Eigenkapital

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Eigenkapital

Von René Zeyer, 04.07.2013

Wie kriegen wir den brandgefährlichen Finanzzirkus in den Griff? Wie verhindern wir, dass zockende Banken alles in den Abgrund reissen? Eine alte Idee wird aufgewärmt.

Kontrolle, Aufsicht, Bankenunion, Transaktionssteuer, Verbot von Leergeschäften, Abschalten des Hochfrequenzhandels – die Regierungen der westlichen Staaten haben schon viele Ideen geboren – und beerdigt. Nun kommt aus den USA eine neue Ansage, eine Rückkehr zu besseren alten Zeiten: eine deutliche Heraufsetzung des Eigenkapitals der Banken. Wäre nicht schlecht, zumindest heulen Banker weltweit auf, was immer ein gutes Zeichen ist. Warum das Geschrei? Dafür muss man das Geschäftsmodell des modernen Zockerbanking verstehen.

Der Hebel bringt’s

Ich bin eine Bank, nehme im sogenannten Eigenhandel mein Eigenkapital von 100 Franken in die Hand und mache ein Geschäft. Ich spekuliere auf einen Gewinn von 3 Prozent, denn ich bin eine seriöse Bank und will nicht zocken. Im besten Fall kassiere ich 3 Franken Profit, also eine Eigenkapitalrendite von 3 Prozent. Ist okay, aber nicht wirklich berauschend, und einen Bonus kriege ich dafür auch nicht. Aber he, Geld ist für mich als Bank doch faktisch gratis. Also leihe ich mir 5000 Franken für nix und haue die auch in ein Geschäft. Ich verwende also einen durchaus handelsüblichen Hebel von 50. Mache ich immer noch eher schlappe 3 Prozent Gewinn, sind das 153 Franken. Aber hallo, selbst nach Abzug einiger Unkosten habe ich eine Eigenkapitalrendite von weit über 100 Prozent. Wenn wir nun noch eine beliebige Anzahl Nullen hintendran hängen, kommen wir schnell in den Bereich, in dem Champagnerlaune herrscht und dicke Boni sprudeln.

Das Problem ist nur: Mache ich stattdessen bloss 2 Prozent Verlust, also 102 Franken Miese, dann ist mein Eigenkapital weg, meine Bank ist blank. Schalter zu, Bankrott. Dumme Sache, ausser, ich bin systemrelevant. Dann sage ich «Hilfe», und schon kommt Väterchen Staat und hilft mir mit dem Geld seiner Steuerzahler. Oder weist die Notenbank an, mich mit eigentlich gar nicht vorhandenen, weil frisch gedrucktem Geld zu versorgen. Problem scheinbar gelöst.

Der Dschungel

Nun müssen wir einen kurzen Ausflug in den Dschungel der absolut wahnsinnigen Berechnung der Eigenkapitalquote (also des Verhältnisses von Eigenkapital und Bilanzrad) moderner Banken unternehmen. Und das Zauberwort «Risikogewichtung» einführen. Eine Bank sagt: Wir müssen doch wohl nicht für alle Kredite in unseren Büchern gleich viel Eigenkapital für den schlimmsten aller Fälle, nämlich dass der Kredit hops geht, vorhalten. Beispielsweise ein Staatsschuldpapier ist doch eine bombensichere Sache, eigentlich Bargeld im Tresor. Na ja. Aber wie auch immer, das gilt ja für alle Formen von ausgeliehenem Geld, und die Berechnung des risikogewichteten Eigenkapitals ist eine verdammt knifflige und komplizierte Sache. Riesen-Algorithmen nötig, Supercomputer, Nerds, nichts für Anfänger.

Deswegen wird sie, leider kein Witz, von allen staatlichen Kontrollorganen den Banken selbst überlassen. Die kommen dann auf einen bunten Strauss von Zahlen, nach Basel 2,5 oder Basel 3, mit «Swiss Finish» oder ohne, aber eines ist so sicher wie eine Bankgarantie: Werden 6, 9, oder gar 19 Prozent risikogewichtete Eigenkapitalquote verlangt: Die Banken erfüllen diese Anforderung spielend. Sind bestens aufgestellt, bereits heute so kapitalisiert, wie sie es eigentlich erst in zwei, drei, fünf Jahren sein sollten. Super Sache.

Blöd nur, dass beispielsweise in Europa immer wieder Banken, nicht nur in Zypern, Griechenland oder Spanien, hops gehen oder mit Multimilliarden gerettet werden müssen, obwohl sie sogar kurz zuvor einen staatlichen «Stresstest» mit Bravour bestanden haben. Mit anderen Worten: All diese risikogewichteten Eigenkapitalberechnungsmodelle sind Unfug. Pipifax. Schrott. Untauglich.

Die Komplizenschaft

Wenn ein Staatsschuldpapier in den Büchern einer Bank absäuft, weil beispielsweise eine freche Rating-Agentur seinen Wert auf Ramsch stellt, dann haben Staat und Bank ein Problem. Der Staat sowieso, aber die Bank auch, weil sie ja selbst risikogewichtet dieses Papier mit mehr Eigenkapital unterlegen müsste. Hat sie das nicht, säuft sie selbst ab. Das wiederum ist bekanntlich alternativlos schlimm, wenn es sich um eine sogenannt systemrelevante Bank handelt. Also sagt der Staat: Okay, das müssen wir unbedingt verhindern, weil Weltuntergang und um Himmels willen. Also darfst du, liebe Bank, dieses Schrottpapier zur Notenbank tragen, die akzeptiert es als Sicherheit für fast die gleiche Menge Bargeld, alles wieder im Lot. In Wirklichkeit ist das eine elende Komplizenschaft zwischen Privatbanken und Staaten, echt kriminell.

Zurück zum Eigenkapital

Nun spekulieren Banken bekanntlich nicht nur mit Staatspapieren, sondern zocken so ziemlich mit allem, was nicht bei drei auf den Bäumen ist und sich Derivat nennen lässt. Mit allen Schikanen, die dem modernen High-tech Financial Engineering so einfallen. Und mit Hebeln, über die Archimedes in Entzückensschreie ausbrechen würde. Dagegen gäbe es ein einfaches Mittel. Die sogenannte Leverage Ratio, also das richtig harte Eigenkapital (beispielsweise in Form des Börsenwerts), das eine Bank genauso einfach wie jede Bude in der Realwirtschaft ausrechnen kann, im Verhältnis zur Bilanzsumme sollte gesunde 30, 40 Prozent ausmachen. Wie bei den meisten Firmen ausserhalb des Finanzzirkus auch.

Da heulen die Banker auf. So könnten sie die Wirtschaft nicht mehr mit Krediten versorgen. Müssten schlagartig mehr Zinsen verlangen, Kapital aufnehmen, keine Dividenden mehr ausschütten. Tiefste Rezession, Krise, Weltuntergang, unmöglich. Alles Unsinn. War vor wenigen Jahrzehnten Standard im seriösen Banking. Ist problemlos machbar. Wieso dann das Geschrei? Ganz einfach; wir erinnern uns: je weniger Eigenkapital, desto grösser der Hebel, desto mehr Eigenkapitalrendite, desto mehr Bonus, Kohle, Multimillionengehalt. Das wäre dann tatsächlich weg. Aber das könnten wir Steuerzahler verschmerzen. Locker.

Also mir gefällt die Antwort des Autors. Wer etwas mit "Wissen" erklären und zu rechtfertigen versucht das ihm eingetrichtert wurde, und das in Wirklichkeit nur in Studienbüchern funktionieren kann, der muss mit einer solchen Antwort rechnen. Man muss nichts von irgendwelchem "Risk Management" verstehen. Sondern lediglich, dass unendliches Wachstum nicht möglich ist. Etwas was jedem Gärtner sofort einleuchtet. Es dauert länger bis so gezüchtete Wirtschafts- und Bankenfachidioten es verstehen.

Das Resultat der seriösen Arbeit der Banken liegt nun schon länger vor aller Augen. Egal wie scheinbar kompetent man sich hinter Fachausdrücken verschanzt und seinerseits schlecht gezielt auf Mann zu spielen versucht. Wichtiger als Egotheater und persönliche Fights mit dem Autor scheint mir, endlich mal die Prioritäten anders zu setzen: Durch dieses durch Banken und ihre "Hebeleien" angerichtetes Desaster kracht ein Land nach dem anderen zusammen, die Leute stehen auf der Strasse, verlieren alles was sie haben und der Druck im Kessel steigt. Schlussendlich werden wir alle dafür bezahlen müssen was Arroganz und Gier in diesen kriminellen und unterdeckten Vereinigungen angerichtet haben. Wie hier bereits aufgeführt wurde, haben die Banken die Politik am Wickel und wir erleben Tag für Tag die Konsequenzen dieser unheiligen Verbindung wohl bis endgültig nichts mehr geht. Sucht und Gier können manchmal nur mit einem kalten Entzug beendet werden.

Wow, eine Antwort des Autors. Aber leider: Typisch Kommunikationsberater der alleruntersten Klasse (das hier Journalismus zu nennen, waere eine Beleidigung). Perfide auf den Mann/Frau spielen ohne sich auch nur eine Sekunde mit den Tatsachen und Argumenten auseinandersetzen. Es fehlen offensichtlich die Argumente und das Wissen, aber das macht man dann eben mit aggressiven Frechheiten wett. Zugegeben, man (vor allem in der Kommunikations und Boulevard Branche) weiss es wirkt, leider, macht aber die Diskussion nicht besser. Das ist aber offensichtlich auch nicht das Ziel. Warum nicht? Fazit: scheinbar sind ja schreiende Banker ein Zeichen, dass man etwas richtig macht. Da nehmen wir doch einfach an, dass der 'schreiende' Autor ein Zeichen ist, dass man ins Schwarze getroffen hat. Schade, er könnte mit konstruktiver Kritik und Analyse einiges mehr erreichen, wenn er denn nur könnte....

Das ist erheiternd: Es gibt ihn noch, den Banglisch schwurbelnden Möchtegern. Dessen Gewissheit, dass alles im Griff sei, sitzt ungefähr so felsenfest wie bei einem irischen Banker. Man ist leicht verunsichert: Ist das Realsatire oder ernst gemeint? «Nebeneffekte des Fortschritts»? Über den kleinen Nebeneffekt, dass die Steuerzahler im Rahmen der letzten Finanzkrise ungefähr 6000 Milliarden Miese übernehmen mussten, die fortschrittliche Banker bastelten, wollen wir doch kein Wort mehr verlieren. «Autos verbieten, weil es Unfälle gibt»? Aber nein. Autos verbieten, die keine Bremsen haben und hinter dem Steuer, das im Leeren dreht, sitzt mit heruntergeklapptem, undurchsichtigem Visier ein Vollpfosten wie dieser anonyme Gast und will Vollgas geben? Ganz sicher. Als Beitrag zum Artenschutz für dumme Dinosaurier erteilen wir ihm hier doch unzensuriert das freie Wort, auf dass er sich ungeniert lächerlich machen kann.

He's back, nachdem es eine Zeitlang darum ging allen Politikern etc Dummheit, Landesverrat und was sonst noch alles vorzuwerfen (wohlweislich ohne jeweils nur einen positiven Vorschlag einzubringen aber dann schoen in einem Editioral sich darueber beklagend, dass ihm das vorgeworfen wird), sind wir zurueck bei den mythischen Boesewichten, ie den Bankern. Er ist schlimmer und unwissender denn je in der Sache und im Stil auf tiefstes Boulevard Niveau (ca. National Enquirer) abgesunken. - Man ist sich wie immer nicht sicher ob er jetzt Einkommen, Gewinn vor/nach Steuern etc meint (die 3 Franken sind einmal Gewinn, dann sind aber die 153 Franken vor Kosten etc!?). Wahrscheinlich meint er 3% 'Revenue' von dem man dann natuerlich 65%+ Kosten abziehen muss, um auf einen Gewinn (vor Steuern) zu kommen. Damit waere der Gewinn dann im Beispiel nicht 153 sondern max. 54 Franken und die Rendite waere 54%, nicht weit ueber 100%. Aber warum soll man denn einer schoenen Polemik Fakten in den Weg stellen? - 54% waren natuerlich auch nicht schlecht. Dumm ist nur, dass keine serioese Bank heutzutage eine Leverage Ratio von 50 hat wie oben behauptet, weniger als 20 ist die Norm. Beispiel oben also nutzlos, da die Rendite max. 22% wäre. Natuerlich nur wenn die 3% einen Durchschnitt darstellen. Sieht man sich die Hypo Zinsen in der Schweiz an, waeren 2% netto wahrscheinlicher. Womit die Rendite dann bei 20x Leverage auf 15% sinkt. Bei einem Cost of Capital von mehr als 10% ist das genuegend aber nicht berauschend. Aber man muss eben entweder ein bisschen Fachwissen haben oder zumindest willig sein, es zu benuetzen. - Das staendige Benutzen von 'Zockerei' anstelle von Risk Management ist auch nicht hilfreich. Die Grundlage jeder Bank ist Risiko einzugehen und erfolgreich zu managen. Sonst gaebe es keine Hypotheken etc. (Kredit ist der ultimative 'Prop' trade oder eben in Zeyer-Speak Zockerei) - Warum sollen Banken leverage ratios wie andere Firmen haben? Voellig anderes Geschäft, Risk Management eben und nicht Autos bauen oder Kommunikations Beratung machen. Unsinniger Vorschlag - Risikogewichtung ist so offensichtlich eine nuetzliche Sache, dass man fast meint zu träumen, wenn sie hier angegriffen wird. Es ist absolut logisch, dass nicht alle Risiken gleich sind und man sie daher auch nicht gleich behandeln soll. Offensichtlich soll die Schweiz fuer ihre Staatsanleihen weniger bezahlen als Griechenland. Muss aber das gleich Kapital in der Bilanz fuer schweizer und griechische Papiere hinterlegt werden, ist das oekonomischer Unsinn (das gleich gilt fuer Kredit Zinsen, Hypotheken usw) - Es stimmt, dass Banken ihre eigenen Modelle zur Riskiogewichtung benutzen können. Aber natuerlich nur, nachdem sie von den staatlichen Kontrollorganen geprueft & abgesegnet worden sind! - Nur eine Leverage Ratio zu benutzen ist eklatanter Unsinn - das wuerde offensichtlich nur die sog. 'Zockerei' foerdern, da man um die Rendite zu steigern, groessere Risiken eingehen müsste. Genau das, was man vermeiden will. Das heisst aber nicht, dass Leverage nicht eine von mehreren Faktoren sein sollte, einfacj nich der Einzige. - Nur weil etwas vor Jahrzehnten Standard war, muss nicht heissen, dass man es wieder so machen muss nur um die Nebeneffekte des Fortschritts zum Verschwinden zu bringen. Oder sollte man Autos verbieten weil es Unfaelle gibt? Und es ist ja auch nicht der Fall, dass es frueher keine Bank Bankrotte gab...Leider ist diese Nostalgie im Trend, macht sie aber nicht logischer oder besser.

Wie gesagt, he's back, versteht von der Sache immer noch sehr wenig, weiss aber, wie man gut polemisiert und schoene 'Strawmen' aufbaut. Schade, dass das hier immer noch einen Platz findet

Das kleine Problem ist nur, dass in fast allen Ländern - voran USA, GB und CH - die Banken die Parteien und damit die Politik beherrschen, und nicht umgekehrt!

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