Die Vierzig-Prozent-Marke geknackt

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Die Vierzig-Prozent-Marke geknackt

Von Werner Seitz, 01.10.2019

Noch nie bewarben sich bei National- und Ständeratswahlen so viele Frauen wie jetzt. Nur die SVP und die BDP hinken hinten her.

Über ein Jahrzehnt lang war in den Medien die Untervertretung der Frauen in den politischen Institutionen nur ein Randthema. Als sich aber letztes Jahr abzeichnete, dass der seit 2003 andauernde Rückgang der Frauenvertretung im Ständerat bei den kommenden Wahlen sich noch verstärken könnte, entflammte plötzlich eine öffentliche Diskussion.

Wesentlich zu dieser Diskussion beigetragen hat der nationale Frauenstreik vom 14. Juni 2019, an dem mehrere hunderttausend Frauen die Diskriminierung der Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen ins öffentliche Bewusstsein gerufen haben. Geholfen hat sicher auch die Kampagne «Helvetia ruft», mit welcher der Frauendachverband «alliance f» und die politische Gruppierung «Operation Libero» Frauen zum Kandidieren aufriefen und ihnen Unterstützung anboten.

«Frauenfrage» im Zentrum

Die Diskussionen, Forderungen und Massnahmen haben offensichtlich Wirkung gezeigt. Bei den eidgenössischen Wahlen 2019 steht die «Frauenfrage» – neben dem Klima – klar im Zentrum, und bei den Nationalratswahlen 2019 bewerben sich so viele Kandidatinnen wie noch nie um ein Mandat (1’873). Im Vergleich zu den letzten Wahlen sind es 565 Frauen mehr; die Zahl der Kandidaten ist dagegen nur um 292 angestiegen. Damit ist der Frauenanteil auf den Wahllisten um fast sechs Prozentpunkte gestiegen und knackt (mit 40,3%) die 40-Prozent-Marke.

In keinem Kanton eine Mehrheit an Kandidatinnen

Auch wenn der Frauenanteil deutlich angestiegen ist und bei diesen Wahlen so hoch ist wie noch nie – in keinem einzigen Kanton sind die Kandidatinnen insgesamt in der Mehrheit. Knapp verpasst hat diese Auszeichnung der Kanton Zug, wo 37 Frauen und 38 Männer kandidieren. Prozentual am schwächsten vertreten sind die Frauen auf den Wahllisten in St. Gallen (33%) und in Schaffhausen (24%).

Rotgrüne Frauenmehrheiten

Mit Blick auf die Parteien sind die Kandidatinnen bei den Grünen und der SP – mit Anteilen von 55 bzw. 51 Prozent – in der Mehrheit. Gegenüber den letzten Wahlen hat sich Frauenanteil um fünf bzw. vier Prozentpunkte gesteigert. Als einzige Partei haben aktuell die Grünen in sämtlichen Kantonen gleich viele Kandidatinnen wie Kandidaten auf den Wahllisten oder gar eine Frauenmehrheit. Bei der SP sind die Kandidatinnen in elf Kantonen auf den Wahllisten in der Mehrheit oder paritätisch vertreten. Überdurchschnittlich hoch ist der Frauenanteil auch auf den Wahllisten bei der EVP (48%).

GLP, FDP und CVP haben ihren Frauenanteil um sechs bis acht Punkte gesteigert. Ihre Kandidatinnen-Anteile bewegen sich für die kommenden Wahlen zwischen 37 Prozent (FDP) und 41 Prozent (GLP) und liegen so in etwa beim schweizerischen Durchschnitt.

Niedrige Kandidatinnen-Anteile bei BDP und SVP

Beträgt der Anteil der Frauen auf den Wahllisten der BDP 31 Prozent, so ist auf den Wahllisten der SVP nicht einmal jede vierte Kandidatur weiblich (22%). Die BDP tritt in vier Kantonen mit Wahllisten ohne eine einzige Frau an, die SVP in zwei Kantonen.

Indikator für das Ernstnehmen der Gleichstellung

Hohe Frauenanteile auf den Wahllisten bedeuten nicht, dass automatisch viele Frauen gewählt werden. Sie sind vorerst Ausdruck der Sensibilität der Parteien gegenüber dem Postulat der Gleichstellung der Frauen in der Politik, und diese fängt bei der Bestimmung der Kandidaturen an. Die aktuellen Wahlen zeigen, dass sich die Parteien unterschiedlich stark um die Frauenvertretung auf den Wahllisten bemüht haben.

Tritt eine Partei in den meisten Kantonen mit vielen Frauen an, signalisiert dies, dass der Partei ein gleichstellungspolitisch aktives Erscheinungsbild wichtig ist (für die Wahl von Frauen müssen noch andere Bedingungen erfüllt sein). Tritt eine Partei dagegen mit Wahllisten mit mehrheitlich niedrigen Frauenanteilen an, allenfalls gar ohne Frauen, zeigt sie, dass ihr die Gleichstellung nicht oder nicht besonders wichtig ist.

Da bei den kommenden Wahlen die meisten Parteien die Frauenfrage insofern ernst genommen haben, als sie ihre Frauenvertretung auf den Wahllisten gesteigert haben, kann angenommen werden, dass – mit dem Rückenwind der öffentlichen Diskussion und den von den Parteien und Komitees getroffenen Unterstützungsmassnahmen – zumindest im Nationalrat die Frauenvertretung stärker werden dürfte.

Link zu den entsprechenden Zahlen des Bundesamtes für Statistik

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