Der Sieger, der das letzte Spiel verlor

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Der Sieger, der das letzte Spiel verlor

Von Ignaz Staub, 06.08.2019

Nick who? Nick Buoniconti hat nur gekannt, wer wider besseres Wissen Amerika und Football liebt.

Nicholas Anthony Buoniconti Jr. kam am 15. Dezember 1940 als Sohn eines italienischen Bäckers in Springfield (Massachusetts) zur Welt. Der Junge wäre wohl, wie sein Vater und sein Grossvater, Bäcker im «Mercolino’s» geworden, wäre er nicht so athletisch gewesen. «Er hatte drei Dinge, die für ihn sprachen», erinnert sich sein Bruder Peter in einem Dokumentarfilm auf HBO: «Er war der beste Athlet im South End, er war eines der cleversten Kids im South End und er war das härteste Kid im South End.»

Nick Buoniconti ist vergangene Woche im Alter von 78 Jahren gestorben, nachdem ihn Ärzte vor vier Jahren mit Symptomen von Demenz diagnostiziert hatten. Todesursache war mutmasslich «chronic traumatic encephalopathy» (CTE), eine heimtückische Hirnkrankheit, die vor allem Footballer befällt, die während ihrer Karriere mehrere Hirnerschütterungen erlitten haben und mit Gegenspielern x-Male Helm gegen Helm zusammengeprallt sind, was in einer Art Mini-Hirnerschütterungen resultiert. Was ihn selbst betraf, schätze Buoniconti in einem Interview mit «Sports Illustrated», dass er während seiner 14-jährigen Profi-Karriere 520’000 Kopfstösse absorbiert hatte.

Pionier des Sports

«Ich bin sicher, dass Football meine Krankheit verursacht hat», sagt der frühere Football-Spieler im HBO-Dokumentarfilm: «Ich bin nicht wütend auf das Spiel, aber ich bin sauer auf die Clubbesitzer. Ich glaube, wir haben die National Football League (NFL.) zu dem gemacht, was sie heute ist. Wir haben ihnen den Weg geebnet und sie profitieren heute davon.»

Wie Nick Buoniconti es tat, leiden oder litten in Amerika zahlreiche ehemalige Football-Profis an CTE, unter ihnen auch solche, die noch bekannter sind als der Bäckerssohn aus Springfield. Eine Studie des CTE-Center der Boston University fand 2017 in 110 von 111 untersuchten Hirnen früherer Footballer Spuren der degenerativen Krankheit. Buoniconti selbst hatte vor zwei Jahren verfügt, dass die Mediziner dereinst sein Hirn untersuchen sollen. «Ich fühle mich verloren», sagte er unverblümt, als er realisierte, dass er allmählich sein Gedächtnis verlor, öfter stürzte und keine Krawatte mehr binden konnte: «Ich fühle mich wie ein Kind.»

Jurist im Nachtstudium

Trotzdem ist Nick Buonicontis Geschichte einmalig. Es ist die Story vom amerikanischen Traum, der für den Sohn eines italienischen Einwanderers wie im Film wahr wurde, am Ende aber zum Alptraum mutierte. Zwar war der junge Nick äusserst athletisch, aber für einen Footballer eigentlich viel zu klein und zu leicht. Er mass nur 177,5 Zentimeter und wog lediglich 94,5 Kilogramm, alles viel zu wenig, um in einem Sport zu reüssieren, in dem massive Monster dominieren. Doch was sein Körper nicht hergab, machte Buoniconti mit Einsatz, Härte und Unerschrockenheit wett – erst einmal drei Jahre lang, nicht sonderlich erfolgreich, im College-Team der katholischen Notre Dame University.

Nach weiteren sieben Jahren im Team der zweitklassigen Boston Patriots, wo er ein Star wurde, wechselte er 1969 nach Miami zu den Dolphins. Während seiner Spielzeit in Boston hatte er, eher untypisch für einen Profi-Sportler, nachts noch Recht studiert und das Studium 1968 abgeschlossen. «Sobald ich meinen Abschluss hatte, war ich entschlossen, Football nicht über mich bestimmen zu lassen.»

In Florida begann Nick Buonicontis grosse Zeit. Nach einer miserablen ersten Saison, in der die Dolphins lediglich drei Spiele gewannen, wandelte sich das Team unter Coach Don Shula zum Gewinner und erreichte drei Mal in Folge den Super Bowl, den Final der amerikanischen Football-Meisterschaft. Während das erste Endspiel noch verloren ging, siegten die Miami Dolphins 1972 und 1973 zweimal in Folge, im ersten Jahr sogar, ohne während der Saison ein einziges Spiel zu verlieren. Was im American Football nach wie vor unerreicht geblieben ist.

Knochenharter Verteidiger

Für die Dolphins führte Nick Buoniconti als Captain die legendäre «No-Name Defense» an, ein nur schwer zu überwindendes Verteidigungsbollwerk aus verschworenen Mitspielern, unter denen kein Einziger besonders hervorstach. «Nach meinem letzten Spiel ging ich auf meine Hände und Knie, küsste den Boden und dankte Gott, dass ich nie schlimm verletzt worden war.» Buoniconti war damals 36, CTE noch unbekannt und in weiter Ferne.

In der Folge moderierte er als schlagfertiger Co-Kommentator während 23 Jahren für HBO die Sportsendung «Inside NFL», praktizierte als Anwalt und Spielervertreter und wurde 1983 für United States Tobacco tätig, wo er zehn Mal mehr verdiente als früher als Footballer. Für die Tabakfirma, ein Forbes 500-Unternehmen, verteidigte er im Fernsehen rauchfreie Produkte – eine Karrierewahl, die er später bedauerte.

«Sein Triumph und seine Tragödie glich einem Drama von Shakespeare», sagt heute Bob Costas, einer der populärsten Sportjournalisten Amerikas: «Er war ein ausserordentlich begabter und charismatischer Mensch, und am Ende, als er merkte, wie gross der Unterschied war zwischen dem, was er gewesen und dem, was er geworden war, konnte er diesen Zustand kaum mehr ertragen. Es ist schwierig, sich eine Familie vorzustellen, der Football mehr gegeben hat und der Football mehr genommen hat.»

Besorgter Vater

Football prägte nicht nur das Leben Nick Buonicontis, sondern auch das seines Sohnes. Marc Buoniconti, Linebacker wie sein Vater, verletzte sich 1985 in einem Spiel für das Militärcollege The Citadel schwer und blieb querschnittgelähmt liegen. Sein Vater half darauf, während mehr als 30 Jahren fast eine halbe Milliarde Dollar zu sammeln für das «Miami Project to Cure Paralysis», ein führendes Zentrum, das sich auf die Erforschung von Hirn- und Rückenmarkverletzungen spezialisiert.

Nick Buoniconti gab fast von einem Tag auf den andern seine lukrative Karriere auf, um für seinen Sohn sorgen zu können. «Als wir aufwuchsen, hat uns Football alles gegeben. Und nun schaue, was der Sport mir (Marc) angetan hat. Und schaue, was er ihm (Nick) antut. Liebst du das Spiel? Hasst du das Spiel? Liebst und hasst du es gleichzeitig?», fragt Marc Buoniconti im dieses Jahr herausgebrachten Dokumentarfilm über seinen Vater.

«Ich würde meinen (Super Bowl) Ring und alle meine persönlichen Errungenschaften eintauschen, wenn ich in meinem Leben nur noch eines erfahren dürfte», gestand Nick Buoniconti 2001 in Canton anlässlich einer Ehrung als einer der besten Football-Spieler Amerikas: «Mein Sohn Marc träumt davon, wieder gehen zu können, und ich als sein Vater möchte nichts mehr, als an seiner Seite zu gehen.»

Nicholas Anthony Buoniconti Jr., der harte Fighter, hat bis zum Schluss seines Lebens unermüdlich gegen seine Krankheit und für die Gesundheit seines Sohnes gekämpft: «Ich hätte nie, nie, nie geträumt, dass mir so etwa passieren würde.»

Quellen: The New York Times, The Washington Post, Notre Dame University

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