Die wahre Giftgas-Blase wird ignoriert

René Zeyer's picture

Die wahre Giftgas-Blase wird ignoriert

Von René Zeyer, 05.09.2013

Am Treffen der wichtigsten Industriestaaten der Welt wird über Syrien diskutiert. Ein Ausdruck der Verantwortungslosigkeit. Banken bedrohen weiterhin die Welt.

Wer hat Giftgas eingesetzt? Und macht es irgend einen Sinn, dafür völkerrechtswidrig Syrien zu bombardieren? Als hätte die Welt nicht grössere Probleme. Zum Beispiel die giftige Blase, die sich weiterhin im Finanzsystem aufpumpt.

Am 15. September 2008, ja, ist schon fünf Jahre her, brachte der Bankrott der US-Zockerbank Lehman den weltweiten Geldhandel an den Rand einer Kernschmelze. Seither ist viel passiert, allerdings nur Ungutes.

Leere Worte ...

Regierende und Politiker kündigten weltweit ein energisches Durchgreifen an. Eine Kontrolle der virtuellen Geldblase von über 600 Billionen Dollar, aufgepumpt durch Derviate-Spekulationen. Wiedereinführung des Trennbankensystems, also die Separierung von Banken mit Publikumsverkehr und Investmentfinanzhäuser. Besteuerung und Einschränkung des High Frequency Tradings, wo mit Computerkraft in Millisekunden gezockt wird. Deutliche Erhöhung des Eigenkapitals bzw. Reduzierung der Bilanzsumme, um mit geliehenem Geld gehebelten hochriskanten Spekulationen einen Riegel zu schieben. Deckelung der Boni, um die kurzfristige Geldgier von Bankstern zu zügeln. Zerschlagung von Banken, die ein Systemrisiko darstellen und deshalb «too big to fail» sind. Alles Wortblasen.

... und klare Taten

In den meisten Industrieländern hat sich die Bilanzsumme der Banken, in Prozent des Bruttoinlandprodukts gemessen, in den letzten zehn Jahren deutlich vergrössert. Betrug sie beispielsweise in Grossbritannien schon 2002 fast 350 Prozent, ist sie bis 2012 auf knapp 500 Prozent gestiegen. In den wackelnden Eurostaaten Spanien, Italien und Frankreich ist es ähnlich. Weltweit ist das durchschnittliche Eigenkapital von Banken von lächerlichen 2 Prozent auf nicht minder lächerliche 3 Prozent gestiegen. Alleine in Europa müssten die Banken ihre Bilanzen in den nächsten Jahren um 3,2 Billionen Euro reduzieren und 47 Milliarden frisches Kapital aufnehmen, um als stabil gelten zu können.

Trennbankensystem, Transaktionssteuer, Abschmelzen von Boni, Zerschlagung von Zombie-Banken oder systemgefährdenden Riesendinosauriern – Fehlanzeige. Stattdessen hängen die meisten Banken am Tropf von Gratisgeld, das ihnen von den wichtigsten Notenbanken der Welt nachgeschmissen wird. Kein Wunder, machen einige von ihnen wieder Milliardengewinne. Das würde auch jedes Transportunternehmen schaffen, wenn der Treibstoff Benzin gratis wäre. Aber das ist nicht mal das Schlimmste.

Schlimmer geht’s immer

In der vorausschauenden Befürchtung, dass im «worst case», wie ein Banker zu sagen pflegt, Regierungen doch tatsächlich zu Regulierungsmassnahmen greifen könnten, haben Finanzhäuser weltweit ein Parallelsystem von sogenannten Schattenbanken aufgebaut. Dabei handelt es sich um Ableger, in die Bankgeschäfte ausgelagert werden, die aber den Vorteil haben, keine Banklizenz zu brauchen und daher fast keiner Kontrolle zu unterliegen. Früher waren das reine Spekulationsvehikel wie Hedgefonds. Heute bestreiten sie in den USA bereits rund die Hälfte des klassischen Bankenmarktes, wie beispielsweise die Vergabe von Hypothekarkrediten.

Aus Angst vor möglichen Einschränkungen der Zockerei an den Börsen haben Banken weltweit längst sogenannte «Dark Pools» eingeführt, Handelsplattformen für schnelle Nummern von Finanzakrobaten. Dort gibt es keine Offenlegungspflicht für Transaktionen, keine Kontrollen, kaum Regeln. Käufer und Verkäufer handeln anonym, wie in einschlägigen Lokalen für Sexualkontakte, von denen der Namen entlehnt wurde.

Die beiden Begriffe Schattenbanken und «Dark Pools» wurden übrigens nicht von bösartigen Kritikern der Banksterwelt erfunden, sondern sind offizielle Bezeichnungen, die in jedem Lexikon nachgeschlagen werden können.

Reine Ankündigungen

Zumindest mit dem Schattenbankensystem will sich der G-20-Gipfel von heute und morgen offiziell beschäftigen. Als sich immer klarer abzeichnete, dass ein vergleichbar nebensächliches Problem wie der Giftgaseinsatz in Syrien all diese Themen überschatten wird, da knallten die Champagnerkorken in den Chefetagen der Grossbanken. Dabei schwebt die Finanzgiftblase weiterhin über der ganzen Welt, und sie ist seit 2008 deutlich grösser und gefährlicher geworden.

Sollte sich fünf Jahre danach ein Fall Lehman wiederholen, würden zwar ein paar wenige inzwischen installierte Mechanismen eine mögliche Kernschmelze des weltweiten Finanzsystems verlangsamen. Da aber der rotglühende Kern von Zockerei und hochriskanten, gehebelten Spekulationsgeschäften nicht kleiner, sondern grösser geworden ist, ist das Risiko deutlich gewachsen.

Schon lange wird vergeblich zumindest eine Anhebung des Eigenkapitals von Banken auf 15 bis 20 Prozent gefordert. Nicht durch «risikogewichtete» komplizierte und unüberschaubare Schönrechnereien, sondern einfach gemessen an der Bilanzsumme. Mit Angstmacherei und der Behauptung, dass das die Versorgung der Wirtschaft mit Geld gefährden würde, konnte das bislang verhindert werden. Es ist ein Aberwitz: Wer für den Giftgaseinsatz in Syrien verantwortlich ist, bleibt zurzeit ungewiss. Wer für die sich weiter aufpumpende Finanzgilftblase verantwortlich ist – und wer von ihr profitiert – ist offensichtlich. Aber dennoch wird Syrien wohl bombardiert werden. Beim viel grösseren Problem hingegen werden es die Regierenden mal wieder bei Wortblasen bewenden lassen. 

Es gibt keinen Grund weshalb irgendeine Bank Geld verdienen darf mit Risikodeckungen die sie nicht selber leistet.
Man muss diesen Skandal sofort beenden. Es braucht ein Gesetz, das die Banken zur 100%-Risikodeckung verpflichtet mit Eigenkapital und Verlust-Versicherungen.
Sie muss zB 5% Risikoanteil bei einer öffentlichen Versicherung abdecken. Das würde eine Grossbank zB 50 Millionen CHF pro Jahr kosten. Jede Versicherung wäre motiviert, die Prämie zu kassieren, und gegenüber den Konkurrenten günstig zu sein.
Die Versicherungen errechnen die für alle faire Prämie.
Dann ist es so, dass wir, der Staat, für den bisher geschenkten Risikoanteil von 95% eine
Jahresprämie von 950 Millionen kassiert. Wenn die Bank das nicht zahlen will, dann muss sie
auf das Investmentbanking verzichten.
So einfach? Ja.

Dass irgendwelche Oligarchen, Scheichs, westliche Staatsmänner mit der auch kriminellen Finanzindustrie verbandelt sind, ist allen klar. Dass bei einem eventuellen Syrien-Bombardement geopolitische Interessen, sprich die Oberhand über die Energiegewinnung- und Verteilung zu gewinnen, mit ihm Spiel sind, ist ebenso klar. Das war im Irak schon so. Was aber unabhängig von diesem politischen Machtpoker geschehen müsste, wäre, dass in westlichen Demokratien die Finanzindustrie durch entsprechende Gesetzesänderungen endlich ihren Status als geschützte Werkstatt verlieren könnte. Sie haben schon recht, alles hängt am Tropf.

Genau. Das Problem ist der Zins und Zinseszins.
Dieser verlangt immer nach immer neuern Wachstum, den es bis zu einem gewissen Punkt so nicht geben kann.
Die Geldschöpfung hat das effektive Wachtum längst hinter sich zurückgelassen.
Anders gesagt: der Planet und alle Menschen wird soweit ausgebeutet, bis alles zerstört und tod ist.
Die einzige Möglichkeit diesen Wahnsinn zu stoppen ist, ein Geldsystem ohne Zins zu installieren. Dies könnte ziemlich schmerzfrei ablaufen.

Der Giftgaseinsatz in Syrien mit den aberwitzigen Hasardeuren der Finanzindustrie zu vergleichen, ist geschmacklos. Beim Giftgaseinsatz wurde klar gegen die geltende UNO -Menschenrechtskonvention verstossen. Wenn aber die Finanzindustrie ihre heiklen Geschäfte an Schattenbanken auslagert, hat das etwas zu tun mit mit den nach wie vor fehlenden gesetzlichen Bestimmungen und einem einhergehenden Nichtvollzug von Kontrollen, z.B. unserer FINMA. Und wer ist verantwortlich dafür, dass die gesetzlichen Bestimmungen fehlen: Ach ja: Wir sind wieder einmal bei den Politikern. Und wer wählt bei uns die Politiker: Der Souverän, als Garant für die beste Demokratie der Welt. Mit der hochgepriesenen Bankenregulierung (Basel III) ist eine Maus geboren worden. Natürlich passiert nicht viel - ausser, dass z.B. bei Goldman Sachs die Gewinne und die Saläre wieder explodieren. Und bei uns ist die UBS auf gutem Weg. Sie bezahlt zwar nach wie vor für beliebig viele Jahre keine Steuern, aber das Investmentbanking ist auf dem Weg der Besserung. Herr Zeyer, die Finanzindustrie und ihre Grobschlächter öden einen an. Der Markt wird, wie noch nie, mit billigem Geld versorgt, aber profitiert die Restwirtschaft davon? Wohl kaum! Die Zocker und Abzocker bleiben unter sich. Die Finanzindustrie hat den Schritt in die Parallelwirtschaft endgültig vollzogen. Ach ja: Etwas bleibt auch uns nicht erspart: In zehn Jahren werden unsere Renten halbiert sein.

hat mit Gewinnmaximierung zu tun. Das eine bedeutet Gewinne zu "erbeuten", das andere Verluste zu externalisieren, dann bleibt dort der Gewinn. Ist immer so!

Beide Themen sind wichtig und separat zu behandeln.

Ihr journalistischer Brei schmeckt mir keinesfalls. Bei der giftigen Finanzblase gehen Milliarden flöten, in Syrien sind es Menschenleben. Da können die Ihre Geldprobleme mal schön lange hinten anstehen.

Falls Sie mit diesem Artikel etwas Anderes ausdrücken wollten, Herr Zeyer, dann drücken Sie es einfach anders aus!

Danke, ein sehr guter Beitrag.
Syrien und das Geldsystem-Drama sind eng verknüpft.
Ein ruiniertes Land wie die USA kann durch einen Krieg seinen Ruin einige Jahre aufschieben, bis es das nächste Land angreifen kann (Iran, dann Länder in Afrika) usw. Der Crash wird aber eines Tages kommen.
Es hat sich herausgestellt, dass Saudi-Arabien und Katar den ganzen Angriff auf Syrien bezahlen wollen! (Quelle: Kerry bei Senatsanhörung!!)
Alle die einigermaßen Plan über den nahen Osten haben, wissen dass es vorwiegend um Gas und Ölpipelines geht. Alle Involvierten Länder der Pipeline wurden oder werden noch destabilisiert um den Preis zu drücken.
(Syren, Irak, Libanon, Türkei, Griechenland, Jugoslavien, Iran, Afghanistan, Ägypten und Libyen).
Wenn man auf der Landkarte von den Quellen zu den Konsumenten ein paar Linien zieht, weiss man, dass die Kriegshetzer lange und geschickt vorausplanen.
Das riesige geheim gehaltene Öl und Gasfels auf Zypern/ Griechenland könnte auch eine Rolle spielen, damit die umgrenzenden Länder nicht auf die Idee kommen Eigentumsanforderungen zu stellen. Dieser heute erschiene Artikel bestätigt meine Ansichten.
http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/09/05/warum-griechenland...
Auf jeden Fall ist das Geschwafel über einen Chemischen Kampfstoff lediglich Ablenkung und ein selbst arrangierter gesuchter Kriegsgrund.

Sorry, Gasfels sollte natürlich Gasfeld heissen.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren

«Belarus - ein Modell unserer Zukunft»

Reinhard Meier: Die belarussische Nobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch hat die russischen «Brüder» um Solidarität mit ihrem Volk gebeten. Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja antwortete, Belarus sei ein «Modell unserer nahen Zukunft». Mehr…