Die Schweiz singt und summt

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Die Schweiz singt und summt

Von Alex Bänninger, 31.07.2020

Neben der Landeshymne kennen zahlreiche Kantone ihre eigene Hymne. Die Unterschiede sind aufschlussreich.

Die Ausserrhödler sind gottesfürchtig, die Basel-Landschäftler arbeitsam, die Basler witzig, die Jurassier separatistisch und die Urner tanzversessen. Die Genfer huldigen ihrer Geschichte, die Neuenburger der republikanischen Freiheit und die Schaffhauser der Rache aus Eifersucht. Die Thurgauer sehen sich als selige Nostalgiker, die Waadtländer als liberale Kämpfer und die Walliser als vaterländische Heroen.

Idealisierungen oder Verallgemeinerungen mit einem Körnchen Wahrheit? Jedenfalls billigen sich die Kantone in ihren meist im 19. Jahrhundert geschriebenen Hymnen die aufgezählten Eigenschaften zu. Auch in den offiziellen und halboffiziellen Liedern, nach oder anstelle des «Schweizerpsalms» gesungen, spiegeln sich die Vielfalt des schweizerischen Selbstverständnisses und die Buntheit der Freude über die eigenen Stärken. Von brav und bieder bis aufbegehrend und süchtig nach dem Heldentod.

Flucht in die gute alte Zeit

Die Hymnen der Kantone Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Neuenburg und Thurgau rühmen die Anmut der Landschaft, Städte und Dörfer und bejubeln das Glück der Menschen, in der jeweils einzigartigen Idylle leben zu dürfen. Es ist der verklärte Blick auf die veredelte Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts.

Die Genfer, Neuenburger und Walliser Hymnen besingen die historischen Grosstaten im Kampf um die Freiheit. Auch die Schaffhauser halten es mit der Geschichte, aber anrührend und ohne jedes Pathos. Sie erinnern an den Munotwächter, der aus zorniger Enttäuschung über seine ungetreue Liebste dem Turmglöckchen einen Sprung zufügte. Es ist die einzige Kantonshymne mit einem Hauch von Erotik.

Politische Aktualität

Politisch aktuell ist die Waadtländer Hymne geblieben, 1803 im Beitrittsjahr zur Eidgenossenschaft entstanden. Der Text ist nachdrücklich, doch ohne Überschwang den Menschenrechten verpflichtet. Er ruft zur Gesetzestreue auf und zum Engagement für die Freiheit und den Frieden und richtet sich sowohl an die Regierung als auch an jedes Individuum. Ein modernes Manifest.

Um einen geradezu militanten Aufruf zum politischen Kampf handelt es sich bei der Jura-Hymne, «La Nouvelle Rauracienne», 1950 von den damaligen Separatistenführern Roland Béguelin und Roger Schaffter verfasst. Sie wollen, den Kanton Bern im Auge, «die Ketten eines ungerechten Schicksals» brechen und aus den Herzen ihrer Anhängerschaft einen «Gesang der Erlösung» erklingen lassen. Befürworten bzw. bestätigen die Stimmberechtigten demnächst den Wechsel Moutiers zum Kanton Jura, wird die Hymne zur Reminiszenz und wohl triumphierend umgeschrieben.

Frei von patriotischer Schwelgerei

Das Landsgemeindelied Appenzell-Ausserrhodens ist eigentlich eine Kantate und die einzige Kantonshymne mit einer weiblichen und ausländischen Urheberschaft. Der Text basiert auf dem Lied «Alles Leben strömt aus dir» der deutschen Dichterin Karoline Christiane Louise Rudolphi (1753–1811). Die «Ode an Gott» ist von Demut getragen, frei von patriotischer Schwelgerei, zeitlos und die feierlichste der kantonalen Hymnen.

Das Urner Kantonslied tanzt im wahrsten Sinne des Wortes aus der Reihe. Zur inoffiziellen und äusserst populären Hymne, mehr ein lustiger und Fröhlichkeit schaffender Gesang, entwickelte sich «Zoge am Boge de Landamme tanzäd». Bald hundert Jahre alt, werden in urwüchsiger Sprache zu lüpfiger Musik weder heimatliche Werte noch historische Heldentaten gerühmt, sondern Feste in Schwung gebracht. Wer 1291 auf dem Rütli dabei war, kann sich diese Unbeschwertheit locker leisten. Sympathisch macht sie Uri allemal.

Ehrenrettung für den «Schweizerpsalm»

Im Vergleich mit den kantonalen Hymnen schneidet die nationale hervorragend ab. Der immer wieder diskutierte «Schweizerpsalm» von Leonhard Widmer in der Vertonung von Alberich Zwyssig besticht durch seine einprägsame Bildhaftigkeit, den Verzicht auf die brustgeschwellte Erwähnung blutiger Schlachten und die Vermeidung chauvinistischer Selbstgerechtigkeit.

Der Psalm ist eher für geübte Stimmen geeignet und sprachlich stelzig. Aber ohne patriotische Kraftmeierei und mit der konfessionell offenen Würdigung der über dem Land waltenden Allmacht hat er die allgemeine Gültigkeit seit 179 Jahren und jene als definitiv in den Dienst genommene Landeshymne seit 39 Jahren bewahrt.

Da war wohl Vollständigkeit nicht beabsichtigt. Der Berner Marsch hätte auch noch einige Stichworte liefern können. Und er wäre nicht der Unbekannteste gewesen.

Vielen Dank, Herr Bänninger, für diese seltene und interessante Zusammenstellung all dieser Schweizer Hymnen.

Nicht aus der Schweiz, aber trotzdem passend zum Thema:
„Wo man singet, lass dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt;
Bösewichter haben keine Lieder.“

Johann Gottfried Seume (* 29. Januar 1763 in Poserna, Kursachsen; † 13. Juni 1810

Wie klein und erbärmlich kommt man sich vor, wenn man die Majestät einer Symphonie erlebt, wenn man die ganze Urgewalt fühlt, die das Wort Musik als Begriff in sich trägt.

Fritz Wunderlich, deutscher Tenor, geboren heute vor 90 Jahren (gestorben 1966)
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