Die grossen Finanzräder

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Die grossen Finanzräder

Von René Zeyer, 04.11.2013

Die Kurse von UBS und Credit Suisse gehen mal wieder nach unten. Beteiligt ist, die SVP wird es freuen, eine Bundesrätin.

In der Sonntagspresse brachte Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf eine Eigenkapitalquote von 6 bis 10 Prozent für Schweizer Banken ins Spiel. Ein interessanter Versuch, Aktienkurse zu beeinflussen. Um ihn zu verstehen, muss man zuerst den Begriff Eigenkapital und seine Auswirkungen auf Erträge verstehen.

Der Hebel

Nehmen wir vereinfachend an, eine Bank dreht mit eigenen 4 Franken und 96 Franken Fremdkapital ein Finanzrad. Gelingt ihr auf die Gesamtsumme von 100 Franken ein vorsichtiger Gewinn von 2 Franken, sind das 2 Prozent. Aber 50 Prozent aufs Eigenkapital. Ziehen wir noch Fremdfinanzierungskosten, Aufwand und Gratis-Kaffee für die Angestellten ab, kommen wir immer noch auf mindestens 25 Prozent.

Super Sache, auch für die Besitzer der Bank, normalerweise Aktionäre. Bevor die allerdings an die Dividende kommen, schaufeln die Bonus-Banker noch mehr als die Hälfte des Ertrags in die eigene Tasche, denn auch ein Bonus fällt ja nicht vom Himmel. Aber immerhin, eine Dividende von 10 Prozent wäre für die gebeutelten Investoren in Aktien der beiden Schweizer Grossbanken eine grossartige Nachricht.

Nun ist es aber im Finanzzirkus so, dass alles mindestens zwei Seiten hat. Statt 2 Prozent Gewinn könnte es auch 4 Prozent Verlust reinhageln, dann wäre das Eigenkapital von 4 Franken weg, die Bank ist blank. Das finden Regierungen und Staaten nicht besonders lustig, weil dann gilt: too big to fail, die Feuerwehr muss mit Steuergeldern den Untergang der Bank verhindern.

Der Dschungel

Das Risiko einer Bank könnte man nun ganz einfach mit der sogenannten Leverage Ratio berechnen, also welches Verhältnis existiert zwischen Eigenkapital und Fremdkapital. Weil in der sogenannten Realwirtschaft, also bei den meisten KMU in der Schweiz, das Eigenkapital 40 Prozent oder mehr ausmacht, könnte der Laie nun meinen, dass das, vor allem nach den Erfahrungen der letzten Jahre, bei Finanzhäusern doch auch ein gesunder Ansatz wäre.

Um Himmels willen, sagt da aber der Banker, das lässt sich nicht so vergleichen. Schliesslich macht es doch einen bedeutenden Unterschied, ob man Geld in ein bombensicheres Staatspapier, eine ziemlich sichere Hypothek oder in ein spekulatives Derivat investiert. Dem muss mit einer sogenannten Risikogewichtung Rechnung getragen werden. Und schon sind wir im Dschungel der Berechnungen, nach Basel 2, Basel 2,5, Basel 3, mit oder ohne Swiss Finish. Diese Risikogewichtung ist eine dermassen komplizierte Rechnerei, dass sie von den zuständigen Aufsichtsbehörden gleich den Banken selbst überlassen wird. Und die verwirren dann Laien wie Regierende mit wunderbaren Eigenkapitalquoten von 12, 15, 18 oder noch mehr Prozent. Risikogewichtet, versteht sich.

Keine Kreditvergabe mehr

Nützt das nichts, sagen Banker zusätzlich, dass mehr Eigenkapital weniger Kreditvergabe bedeutet, und das sei ja in der aktuellen Wirtschaftskrise überall ausserhalb der Schweiz ganz schlecht. Ist zwar völliger Unsinn, denn erstens werden ja, dank Gratis-Geld, diese Ausleihungen lieber in Zockereien investiert als in die Realwirtschaft, wo komplizierte Businesspläne durchgeackert und analysiert werden müssen, bevor ein Kredit gesprochen würde.

Und zweitens wären Kreditvergaben genauso wie vorher möglich, nur wäre halt die Rendite aufs Eigenkapital kleiner. Der Aktionär könnte sich immerhin damit trösten, dass seine Bank und damit seine Aktie sicherer sind. Aber der Bonus-Banker hätte ein gröberes Problem, denn sein Extragewinn hängt ja grösstenteils von der Eigenkapitalrendite ab.

Der Schreckruf

Obwohl eine Anhebung des Eigenkapitals auf bis zu 10 Prozent, wie das die Bundesrätin in den Raum stellt, eine gute Sache wäre – andere ernstzunehmende Bankspezialisten fordern sogar 30 oder 40 Prozent –, muss man sich doch fragen, was Frau Widmer-Schlumpf da geritten hat.

Es gibt keine entsprechenden gesetzlichen Vorhaben, es ist nicht mal am Horizont sichtbar, dass Schweizer Banken solche Eigenkapitalvorschriften gemacht würden. Die Aufsichtsbehörde Finma hat letzthin lediglich die UBS aufgefordert, ihre Rückstellungen für Prozess- und Bussenrisiken zu erhöhen. Aber das ist eine andere Baustelle. Also liegt die Vermutung nahe, dass hier einfach mal so eine Idee in den Raum gestellt wurde. Bei dem aktuellen Zustand der hyperventilierenden und nervösen Börsen war’s aber nicht unbedingt eine gute Idee.

Es gibt nun den Artikel 258 im Schweizerischen Strafgesetzbuch, «Schreckung der Bevölkerung». Wer sie «durch Androhen oder Vorspiegeln einer Gefahr für Leib, Leben oder Eigentum in Schrecken versetzt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.» Das gilt aber wohl nicht für Banken und Börsen ...

Nein Herr Zeyer, das ist nicht einfach eine in die Luft gesetzte Idee, sondern gegenwärtig eine ernsthafte internationale Debatte. Kürzlich hat Alain Greenspan der frühere Präsident der US-Reservebank in einem öffentlichen Interview (Daily Show John Stewart) vertreten, dass die US-Banken mit 10% (!) Eigenkapital heute zwar wesentlich besser dastehen, aber seiner Ansicht nach immer noch unterkapitalisiert seien und es das Doppelte braucht. Er begründete das damit, dass das Finanzsystem gegenwärtig noch nicht genügend stabilisiert sei. Die Börsen sind nervös, weil es leider gute Gründe dafür gibt ... Freiwillig würden, so Greenspan, die Banken eine solche Eigenkapitalquote nicht einführen.
2008 gehörte die UBS international zu den Banken mit der grössten Leverage. Das Problem ist, dass das immer noch so ist -ein grundlegendes Problem des europäischen Bankensystems.

Nehmen wir an, eine Bank hat 10% Eigenrisiko. 90% jedoch sind ungesichert, gelten als Restrisiko. Dieses Risiko decken wir Staatsbürger. Die Gewinne jedoch nimmt die Bank für Boni usw.

Das muss man verbieten. Die Banken sagen unisono, das Restrisiko für uns sei unbedeutend. Wenn das wahr ist, dann würden die Versicherungen das gern versichern für eine minimale Prämie.
Jedoch wird argumentiert, rein theoretisch volumenmässig sei die Versicherungssumme zu gross für jede Versicherung.
OK, den Leuten kann geholfen werden. Hier mein Vorschlag:
Wir machen ein Gesetz, dass jede Bank zB 10% des Restrisikos nach der Eigenkapitalhafung mit Versicherungen abdecken muss.
Die Prämie dafür multiplizieren wir mit 8. Das ist dann die Prämie die die Bank in die Staatskasse zahlen muss. Dafür tragen wir ja so oder so 80% des Restrisikos. Heute tun wir das gratis. Das ist eine VERBOTENE Subvention. Die darf nicht sein.

In den EU Ländern holen viele Leute seit einiger Zeit ihr Geld von der Bank und bunkern es eigenverantwortlich bei sich. Je grösser die Ersparnisse, das Vermögen, desto schwieriger ist das. Aber da muss man durch. Notfalls baue man sich einen Tresor im Keller ein und kaufe sich einen grossen Hund, oder (pflegeleichter) eine Alarmanlage.
Sein Geld beizeiten in Sicherheit zu bringen ist besser als auf Wunder oder Massenhysterien zu warten.

kurz, klar und bündig. René Zeyer schreibt so, dass es auch ein Nicht-Ökonom wie ich verstehen kann. Aber um so zu schreiben, muss man auch wissen was Sache ist. Bravo!

»ernstzunehmende Bankspezialisten fordern sogar 30 oder 40 Prozent«

Dem schließe ich mich an. Noch besser wären 70-100% Eigenkapital. So wäre das heutige Giralgeld vermutlich am Ende. Man könnte endlich über ein neues Geldsystem sprechen.

Kaufen die Banken mit dem billigen Geld Staatsanleihen, tun sie dies natürlich mit dem Hintergrund, dass bei einem Bankenkonkurs auch der, oder die betroffenen Staaten, in den Konkurs gerissen werden. Was von den Sparern mittels Enteignung oder Haircut verhindert werden müsste. Den Nationalbanken bleibt dann nichts anderes mehr übrig, ihre Billiggeld-Strategie weiter zu ziehen, womit die Banken in weitere Staatsanleihen investieren. Es wäre lustig, wenn‘s nicht so unglaublich ernst wäre.

Super Artikel. Danke für die Informationen.

Genau. Focus hat seinerseits hier abgeschrieben: http://www.welt.de/finanzen/geldanlage/article121491969/Sparer-Steuer-is...
Zu ergänzen ist: Ein Haircut ist nur möglich, wenn der Coiffeur weiss, wo die Haare, also das Vermögen, liegen. Alle Versuche, sich mit dem applaudierten Kampf gegen «Schwarzgeld» oder mit FATCA einen staatlichen Überblick aller Spargroschen zu verschaffen, sind Vorbereitungshandlungen. Denn bevor der Coiffeur schneiden kann, müssen die Haare zuerst ergriffen und aufgestellt werden.

Die waren schneller, gehören aber nicht zum Mainstream:
http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/10/17/die-grosse-enteign...

Vorbereitungshandlung war auch die Volksbefragung in Deutschland. Da musste jeder angeben ob er ein Häuschen hat usw. Man beachte auch den geplanten Bankenstresstests im Frühjahr 2014.

Ein Gefühl sagt mir, dass der Cut dieses Jahr noch nicht anläuft. Es ist ja noch nicht mal klar, die schwarz-rote Koalition durchkommt.
Wenn ich richtig informiert bin, haben auch noch nicht alle Länder ihren Segen für die Enteignung gegeben. Sobald dies durch ist, kann es jeden Tag soweit sein.

»IWF: Eine einmalige Abgabe von zehn Prozent auf alle Guthaben würde genug Geld einbringen, damit alle Staaten der Währungsunion ihre Schulen auf ein erträgliches Niveau zurückführen könnten.«
Ich nehme an, mit Guthaben sind Bankguthaben gemeint. Meiner Einschätzung nach werden 10% nicht genügen, um die Staatsschulden oder vor allem die Bankenschulden zu decken. Vielleicht könnte 10% der EU einige Jahre Luft verschaffen. Dies wären keinesfalls eine Lösung, nur Symptombekämpfung.

Fragen an den Autor:
Was ist Ihre Einschätzung, wenn das geschieht, wie sehr sind wir Schweizer davon betroffen?
Was passiert im Ausland?
Was für Auswirkungen hat dies auf die Europäische Industrie, die im dümmsten Fall 10% weniger investieren kann. Wie viele Firmen werden so in den Ruin getrieben?
Wie sind Ihre Tipps sich zu schützen?

Neue Zahlen zum Thema Staatsanleihenkauf der Banken.
http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/11/05/schulden-krise-ban...

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