Ein komplettes Desaster

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Ein komplettes Desaster

Von René Zeyer, 15.07.2012

Nicht nur die Credit Suisse ist offensichtlich anhaltend unfähig, das Heiligste einer Bank, die Kundendaten, zu beschützen. Und die Politik des Bundesrats, mit bilateralen Steuerabkommen die Abgeltungssteuer zu verteidigen, ist definitiv gescheitert.

Dummbanker profitieren, neben Boni, auch vom Ermüdungsfaktor, den die ewige Wiederholung des Immergleichen bewirkt. Seien wir ehrlich, der neuste Ankauf einer Steuersünder-CD durch Deutschland löst nur aus: Ach, schon wieder. Und gut, dass es diesmal die RBS-Tochter Coutts getroffen hat. Immerhin nicht schon wieder die CS.

Dumm und unfähig

Als Kundendaten und Kontobewegungen noch mit dem Federkiel in Kontorbücher gekratzt und abends in den Safe eingeschlossen wurden, zu dem nur der über jeden Zweifel erhabene Prokurist einen Schlüssel hatte, ist das (fast) nie passiert. Selbst bis in die 80er-Jahre konnte ein Kunde einer Schweizer Bank (fast) sicher sein, dass mit seinem dort gelagerten Vermögen zwei Dinge nicht passieren: Es ist weg, oder er findet seine Daten und seinen Namen in der Öffentlichkeit oder in den Händen von unbefugten Behörden wieder. 30 Jahre Gierbanking genügten, damit das nicht mehr so ist. Ein weiterer Beweis dafür, dass der moderne Banker in erster Linie dumm und unfähig ist.

Die grossartige IT-Infrastruktur

Moderne Datenverwaltung im Zeitalter von vernetzten Computern ist etwas Grossartiges. Weltweit können auf mehr als 60 000 Terminals der UBS oder der CS gleichzeitig neue Programme gespült, Zugriffshierarchien erstellt, Geheimhaltung garantiert, Verstösse sofort registriert und geahndet werden. Ist alles eigentlich banal, funktioniert in jedem KMU weitgehend rumpelfrei. Warum nicht in einer modernen Grossbank? Ganz einfach, weil Investitionen in die IT-Struktur keinen schnellen Profit generieren, sondern nur kosten. Das hat unangenehme Folgen.

Blabla und Wirklichkeit

Risk Management, High Tech, modernste Sicherheitsmassnahmen beschützen die Privatsphäre des Kunden. Behaupten die Banker. In Wirklichkeit verfügen Computer-Terminals in Banken lediglich über ein gesperrtes CD-Laufwerk. Schon das Anstöpseln eines Memory Sticks über einen USB-Port gestaltet sich hingegen eher einfach. Vom banalen Trick, mit dem Handy ein Bildschirmfoto zu machen oder die Bildschirmdarstellung auszudrucken, ganz zu schweigen. Aber das ist im wahrsten Sinne nur die Oberfläche.

Outsourcing

Im Rahmen des modernen Schlankmanagements wurden schon lange viele vermeintlich banale Dienstleistungen ausgelagert. Datenverarbeitung in Indien, Call-Center überall auf der Welt. Beschäftigung von externen IT-Technikern, die zur Verwaltung der primitiven Excel-Tabellen und deren Neuordnung, auf denen sämtliche Kundendaten abgelegt sind, natürlich Zugriff zu den Klarnamen brauchen. Oder mit wenigen Handgriffen Verschlüsselungsprogramme ausser Kraft setzen können, die sie im schlechtesten Fall selber installiert haben.

Keine Einzeltäter

Wenn ein Falciani, ein Elmer, ein Kieber oder wie sie alle heissen immer wieder beweisen, dass es kein Kunststück ist, Tausende von Kundendaten zu behändigen, wird immer die gleiche Leier gespielt: Bedauerliche Einzelfälle, gegen kriminelle Energie sei man halt machtlos, die Sicherheitsmassnahmen seien angepasst und perfektioniert worden, kann nun nicht mehr passieren. Wer schon einmal mit einem IT-Techniker gesprochen hat, der Dienstleistungen für Banken erbringt, kann darüber nur schallend lachen. Wer weiss, wie bis heute Kernzahlen wie Value at Risk erstellt werden, also die Berechnung des möglichen Maximalschadens an jedem beliebigen Tag einer weltweit Eigenhandel betreibenden Bank, dem bleibt das Lachen im Hals stecken.

Und die Politik?

Wer noch ernsthaft daran glaubt, dass bilaterale Abkommen und Abgeltungssteuer der einzig richtige Weg zur Rettung des Vermögensverwaltungsplatzes Schweiz ist, lebt in einer Parallelwelt. Wer noch darauf hofft, dass Deutschlands Länderkammer Bundesrat das Abkommen mit der Schweiz ratifizieren wird, sollte sich mal untersuchen lassen. Das lässt sich vielleicht medikamentös behandeln. Wer beim eidgenössischen Bundesrat oder bei der Schweizerischen Bankiervereinigung noch eine Strategie sehen kann, sollte dringend zum Optiker. All das muss ja nicht mehr ernsthaft diskutiert werden.

Vorschlag zur Güte

Alle diese Probleme könnten nicht nur Schweizer Grossbanken auf einen Schlag lösen. Sie stellen einfach alle Kundendaten und Kontobewegungen ins Internet. Jeder Bankkunde müsste bei Kontoeröffnung eine entsprechende Einverständniserklärung unterschreiben. Wer hingegen wirklich auf Vertraulichkeit besteht, bezahlt dafür sagen wir mal jährlich drei Prozent des Guthabens als Gebühr. Dafür wird ihm garantiert, dass seine Kontoführung von Hand erfolgt und dafür nur Bankbeamte verwendet werden, die über Jahre hinweg ihre untadelige Verschwiegenheit unter Beweis gestellt haben. Diese Idee scheitert allerdings, wie so vieles, an der Realität: Dafür müsste man die noch lebenden Bankiers alten Schrot und Korns aus der Pensionierung holen.

Seit Jahren lasse ich von meiner Bank Steuerauszüge erstellen, wo jeder Franken und jede Bewegung im Portfolio ausgewiesen ist. Diese reiche ich mit meiner Steuererklärung ein. Gegenüber den Steuerbehörden bin ich ein gläserner Bürger, sonst gilt das Bankkunden-geheimnis. Warum können die Banken nicht verpflichtet werden, für jeden Kunden ein Steuerverzeichnis zu erstellen und allenfalls sogar direkt der Steuerbehörde zur Verfügung zu stellen?

Wieder wäre Ihnen weitgehend zuzustimmen, aber ein kleiner Fehler hat sich eingeschlichen … mit grosser Wirkung auf Ihre Schlussfolgerung: "er findet seine Daten und seinen Namen ... in den Händen von unbefugten Behörden wieder."

Es sind eben keine "unbefugten" Behörden, sondern sie sind sehr wohl befugt, die Daten dieser Bankkunden zu kennen. Im Gegenteil: Die Bankkunden sind sogar i.d.R. gesetzlich verpflichtet, diesen (Finanz-) Behörden an ihrem Hauptwohnsitz über ihre gesamten Vermögen und Einkommen zwecks Erhebung einer entsprechenden Steuer ohne Aufforderung anzugeben. Oder meinen Sie, irgendein "Datendieb" könnte z.B. einer deutschen Finanzbehörde Daten verkaufen, die diese schon selbst besitzt, weil sie ihr auf legalem Wege übermittelt worden sind?

Dies war der "kleine" Fehler: Aus "unbefugt" mache: "berechtigt".

Nur zur falschen Schlussfolgerung: Natürlich kann man alle Daten von allen ins Netz stellen – in Schweden funktioniert die Gesellschaft damit hervorragend, sogar trotz der hohen Steuerlast. Trotzdem könnte man meinen, dass eine solch weitreichende Offenlegung der persönlichen Einkommensverhältnisse vielleicht doch zu weit gehen und bspw. Kriminelle aufmerksam machen könnte. Daher wäre der einfachere Weg, die jeweilige Bank würde die Daten ihrer Kunden an die Finanzbehörden an deren Hauptwohnsitz (oder wo immer sie sonst noch steuerpflichtig sind) übermitteln – natürlich nur, um Unnannehmlichkeiten und Missverständnisse zu vermeiden, falls die ehrlichen Kunden dies bisher "vergessen" haben sollten …

Damit wäre allen geholfen: Kein Kunde müsste vor seinen Finanzbehörden zittern, keine Bank müsste ihre Mitarbeiter gängeln, und kein Mitarbeiter mit Gerechtigkeitsempfinden würde sich bemüssigt fühlen, sein Wissen über (halb)kriminelle Machenschaften und daraus resultierende Vermögen irgendwelchen Finanzbehörden zu übergeben … oder ihnen dieses Wissen aus eigener Geldgier zu verkaufen.

So einfach wäre das …

Da kann man sich schon fragen, warum sich gierige Bankster und schweizer Behörden bis hin zum Bundesrat eigentlich zum Handlanger unehrlicher Kunden machen sollen … oder nicht?

@ Patrix:

Simpel: Private Mobiltelefone und andere Geräte mit Kamera werden beim Portier deponiert und von diesem werden geschäftliche Geräte ohne (funktionierende) Kamera ausgehändigt.

Jemand der Kundendaten klaut und sie an die Öffentlichkeit bringt, begeht eine strafbare Handlung. Egal ob es sich um unsaubere Kunden handelt. Der Täter muss bestraft werden. Und ein Land wie Deutschland sollte nicht mit Rechtsbrechern zusammenarbeiten und ihnen noch viel Geld dafür geben. Nicht nur die Schweiz, auch andere Länder wie die USA, GB, Südamerika, Ostasien und auch Deutschland nehmen schmutziges Geld an. Das ist hinlängst bekannt. Die Realität ist nun mal die, dass es keine ‘Good-Banks‘ gibt. Aber warum immer die Schweiz zum Prügelknaben gemacht wird, kommt mir verdächtig vor. Ich bekomme langsam den Eindruck, dass da eine Verschwörung im Gang ist. Die USA, GB, Deutschland (EU) brauchen dringendst Geld um ihre enormen Schulden abzubauen. Zudem wollen sie den Finanzplatz Schweiz destabilisieren und damit bezwecken, dass Kundengelder in ihre Bankensysteme gelangen (egal ob sauber oder schmutzig!). Deshalb stürzt man sich auf ein Land, wo es viel zu holen gibt. Es würde mich nicht wundern, wenn Geheimdienste dieser Länder IT-Leute anheuern, solche Taten zu begehen. Die Schweizer Regierung sollte mehr Klauen und Zähne zeigen und sich nicht alles gefallen lassen.

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