Ferien im Tessin für Tessiner

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Ferien im Tessin für Tessiner

Von Beat Allenbach, 16.05.2020

„Erlebe dein Tessin“: Mit diesem Slogan will die Tessiner Regierung dem Tourismus- und Gastgewerbe unter die Arme greifen und die Bevölkerung zu Ferien im Tessin ermuntern.

Um den Tessiner Tourismus zu fördern, hat die Regierung zusammen mit der Tourismusorganisation und der Kantonalbank beschlossen, die Bevölkerung unter dem Motto „Vivi il tuo Ticino“ (Erlebe dein Tessin) anzuregen, den eigenen Kanton zu entdecken. In der Zeit zwischen dem 22. Juni und dem 30. September erhalten alle im Tessin wohnhaften Personen auf Übernachtungen im Tessin, die mehr als 150 Franken kosten, einen Rabatt von 20 Prozent; Erwachsene, die in einem Restaurant wenigstens 40 Franken fürs Essen ausgeben, erhalten einen Bon von 25 Franken. Details werden später bekannt gegeben. Im Tessin zweifeln manche, dass die Einheimischen innerhalb des Kantons auswärts übernachten werden; mehr Zuspruch wird wohl der Essensbon finden.

Am Montag ist im Tessin erstmals seit vielen Wochen niemand infolge des Coronavirus gestorben und es gab auch keine neue Erkrankung. Diese doppelte Null hat sich erfreulicherweise am Mittwoch wiederholt, doch am Vortag gab es vier neue Erkrankungen. Auch am Donnerstag war niemand gestorben, aber es wurden einige neue Erkrankungen registriert. Das sind gute Nachrichten, doch der Kantonsarzt Giorgio Merlani betont, dass Distanzhalten und Händewaschen weiterhin strikte zu beachten seien, damit die Zahl der neuen Infektionen nach der Öffnung auch von Geschäften und Restaurants nicht wieder emporschnellt. 

Schulen wieder offen

Die Stadtpräsidenten von Lugano und Locarno widersetzten sich zuerst, doch am Montag hat die obligatorische Schule im Tessin wieder begonnen – zur Freude der Kinder, zu einem guten Teil auch der Eltern sowie der Lehrerinnen und Lehrer. Doch nicht alle Kinder noch und nicht alle Lehrpersonen nahmen von Anfang an am Schulbetrieb teil. Bei der Frage, ob die Schule geöffnet werden soll, steht die Gesundheit der Jugendlichen und der Unterrichtenden im Vordergrund.

Wäre die Schule noch länger geschlossen geblieben, so hätten sich andere Probleme verschärft, vor allem jene der ungleichen Chancen. Für jene Kinder, deren Eltern eine gute Ausbildung haben, kann der Fernunterricht, die Schule zu Hause, gar ein Vorteil sein. Doch jene Schülerinnen und Schüler, deren Eltern wenig Ausbildung genossen haben und vielleicht die italienischen Sprache nicht richtig beherrschen, sind eindeutig im Nachteil. Für diese Schülerinnen und Schüler gibt es keine Chancengleichheit. Es ist die Aufgabe der Schule, die Unterschiede zwischen privilegierten und benachteiligten Jugendlichen zu mildern; längere Unterbrüche vertiefen jedoch die Ungleichheiten. 

Der Grosse Rat im Ausstand

Im April hat das Büros des Grosse Rates einen sonderbaren Entscheid gefällt: Die Mai-Session wurde abgesagt. Es scheint, dass nur einige Sozialdemokraten und die drei Mitglieder der linken Bewegung für den Sozialismus sich dagegen wehrten.

Der fünfköpfige Staatsrat kann gegenwärtig regieren und entscheiden, ohne dass die Parlamentarier ihn zur Rechenschaft ziehen können. Zwar ist es ihre Aufgabe, die Regierung zu überwachen, doch darauf verzichten sie einstweilen freiwillig. Es sei deshalb die Frage erlaubt, weshalb jene Volksvertreter überhaupt kandidiert haben, wenn sie in einer so heiklen Lage lieber im Ausstand bleiben wollen. Erst gegen Ende Juni wird das Kantonsparlament wieder tagen.

Denunziantentum fördern?

Wenn man an den Pressekonferenzen der Tessiner Regierung via Video teilnimmt, kann man den Eindruck gewinnen, dass der Staatsrat nicht ungern regiert, ohne sich durch den Grossen Rat stören lassen zu müssen. Zwischenzeitlich waren sogar die Journalistinnen und Journalisten nicht zugelassen. Sie konnten, wie das breite Publikum, den Konferenzen nur am Bildschirm folgen. Fragen mussten die Presseleute per Mail stellen.

Die Staatsräte haben diese Medienorientierungen regelrecht zelebriert und diese Stimmung verführte offenbar das für die Polizei zuständige Regierungsmitglied, Norman Gobbi, kurz vor Ostern zu dem vielsagenden Satz: „Das Osteressen ist dem engen Familienkreis vorbehalten. Wir wissen, dass wir im ganzen Kanton viele Wächter haben werden, unsere Bürger, welche allenfalls auch die Kantonspolizei über nicht opportune Situationen informieren.“

Diese Einladung, andere anzuschwärzen, sei unvereinbar mit unserer Demokratie, entgegnete der zu Recht empörte Chefredaktor des „Corriere del Ticino“. Inzwischen hat Norman Gobbi turnusgemäss das Amt des Tessiner Regierungspräsidenten übernommen.

Fristverlängerungen für alle Steuerzahler

Die Coronavirus-Krise wird die Kantonsfinanzen stark belasten und die Steuereinnahmen werden sich verringern. Erstaunlicherweise hat der Staatsrat jedoch den Termin fürs Einreichen der Steuererklärung von Ende April auf Ende Juli verschoben und für natürliche Personen wird die erste Rate der Kantonssteuer zwei Monate später fällig als üblich, nämlich am 31. Juli. Diese und andere Erleichterungen sind notwenig für jene Personen, die gegenwärtig bloss einen reduzierten Lohn erhalten oder arbeitslos geworden sind. Doch gibt es wohlhabende Steuerzahler und auch Pensionierte mit einer guten Pension, die nicht auf Vergünstigungen angewiesen sind, während es für den Kanton wichtig ist, dass möglichst viele ihre Steuern pünktlich zahlen.

Wie auch auf europäischer Ebene gilt baut die Politik auf das Prinzip Hoffnung. Die Geldgiesskanne wird einigen Unternehmen über die Krise helfen und bei anderen das Sterben verlängern. Um noch etwas Ordnungspolitik zu bewahren dürfen die unterstützen Unternehmen weder Boni noch Dividenden ausschütten. Die Zeche zahlt in jedem Fall der Steuerzahler weil er sich nicht der Schuldbegleichung entziehen kann. Auch wenn immer erklärt wird dass keine Steuererhöhungen geplant seien, Lastenausgleich oder sonstige Abschöpfmassnahmen hat man bis jetzt nicht ausgeschlossen. Die SP wird das schon noch richten.

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