hitparade befinden sich „irgendwie“, „irgend“, „allerdings“, „bekanntlich“, „eigentlich“, „effektiv“, „ganz und gar“, „wirklich“, „gewissermassen“, „nämlich“, „offenbar“, „vermutlich, „relativ“, „quasi“, „sozusagen“.

Wie sagte der österreichische Schriftsteller und Satiriker Karl Kraus: „Mit Leuten, die das Wort ‚effektiv‘ benutzen, verkehre ich nicht.“

Es gibt Leute, die sagen nach jedem Satz „oder“. (Wohl eine Abkürzung für „Oder, es stimmt doch, was ich sage“.)

Andere beenden jeden Satz mit: „Gäll, nöd“, „nidv, „nöd wahr“. (Eine Abkürzung für: „So ist es doch, was ich sage, nicht wahr.)

Solche Spleens können dann zum Gespött werden. Der Betreffende wird dann zur „Nöd-wahr-Karikatur“. Oder: „Ah, da kommt der Quasi-Lukas.“

Aber eigentlich sind wir uns nämlich irgendwie gar nicht wirklich bewusst, welche Macken wir anscheinend effektiv haben. Oder?

Leider hat unser Deutschlehrer Martin Schaub mit uns diese Übung in der Handeli nicht gemacht. Man lernt nie aus....

Karl Kraus habe gesagt, er verkehre nicht mit Leuten, die das Wort «effektiv» verwendeten. Vielleicht meinte er ja die Leute, die effektiv und effizient verwechseln. Aber das wäre dann wieder eine andere Geschichte.
«Effektiv» kann man sehr wohl sinnvoll einsetzen. Zum Beispiel da:

Zwei Gefängnisinsassen gehen auf ihrem täglichen Spaziergang im Innenhof im Kreis herum und unterhalten sich. Da fragt der eine den Kollegen, ob der ihm sagen könne, was eigentlich (!) das Wort effektiv bedeute. Der Kollege überlegt und erklärt dann:
Schau, wir gehen jetzt hier spazieren, aber effektiv hocken wir.

Ähnlich sagte ein Münchner vor rund 100 Jahren: Sagen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.

Die Beobachtung trifft zu, die Analyse nicht. Menschen aus dem Grossen Kanton, die nördlich von Baden-Württemberg/Bayern ausgewachsen sind, deren Muttersprache Hochdeutsch ist, gehen uns deshalb auf den Nerv, weil sie ohne Füllwörter auskommen. Das empfinden wir, mit unserer „bluemete Trögli“ Vorstellung von Sprache, als direkt, unfreundlich, arrogant.

In der Schule werden wir auf eine Fremdsprache fixiert, die wir Schriftdeutsch nennen, mit der wir schreibend mental mithalten. Sprechend benötigen wir Pausen, um mit der Satzkonstruktion zurecht zu kommen. Da Pausen Gesprächsteilnehmen animieren, ins Geschehen einzugreifen (nicht zu Ende gebrachte Sätze sind beim Reden normal), muss man entweder einen Dauerton einschalten (ähhhhhh…), oder sinnlose Floskeln einfügen.

In dieses Bild passt der Satzabschluss mit „oder“, „gäll“, „nöd wahr“, etc. Nicht sicher, dass das, was man eben gesagt hat, verständlich ist, braucht man umgehend ein acknowledgement. Es ist peinlich, wenn man nach x Sätzen feststellt, dass schon der erste nicht ankam.

Konzentriert man sich als Zuhörer einer Parlamentsdebatte auf die Sprache, stellt man oft fest, dass nicht nachvollziehbar ist, was der Redner sagen will. Für den politisch geneigten Zuhörer, und wer sonst hört da zu, ist das kein Problem, weil er weiss, wo der Rendert beheimatet ist. Da a priori klar ist, was der Redner sagen wird, würde sich dieser, um den Parlamentsbetrieb zu beschleunigen, am besten allerdings gleich wieder setzen.

Diskutieren in der Mundart wird in der Schule nicht geübt. Gerät man in die Situation, dass man sich zu einem Thema äussern muss, über das man normalerweise hochdeutsch spricht und denkt, muss man in die Mundart übersetzen, was zusätzliche Hirn-Zyklen braucht, weshalb die antrainierten Floskeln auch in der Mundart Einzug halten.

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