Erneuerbare verdrängen fossile Brennstoffe

Christoph Zollinger's picture

Erneuerbare verdrängen fossile Brennstoffe

Von Christoph Zollinger, 19.08.2020

Die Schweiz hat 2017 Ja gesagt zur Klimawende. Der Bundesrat hat «Netto Null» bis 2050 beschlossen. Jetzt beginnt die Arbeit.

Die Politik weltweit beschliesst seit Jahren, aktiv gegen die Klimaerwärmung vorzugehen. Taten müssen endlich den Worten folgen.

Leere Worte beim Klimaschutz

«Alle Welt» spricht vom Klimaschutz. Eine der Hauptursachen der Klimaerwärmung sind die fossilen Energien. Diese zu reduzieren ist also beschlossene Sache. Auch die Schweiz macht mit. Nur – nach wie vor subventioniert «alle Welt» diese fossilen Energien mit unglaublichen Milliarden jährlich. «Aber gleichzeitig fördern die EU-Mitgliedsländer mit einer endlosen Reihe von Fördergeldern und Vergünstigungen den Verbrauch von fossilen Treib- und Brennstoffen.»

«Die Subventionen reichen vom steuerbegünstigten Diesel bis zur Stützung der Kohleindustrie, von der Steuerfreiheit für die Luftfahrt bis zu kostenlosen Emissionslizenzen für die Stahl- und die Chemieindustrie. So heizen die 30 Staaten der europäischen Wirtschaftszone plus Grossbritannien und die Schweiz die globale Erwärmung Jahr für Jahr mit mindestens 137 Milliarden Euro an. Dies ergaben Recherchen des Journalistinnenteams Investigate Europe» (Republik).

Wovor fürchten sich die Regierungen?

Die gleichen Regierungsvertreter/innen, die mit ernster Miene versprechen, den Kampf gegen die Klimaerwärmung tatkräftig zu forcieren, akzeptieren, dass in ihren Ländern die Förderung von Dieseltreibstoff wie eh und je Tatsache ist: Die Energiesteuer ist für Diesel weniger hoch als für Benzin (aus längst überholten Gründen).

Auch wenn die Schweiz keinen Dieselsteuerrabatt kennt, summieren sich die Fördergelder und Verzichtmassnahmen auf stattliche 2,6 Milliarden Franken jährlich. In Millionen Franken belaufen sich, gemäss OECD, die wichtigsten Beträge auf

            172     Nichtbesteuerung von Flugbenzin

            333     Pendlerabzüge

            306     Ausnahmen beim Emissionshandel

            256     Div. Subventionen.

Da stellt sich dann doch die Frage, warum solch – zum Teil seit langem völlig unangebrachte – grosse Beträge gesprochen werden, die den beschworenen Klimaschutzmassnahmen diametral entgegenlaufen. Übt da etwa jemand Druck aus?

Fossile Brennstoffe: kein nachhaltiges Modell

Gerade in Corona-Zeiten der wirtschaftlichen Verwerfungen sollten also die Regierungen dringend darüber nachdenken, warum sie es zulassen, dass ein Industriebereich, der für 65 Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich ist, weiterhin subventioniert wird. Brisantes Detail: Der Rohölpreis kollabierte im Frühling 2020 zufolge Produktionsdrosselungen in den Förderländern. Somit tritt ein, was einst undenkbar war und zudem diametral allen Klimaschutzmassnahmen entgegenläuft: Das Benzin an der Tankstelle ist billig wie noch nie, die Heizölpreise sackten auf ein Rekord-Tiefstniveau – wer will da noch weg vom Dieselfahrzeug oder Ölheizungen ersetzen?

Zurück zur Frage, wie die Erderwärmung gestoppt werden könnte. Die Abschaffung dieser Subventionen wäre wohl der überfälligste Schritt, die Besteuerung des fossilen Energieverbrauchs der zweite. «Laut Berechnungen des IWF beliefen sich die für die Produktion von fossilen Brennstoffen gewährten Subventionen 2017 auf 6,5% des globalen BIP. Ohne diese Subventionen hätten die Emissionen 28% niedriger sein können, was zu einer Halbierung der durch Umweltverschmutzung verursachten Sterblichkeit und zu einem insgesamt um 1,7% höheren globalen BIP geführt hätte» (Handelszeitung).

Solarenergie hat Oberwasser

Noch immer begegnen Schweizer/innen der Solarenergie (Photovoltaik) mit grosser Skepsis, die geschürt wird durch jene Lobbykreise, die hinter den Kulissen für fossile Energie weibeln. «Dabei liefern Solarmodule sauberen Strom, sie stehen auf Feldern und Hausdächern und sind jetzt gar als schwimmende Kraftwerke unterwegs. Gemäss US National Energy Laboratory (NREL) könnten schwimmende Solaranlagen rund zehn Prozent des Strombedarfs der USA decken (Globalance).

In der Schweiz planen Axpo und EWZ grosse Solarkraftwerke auf Stauseemauern, da sich die Sonnenenergie in den Bergen effizienter produzieren lässt als im Mittelland (TA). Die NZZ am Sonntag berichtet von Solarmodulen auf dem Lac des Toules, einem Stausee im Wallis auf 1810 Metern über Meer. Diese Beispiele zeugen von Pioniergeist – ohne Photovoltaik ist keine Energiewende zu realisieren.

Was Experten schon lange sagen: «Der Strom aus Sonnenenergie kann längst kostengünstiger erzeugt werden al aus fossilen Energiequellen. Agro-Photovoltaik ist z. B. eine innovative Anwendung: Da wird Solarstrom über dem Acker erzeugt (die Schafe grasen unter einem Solarzellen-Dach). Andreas Bett vom Frauenhofer-Institut für Solare Energiesystem in Freiburg weist darauf hin, dass Solarmodule heute auf Schallschutzwänden und Parkplatz-Überdachungen eingebaut oder entlang von Bahnlinien und Autobahnen aufgestellt werden» (ZEIT).

Geradezu euphorisch tönt es aus Chile, wo die Sonneneinstrahlung in der Atacama-Wüste auf 2500 Metern über Meer stärker ist als irgendwo auf der Welt. Eine neue Studie bescheinigt dem Land, dass sämtliche erneuerbare Energieträger des Landes ein Gesamtpotenzial von 1850 Gigawattstunden pro Jahr ergeben. Das wäre dann etwa 18-mal so viel wie Südamerikas grösstes Wasserkraftwerk Itaipu derzeit jährlich produziert (Bulletin).

Die Schweiz weit abgeschlagen

Die meisten EU-Staaten sind beim Ausbau erneuerbarer Energien der Schweiz weit voraus. Schade, am Geld kann es ja wohl nicht liegen. «energieschweiz» im Energiejournal fordert uns denn auch auf: «Heizen Sie das Haus, nicht das Klima.» In seinem Editorial ruft uns Geschäftsführer Patrick Kutschera in Erinnerung, was Wert ist, hier zitiert zu werden: «In der Schweiz geht ein Drittel der CO₂-Emissionen auf das Konto des Gebäudesektors, in rund 60 Prozent aller Wohnhäuser steht noch eine Öl- oder Gasheizung. […] Wer die Öl- oder Erdgasheizung aufdreht, beendet mit einem einzigen Handgriff eine Geschichte, die vor kaum vorstellbaren 100 Millionen Jahren begann. Mit Abermilliarden von Meerestieren und -pflanzen, die, nachdem ihre Zeit abgelaufen war, abgestorben auf den Meeresgrund sanken. Sie wurden zu Faulschlamm und damit zur Grundlage für das heutige Erdöl und Erdgas. […]

Das grosse Problem ist nicht, dass wir innert Sekunden ein Jahrmillionenwerk der Natur abfackeln, sondern dass diese Geschichte eine dramatische Fortsetzung hat. Denn mit der Verbrennung setzen wir in Form von CO₂ Kohlenstoff frei, der seit der Zeit der Dinosaurier in den fossilen Rohstoffen gespeichert war. So gelangen Unmengen an CO₂ in die Atmosphäre und verstärken den Treibhauseffekt, den Klimawandel.»

Aufruf an junge Wissenschaftler

Zum Abschluss dieser kurzen Energie-Übersicht lasse ich Khali Amine, «Global Energy Prize 2019»-Gewinner sprechen, er ist Batterieforscher in Chicago, Erfinder der NMC-Kathode, also Nickel-Mangan-Kobalt-Kathode, die wegweisend war für Elektrofahrzeuge. Er, der bereits mit seinem Team an der nächsten Generation Batteriespeicher arbeitet, rät jungen Wissenschaftlern: «Arbeiten Sie hart und haben Sie Vertrauen in Ihre Arbeit. Versuchen Sie auch, nicht nur dem zu folgen, was andere Leute tun. Man muss die Dinge anders und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, um innovativ und kreativ zu sein» (smartmedia).

„Obwohl heute viele Leute mehr als genug oder genug von immer mehr Ballast haben, ist Suffizienz als energiepolitisches Mittel verpönt. Die Verfasser der neuen Energiestrategie, die Schweizer Regierung und ihre Beraterinnen, klammerten solche nachfragesenkenden Verhaltensänderungen bewusst aus mit dem Argument: «Solange technologische Optionen zur Verfügung stehen, werden Suffizienzstrategien als nicht akzeptabel angesehen.» Oder mit den Worten der damaligen Energieministerin Doris Leuthard: «Ich will keine asketische Gesellschaft»." (Hanspeter Guggenbühl in Infosperber vom 25.7.2020)

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren

«Belarus - ein Modell unserer Zukunft»

Reinhard Meier: Die belarussische Nobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch hat die russischen «Brüder» um Solidarität mit ihrem Volk gebeten. Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja antwortete, Belarus sei ein «Modell unserer nahen Zukunft». Mehr…