Die offene Debatte und ihre Feinde

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Die offene Debatte und ihre Feinde

Von Eduard Kaeser, 28.09.2019

Stunk am Williams College

Steven Gerrard (nicht die Liverpooler Fussballlegende) erwachte letztes Jahr aus einem akademischen Traum. Er hatte bisher als Philosophieprofessor an der alten und renommierten Privatuniversität Williams College in Massachusetts gelehrt. Im Herbst 2018 hielt er in bester Popper’scher Manier ein Seminar über „Free Speech and Its Enemies“ ab. Die Veranstaltung würde, so sein Eindruck, ein offenes Debattenklima begünstigen. Aber als er in der Lehrerkonferenz am Ende des Semesters die Idee beliebt machen wollte, die sogenannten „Chicago Principles“ zur Förderung der freien Meinungsäusserung im College einzuführen, betraten Studentenaktivisten den Raum und händigten ihm einen Brief aus, adressiert an den „Volksfeind“.

Gerrard las ihn allen vor. Unter anderem stand da: „Der Begriff der freien Meinungsäusserung ist von rechtslastigen und liberalen Gruppierungen zweckentfremdet worden, als diskursiver Deckmantel für Rassismus, Xenophobie, Sexismus, Antisemitismus, Homophobie, Transphobie, Behindertendiskrimierung und Klassendenken.“ „Und so begann das Annus horribilis“, schreibt Gerrard, „ein Jahr der Proteste, Aufmärsche, Drohungen und Forderungen – alles ausser rationalen Argumenten.“

Gerrard stand sozusagen mit abgeschnittenen Hosen da. Aber eine Kollegin, Dozentin für Biologie, sammelte über hundert Unterschriften im Lehrkörper, welche die „Prinzipien von Chicago“ gutheissen. Nicht so die Collegeleitung und -verwaltung. Sie entwarf, durch die Studentenproteste nervös geworden, stattdessen „Richtlinien zur Einladung von Referenten“, welche für den Campusfrieden sorgen sollen.

„Komfort-College“ und „exzellente Schafe“

Was für ein Frieden ist das? Ein Frieden der intellektuellen Komfortzone. Amerikanische Privatuniversitäten entlöhnen ihre Professoren gut für ihre Dienstleistungen, und wenn diese nun im Offerieren einer komfortablen Meinungspalette bestehen, dann liegt es im Geschäftsinteresse beunruhigter Universitätsmanager, den Campus von missliebigen Meinungen zu säubern. Dann halten Kanon und Index wieder Einzug, quasi um einer geistigen Asepsis willen. Komfort bedeutet vom Wortstamm her auch Trost, und intellektueller Trost scheint es zu sein, wonach die Klientel privater Colleges dürstet. Gerrard bezeichnet folgerichtig den neu entstehenden Typus von Universität als „comfort college“.

Ein besonders bissiger Kritiker der florierenden Political Correctness an amerikanischen Universitäten, der Essayist William Deresiewicz, hat eine neue Studentenkategorie definiert, die er „exzellente Schafe“ nennt. Viele Privatuniversitäten sind Zuchtfarmen dieser Kategorie. Deresiewicz hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg: „Selektive Privatuniversitäten sind zu religiösen Schulen geworden. (...) Sie besitzen ein ungeschriebenes Dogma, das alle verstehen: einen Satz „richtiger“ Meinungen oder bestenfalls ein enges Spektrum, in dem Meinungsverschiedenheit zugelassen ist. Es gibt einen richtigen Weg des Denkens und Sprechens, und es gibt auch ein richtiges Themenangebot, über das man denkt und spricht. (...) Was zu etwas Weiterem führt, das mit dem Dogma zusammenhängt: Ketzerei. Sie bedeutet jene Meinungen, die den rechtgläubigen Konsens unterminieren; also müssen sie ausgemerzt werden: durch Erziehung und Umerziehung – notfalls durch Zensur.“

Der „Kampf um den Kanon“

Es ist bekanntlich schwierig, aus solcher Polemik den wahren Kern herauszuschälen. Jedenfalls sollten wir aber diese Dialektik der freien Meinungsäusserung nicht als spezifisch amerikanisches Phänomen betrachten. Sie hinterlässt auch in Europa ihre Spuren. Die Juniausgabe des deutschen Magazins „Cicero“ publizierte einen längeren Artikel über die Szene an einigen öffentlichen deutschen Universitäten. Es herrscht so etwas wie ein Ringen um die Hegemonie der „richtigen“ Meinung, „der Kampf um den Kanon“, wie dies der Politologe Herfried Münkler ausdrückt. Er ist selber Opfer diffamatorischer Hetze von Internet-Snipern geworden. Gender- oder Extremismusstudien, spezielle Gebiete in der Soziologie und Ethnologie sind stark verminte Debattenzonen. Als die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter im Mai 2019 ein Symposium über das islamische Kopftuch veranstaltete, sah sie sich umgehend mit antimuslimischen Vorwürfen konfrontiert. Ähnliches widerfuhr dem Philosophen Alain Finkielkraut in Paris.

Eine erkenntnistheoretische Krise

Lassen wir es mit diesen Beispielen bewenden. Das Problem liegt auf einer tieferen Ebene als der universitären. Wir erleben eine erkenntnistheoretische Krise, die Diffamierung von aufklärerischen Idealen: Zersetzung des argumentativen Streits im Schlichten von Meinungsdifferenz; Abwertung des Strebens nach objektivem Wissen; Verhinderung einer „Dreifach-F-Diskus­sion“: frank, frei, furchtlos. Was umso bedenklicher anmutet, als Universitäten ja bisher als Stätten und Hüterinnen dieser Ideale galten. Wenn sie aber nun beginnen, gewisse Meinungen und Lehrinhalte zu kanonisieren, andere, missliebige dagegen zu zensurieren, dann vergiften sie das Klima, das zu fördern zumindest traditionell ihre Aufgabe war.

Was läuft schief? Denken ist eine soziale Tätigkeit. Ein untrügliches Indiz des Denkens ist deshalb die Beobachtung, dass andere auch denken. Eine häufig angewandte und perfide, weil nicht auf den ersten Blick erkennbare Form der Diskreditierung besteht darin, dass man im Denken des Anderen nur den Anderen und nicht sein Denken wahrnimmt und anspricht. Im Englischen spricht man vom „Bulverismus“. Der Begriff stammt vom Schriftsteller Clive S. Lewis, genauer von dessen fiktiver Figur Ezekiel Bulver, der hörte, wie seine Mutter die Beweisführung seines Vaters, die Summe zweier Seiten eines Dreiecks sei grösser als die dritte Seite, mit den Worten abschmetterte: Du sagst das nur, weil du ein Mann bist. Ein Totschlagargument: letztlich die schwerste intellektuelle Verachtung des Anderen. Man könnte sie als Prinzip der übelmeinenden Interpretation bezeichnen. Dem Anderen wird unterstellt: Eigentlich denkst du nicht, sondern zeigst nur Symptome von etwas. Deshalb geht man primär gar nicht erst auf seine Argumente ein, sondern haut gleich los auf den Argumentierenden. [1]

Die liberale Gesellschaft verschluckt sich an ihren Minderheiten

Aber, so könnte man hier fragen, handelt es sich bei Extremisten nicht um Minderheiten? Doch, gewiss, nur sind gerade Minderheiten das Problem. Die liberale Ordnung definiert sich ausdrücklich als deren Schonraum. Aber er ist metastabil. Es gibt einen kritischen Punkt, wo Inklusion und Integration von immer „verminderteren“ Minderheiten ins Gegenteil umschlagen. Die Gesellschaft verschluckt sich quasi an ihren Minderheiten. Und diese Dialektik gebiert ein hässliches Paradox: In einer „nachgiebigen“ Gesellschaft zahlt sich Unnachgiebigkeit aus. Das haben kleine Gruppen mit kompromisslosen Absolutheitsansprüchen längst gelernt. Sie vermögen mithilfe sozialer Netzwerke leicht die öffentliche Debatte empfindlich zu stören und ein allgemeines Klima der Unsicherheit und anonymen Bedrohung zu schaffen. Die Crux ist: Kompromisslosigkeit lässt sich nicht mit Kompromissbereitschaft bekämpfen. Sie hat etwas gefährlich Epidemisches. Sie steckt immer mehr Leute an, schliesslich die ganze Gesellschaft. Minderheiten, die sich abschotten, beginnen sich wegen Bagatelldifferenzen die Köpfe einzuschlagen. Und das liegt ganz in der erbarmungslos binären Endkampflogik der apodiktischen Klotzköpfe.

Immanuel Kant hatte das geahnt. Der „Gerichtshof der Vernunft“, der ihm zur Beilegung von Streitigkeiten vorschwebte, ist ein unerreichbares Ideal. Zumindest für heutige heterogene Gesellschaften. Fehlt diese Instanz, so Kant, „ist die Vernunft gleichsam im Stande der Natur, und kann ihre Behauptungen und Ansprüche nicht anders geltend machen als durch Krieg“. Dem Anschein nach sind wir in diesem geistigen Rückschritt begriffen.

[1] Eine beliebte, oft erprobte Taktik ist die „Reductio ad Hitlerum“ (ein Ausdruck des deutschen Philosophen  und SP-Politikers Mathias Brodkorb): Man bringe eine Aussage auf irgendeine Weise in Verbindung mit Äusserungen des Führers und seines Umfeldes, und schon ist sie als „faschistisch“, „nazistisch“ oder „antisemitisch“ diffamiert – quod erat demonstrandum.

Kommentare

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Frisch, fromm, fröhlich, frei…ist des Studenten Reichtumb!

Möglicherweise ein Bedürfnis im Bestehenden zu reüssieren. Am Anfang so scheint es, gemauerte Gegebenheiten! Schwer genug sich einzugliedern und anzupassen. Überwältigendes wartet auf einem, klare Strukturen, klare Vorgaben, klare Verhältnisse, so könnte es gehen, so ist es ok. Der Hauptfluss sichtbar gegeben, aber wenn da nur nicht diese Zuflüsse, diese verunsichernden Einflüsse wären, nun steigt der Pegel. Die bedrohliche Vielfalt von Ansichten, pure Variabilität, das wird nun wirklich manchen zu viel, also Abschottung. Schutz hinter gebastelten Dogmen. So ist man ein wenig sicherer. Mit absoluter Korrektheit im Denken und Handeln bleibt es ruhig im Hauptfluss. Einflüsse und Nebenflüsse werden dadurch zwar gestaut, aber man ahnt nicht, dass die Dämme einmal brechen könnten. Wichtig wären all diese Dinge, diese Variablen auszuhalten, im Stürmischen schwimmen zu lernen und wenn du gut bist im Kraul, schwimmst dann allen davon! …cathari

Amüsant dargestellt, cathari. Wenn ich zurückdenke an die (tolle) Studentenzeit, weniger an das Büffeln von Lehrbüchern, sondern die Suche nach Verstehen (stimmt das? Was sagt das aus? etc.), diese insistente Orientierungssuche, dann ist vorgeschriebenes Wissen der Feind der Wahrheitssuche, auch wenn letztere noch stümperhaft erfolgt, ohne Lebenserfahrung (solche Denkeinschränkung erinnert, in der Tat, an gewisse Epochen in monotheistischen Religionen, heute stark im Islam).
Erstaunlich ist, dass trotz der extremen Verfügbarkeit von Information sowohl an Unis wie im öffentlichen Leben (Medien, Politik etc.) Tabuzonen im Vormarsch sind (gewisse Ideen, Worte etc. dürfen nicht ausgesprochen werden, lösen einen Shitstorm aus). Wir Menschen sind schon eigenartige Wesen.

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