Der Reiz des Martialischen

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Der Reiz des Martialischen

Von Urs Meier, 22.05.2020

Wendungen aus dem Vokabular der Treibjagd: sie können harmlose Übertreibung oder problematischer Tabubruch sein.

Bei der Beschreibung von Streit und Kampf ist die erzählende Sprache so richtig in ihrem Element. Schon die Bibel kennt da keine Hemmungen. In der bekannten, im Kern etwa 3000 Jahre alten Erzählung des 1. Samuelbuches schleudert der unerschrockene David dem prahlenden Philister Goliat einen Stein an die Stirn. Der Riese stürzt samt Rüstung und Waffen zu Boden, worauf der Hirtenjunge den Goliat mit dessen eigenem Schwert tötet. Zuletzt schlägt er ihm den Kopf ab und trägt diesen triumphierend nach Jerusalem. 

In der Ilias, dem vermutlich von Homer stammenden Vers-Epos aus dem 8. oder 7. vorchristlichen Jahrhundert, geht es noch deftiger zur Sache. Das Schlachtengetümmel um Troja zwischen den griechischen Achäern und den Belagerten ist quasi in Grossaufnahme und Zeitlupe dargestellt. Schwerthiebe spalten Helme samt den Köpfen, splitternde Speere fahren in die Leiber der Kämpfer, die Erde ist mit Blut getränkt und von Eingeweiden bedeckt. – Alles in klassischen Hexametern, aber keine Lektüre für Zartbesaitete! 

Kampf auf Leben und Tod ist Drama in Reinform, Urmaterie des Erzählens. Das agonale Element ist konstitutiv für die meisten Mythen und spielt in fast allen archaischen Dichtungen eine tragende Rolle. Der Reiz des Martialischen ist bis heute geblieben. Zwar haben die Erzähler der Gegenwart – die Medien – nur selten Gelegenheit, in physischen Einzelheiten von Auseinandersetzungen zu berichten. Doch das hält sie nicht davon ab, sich mit dem Vokabular des brachialen Kampfes auszurüsten. Es kommt dann halt bei politischen oder anderen nicht-handgreiflichen Konflikten zum Einsatz.

Ausgesprochen beliebt bei den Medien ist die Redewendung «jemanden vor sich hertreiben». Sie stammt vermutlich aus der Treibjagd, evoziert aber heute eher die wütende Horde, die hinter bereits Geschlagenen oder gar hinter wehr- und hilflosen Menschen her ist. Das sprachliche Bild evoziert Konfliktsituationen, in denen die eine Seite in die Defensive geraten und geradezu vom Untergang bedroht ist. So heisst es etwa, die Opposition treibe eine nicht sattelfeste Regierung vor sich her. Ein Medienbericht wollte ein derartiges Halali gar bei der Klimabewegung bemerkt haben; sie schaffe es, mächtige Konzerne vor sich herzutreiben.

In beiden Fällen ist nicht ganz klar, wessen Wunschdenken in die Formulierung eingeflossen ist. Will da eine Oppositionspartei ihr Drohpotential aufplustern? Hat eine Demonstrantengruppe ihren Einfluss auf die Wirtschaft etwas gar optimistisch eingeschätzt? Oder war es vielmehr der berichtende Journalist, der den jeweiligen Konflikt dramatisiert und aufgeblasen hat? Geht die Formulierung auf das Konto der Redaktorin, die das Nachrichtenmaterial mit einem die Aufmerksamkeit der Leser steigernden Element anreichern wollte?

Problematische Medienroutinen zeigen sich auch, wenn es von heftig Kritisierten immer gleich heisst, sie seien «angeschossen». Hat ein im Disput Überlegener tatsächlich seine Widersacher «zerlegt», «zusammengefaltet» oder «vernichtet»? Das Metaphorische solcher Redeweisen ist zwar unschwer erkennbar. Dennoch läuft die Wortwahl meistens auf eine krasse Überzeichnung des Sachverhalts hinaus. 

Die Wirkungen solchen Sprachgebrauchs dürften weniger in der Attraktivität des Stoffs für Leser als in der Abnützung und weiteren verbalen Eskalation bestehen. Schlimm? Eher nicht, denn Wildwuchs gehört zu lebendiger Sprache. In der alltäglichen Kommunikation schaffen wir es mühelos, Äusserungen und Tonalitäten richtig zu deuten. Und seit Bibel und Ilias sind wir auch geübt, Bildhaftes zu entschlüsseln und Literarisches zu verstehen.

Anders verhält es sich bei gezielten rhetorischen Tabubrüchen. Alexander Gauland ist berüchtigt dafür. Er war es, der nach der Bundestagswahl 2017 sich beim Vokabular der oben erwähnten Treibjagd bedient hat. Anlässlich des Einzugs seiner Partei ins Parlament sagte er mit Blick auf die Kanzlerin den denkwürdigen Satz: «Wir werden sie jagen!» Die kalte Wut in seiner Stimme machte jedem klar, dass keine sportive Polit-Konkurrenz gemeint war, sondern dass er seiner Anhängerschaft versprach, die AfD werde Angela Merkel zur Strecke bringen, ja, die Partei werde nicht ruhen, bis die Kanzlerin und das von ihr verkörperte «System» politisch tot seien. 

Die Grenze, die das Militante als Stilmittel trennt vom Militanten als geistige Haltung, muss genau beobachtet werden. Sprachsensibilität ist eines der Mittel hierzu.

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Kommentare

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Auch ich beobachte die "wilde" Veränderung von Sprache: "Zeichen setzen" - gleichzeitig tatooieren sich die Menschen wie wild. Archaische Ausdrücke unter der Gürtellinie, wie sie Wilfried Mairgünter 1989 formuliert hat, sind "medienfähig" geworden. Sogar linke Frauen sind "hässig" und übersehen grosszügig das Wort Hass darin, gegen den sie ansonsten argumentieren.

... vom Kampf gegen die Windmühlen ;)

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