Die Laptop-Guerilla

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Die Laptop-Guerilla

Von Ignaz Staub, 28.05.2020

Renommierte US-Medien streiten sich über eine neue Form der Berichterstattung: den «Widerstands-Journalismus». Ist er ein Akt der Selbstsüberschätzung oder moralische Verpflichtung?

Die guten alten Zeiten der grossen New Yorker Pressekriege sind längst vorbei. Die 1890er-Jahre, als Joseph Pulitzers «World» und William Randolph Hearsts «Journal» erbittert um Einfluss und Leser kämpften. Die «World» kostete zwei Cents, das «Journal» einen Penny. Den Besitzern der beiden Boulevardblätter war fast jedes Mittel recht, um der Konkurrenz zu schaden.

Als in Kuba die Spannungen zwischen einheimischen Revolutionären und spanischen Kolonialherren wuchsen, hatte das «New York Journal» den berühmten Maler und Pressezeichner Frederic Remington auf Kuba stationiert. «Alles ist ruhig. Es gibt keine Unruhen», telegrafierte Remington angeblich nach New York: «Es wird keinen Krieg geben. Ich möchte zurückkommen.» Hearst soll geantwortet haben: «Bleiben Sie bitte. Sie liefern die Bilder und ich liefere den Krieg.» Am 23. April 1898 später brach der Spanisch-Amerikanische Krieg tatsächlich aus.

Neuerdings schwelt in New York, auf kleinerer Flamme, ein neuer Pressekrieg. Auf der einen Seite steht Ben Smith, Medien-Kolumnist der «New York Times», auf der andern Ronan Farrow, investigativer Journalist des Magazins «The New Yorker» und Buchautor. Anlass der Auseinandersetzung ist ein Artikel, den Smith unter dem Titel «Ist Ronan Farrow zu gut, um wahr zu sein?» geschrieben hat.

Farrow hatte 2017 über den einflussreichen Hollywood-Mogul Harvey Weinstein berichtet, dem mehrere Frauen sexuelle Belästigung vorwerfen, und für seine Aufsehen erregende Reportage einen Pulitzer-Preis gewonnen. Er schrieb auch den Bestseller «Catch and Kill», das unter anderem Fälle sexueller Belästigung beim nationalen Fernsehsender NBC aufdeckt.

Ronan Farrow, Sohn der Schauspielerin Mia Farrow und des Regisseurs Woody Allen, ist ein journalistischer Superstar. Trotz seiner Berühmtheit geniesst der 32-Jährige einen guten Ruf als Journalist, der es wagt, sich unerschrocken mit jenen Mächtigen anzulegen, welche die Medien zu schonen pflegen. Ben Smith, früherer Chefredaktor der aufstrebenden Website «BuzzFeed», zweifelt zwar nicht an den Qualitäten des jungen Kollegen, fragt sich aber, ob Ronan Farrow nicht gelegentlich «der Sonne zu nahe geflogen» sei.

Der «Times»-Kolumnist wirft Farrow vor, in einzelnen Fällen nicht genau genug recherchiert oder jene Recherche-Ergebnisse weggelassen zu haben, welche die Stossrichtung einer Geschichte geändert hätten. Für Smith sind Farrows Berichte eine Form von «Widerstands-Journalismus», d. h. Beispiele für eine Berichterstattung in Zeiten von Donald Trump und #MeToo, die die «alten Regeln der Fairness und der Unvoreingenommenheit» über Bord wirft, wenn es hilft, «Personen des öffentlichen Interesses zu schaden, welche die lautesten Stimmen am wenigsten mögen».

Ben Smith kreidet dem investigativen Reporter weiter an, in Ansätzen Verschwörungstheorien zu publizieren. «Wir leben in einer Zeit von Verschwörungen und gefährlichen Unwahrheiten – viele unter ihnen verbreitet von Donald Trump, aber auch von seinen Gegnern –, die gewöhnliche Amerikaner dazu verleiten, wilden und unbelegten Theorien blind zu glauben und Beweise des Gegenteils entschieden zurückzuweisen», schreibt er: «Die besten Berichte versuchen, mit Klarheit und Demut, einer uns unbekannten Wahrheit so nahe zu kommen wie immer möglich. Stattdessen sagte uns Mr. Farrow, was wir immer glauben wollten, wie Macht funktioniert.»

Schützenhilfe erhält Ben Smith von Glenn Greenwald, der 2013 im Londoner «Guardian» Edward Snowdens Dokumente zum hoch geheimen Überwachungsprogramm PRISM des amerikanischen Geheimdienstes NSA publizierte und heute für die kontroverse Website «The Intercept» tätig ist. «Besonders wertvoll an Smith’s Artikel ist der Umstand, dass er perfekt eine Krankheit beschreibt, welche die Medien in der Ära Trump befallen hat und die journalistische Integrität rasch aushöhlt sowie das Vertrauen in die Medien zu Recht zerstört.»

Smith, argumentiert Greenwald, spreche zu Recht von «Widerstands-Journalismus». Der beinhalte, dass Journalisten heute nicht nur sagen oder publizieren könnten, was immer sie wollten, sondern dass sie dazu regelrecht ermutigt und angestachelt würden, solange ihr Ziel jemand ist, der den liberalen Mainstream-Medien und/oder den sozialen Medien genügend missfällt.

Dagegen verteidigt Will Bunch im «Philadelphia Inquirer» Ronan Farrows Berichte: «Lasst uns von einer solchen Story (in der ‘Times’) nicht vom furchtlosen, wagemutigen und kompromisslosen Journalismus ablenken, den wir 2020 brauchen. Falls es ‘Widerstands-Journalismus’ gibt, dann lasst uns mehr und nicht weniger davon haben.» Auch Farrows Arbeitgeber, «The New Yorker», und sein Verlag, Little Brown, stehen geschlossen hinter ihm.

Der Aussenstehende fühlt sich im Fall Smith vs. Farrow wie jener Rabbiner, der in einem Streitfall beide Seiten anhört und dann jeder Seite recht gibt, worauf seine Frau einwirft, es könnten doch nicht beide Seiten recht haben. Antwortet der Rabbi: «Und du hast auch recht.»

Zum einen ist Ronan Farrow als Journalist ein Superstar, mit allen Vor- und Nachteilen, die ein solcher Status mit sich bringt. Der Vorteil: renommierte Abnehmer, die den Zugang zu Quellen erleichtern und breite Publizität garantieren. Der Nachteil: ein glänzender Ruf, dem stets gerecht zu werden nicht leicht ist und der dazu verführen kann, Recherchen abzukürzen. Zum andern thematisiert Ben Smith zu Recht die teils fragwürdigen Praktiken, wenn es darum geht, einen Mächtigen zu entlarven.

«Alle Berufe und Institutionen leiden, wenn eine Mentalität der Herde und des Gruppendenkens sowie der Unterdrückung abweichender Meinungen vorherrscht», schliesst Glenn Greenwald. «Aber nur wenige Aktivitäten werden durch eine solche Pathologie stärker unterhöhlt als der Journalismus, dessen Kernfunktion es ist, skeptisch zu sein und Frömmigkeiten zu hinterfragen.»

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