Glück ist mehr als Geld

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Glück ist mehr als Geld

Von Ruth Enzler, 06.11.2015

Frauen verdienen tendenziell weniger als Männer. Die Autorin geht den Ursachen aus weiblicher Perspektive nach.

Mehr und mehr steht Selbstverwirklichung bei der Berufstätigkeit bei Frauen im mittleren Lebensalter im Vordergrund. Wichtig sind dabei autonome und vielfältige Job- und Lebensgestaltung. Dass dies zu Lasten des Einkommens geht, nehmen Frauen in der heutigen Zeit in Kauf. Gut ausgebildete Frauen verzichten aktiv auf Maximierung ihres Einkommens

Alte Rechtfertigungen

Die Diskussion der Lohngestaltung ist vermutlich so alt wie die Einführung der Teilung von Arbeit und privatem Leben. Seit der Emanzipation der Frau von Heim und Herd findet auch die Diskussion der Lohnunterschiede und der Wertigkeit der Arbeit der beiden Geschlechter statt. Früher verdienten die Männer mehr als die Frauen, weil sie eine Familie ernähren mussten, dann verdienten sie mehr, weil sie eine höhere Ausbildung hatten und heute verdienen sie mehr, weil sie flexibler für den Arbeitgeber einsetzbar sind oder sich nicht von gemeinnützigen Unternehmen anstellen lassen.

Heute zieht im Grunde keines der Argumente mehr. Die Frauen sind mindestens so gut ausgebildet wie die Männer oder verfügen sogar häufiger über einen höheren Schulabschluss, sie zeigen sich oft als sehr flexibel einsetzbar, weisen eine höhere Sozialkompetenz aus und sind nicht selten an Effizienz und Qualität kaum von den Männern zu überbieten. Dennoch verdienen bestens ausgebildete Frauen tendenziell weniger als die Männer.

Sinnsuche und Arbeit

Wie kommt es dazu? Ein Grund, den ich hier näher beleuchten möchte ist der, dass Frauen einen von den Männern unterschiedlichen motivationalen Anspruch an den Job haben. So legen sie weniger Wert auf die klassische Karriereleiter, Image, finanzielle Anreize oder Positionierung in einem System, sondern viel mehr Wert auf Gestaltungsfreiheit, sachbezogene Entwicklung und Vielfalt. Sie wollen eine sinnhafte Arbeit machen.

Was aber bedeutet Sinn? Umgekehrt geht es einfacher. Was wird als sinnlos bezeichnet: Frauen wollen nicht nur irgendeinen sehr gutbezahlten Job ausüben und sich dafür vom Vorgesetzten und uferlosen Sitzungsterminen einengen lassen, im Hamsterrad drehen, rund um die Uhr dem Arbeitgeber zur Verfügung stehen oder Tag und Nacht Projekte in Hauruckübungen vorantreiben, die anschliessend beerdigt werden. Sie wollen ihre endliche Lebenszeit nicht an langwierigen Geschäftsleitungssitzungen vertrödeln, an denen jeder dem anderen zeigen muss, wie wichtig seine eigene Position im Betrieb ist und an denen Berge Mäuse gebären, weil die heiklen, aber wichtigen Themen niemand anzusprechen wagt.

Diverse Rollen

Sie wollen vielmehr selbstbestimmt, zielgerichtet und autonom arbeiten. Zum Beispiel an Projekten, die erfolgreich und gut durchdacht und schliesslich Dritten von Nutzen sind. Die Vielfalt soll ihr Leben bereichern. Das heisst, sie wollen nicht nur Berufsfrau sein, sondern zusätzlich andere Rollen ausüben, wie zum Beispiel: Familienfrau, Politikerin, Hundetrainerin, Reisebegleiterin, Konzertpianistin, Malerin, Töpferin, Vereinspräsidentin, Sportlerin oder Yogatrainerin.

Natürlich verdient Frau mit den „Nebenrollen“ nicht Unmengen von Geld, doch dies nehmen sie bewusst in Kauf. Die Maximierung der materiellen Werte im Leben ist nicht das oberste Lebensziel, sondern vielmehr ein kreatives, harmonisches Umfeld mit abwechslungsreichen, anspruchsvollen und interessanten Aufgaben, die autonom und selbstbestimmt wahr genommen werden können.

Grenznutzen

Viele Studien weisen nach, dass ab einem gewissen Lohnniveau noch mehr Lohn nicht zufriedener macht. Wir passen unseren Lebensstandard einfach an die nächst höhere Summe an, besitzen ein grösseres Haus, leisten und teurere Autos, Schmuck, Restaurants und luxuriösere Hotels. Jedoch können wir gleichzeitig nicht mehr als ein einziges Auto fahren, in mehr als in einem Hotel Ferien machen und mehr als eine Uhr tragen. Der materielle Grenznutzen für Lebenszufriedenheit ist von einem gewissen Einkommensniveau an erreicht und lässt sich nicht mehr erhöhen.

Die Lebenszufriedenheit kann also nicht mit noch mehr Geld in die Höhe getrieben werden. Im Gegenteil, das Drehen im Hamsterrad von Montag bis mindestens Freitag, das kurze Aufatmen und die selbstbestimmte Leben in der Freizeit während des immer kürzer werdenden Wochenendes, ist für viele und vor allem für Frauen nicht sinnstiftend und zufriedenstellend. Das eigene Selbst kann sich nicht mehr entfalten, es wird fremdbestimmt und so gezimmert, dass es in ein System – in das System des Hamsterrades - passt. Geld wiegt diesen hoch bezahlten Preis für Fremdbestimmung und für den daraus folgenden Verlust des eigenen Selbst nicht mehr auf.

Die Lebensunzufriedenheit und das Gefühl ein Automat zu sein, nehmen zu. Deshalb kommt es nicht selten gerade im mittleren Lebensalter zum Ausstieg aus dieser fremdbestimmten Welt. Ein Karrierewechsel ist angesagt und das Leben wird neu organisiert. Andere Werte als Karriereleiter, Image und Geld bekommen Raum, und die Gesellschaft spricht von einer Midlifecrisis.

Midlifecrisis als Ausdruck eines Wertewandels

Bei näherer Betrachtung stelle ich jedoch schon in der ersten beruflichen Lebensphase Unterschiede in Weltbildern und Werthaltungen zwischen Männern und Frauen fest. Frauen argumentieren oft leistungs- und sachbezogen und haben die Idee, dass sie durch gute und resultatbezogene Leistung automatisch gelobt und befördert werden. Es gibt durchaus Frauen, die die Karriereleiter emporklettern wollen, weil sie denken, dass die höhere hierarchische Ebene mehr Freiheiten und interessantere, vielfältige Arbeit beinhalte und sie eigenständiger ihre Ziele und Projekte vorantreiben könnten.

Dies ist der fatale Irrtum in vielen grossen Systemen. Herausragende Leistung bedeutet für die männlichen Chefs oft Angriff auf die eigene Position, welchen es abzuwehren gilt. Will eine Frau in einem solchen System Karriere machen, funktioniert das nicht selten einzig über Anpassung an den Vorgesetzten. Daher muss darauf geachtet werden, dass der Chef in jedem persönlichen Kontakt seine Position als Chef wahren kann. Dies braucht auf der kommunikativen Ebene grosses Geschick. Für das berufliche Vorankommen muss die Mitarbeiterin darauf zu achten, wie sie seiner Position und seiner Karriere dienlich sein kann.

Nachdenken über Lebenswege

Ausserdem lernt Frau, dass es nicht darum geht, ein Projekt erfolgreich voran zu treiben, sondern vielmehr darum, die Position des obersten Chefs zu stärken. Projekte, für die Tag und Nacht hart gearbeitet worden ist, verlaufen deshalb im Sand, weil einer der Vorgesetzten von noch höherer Stelle Kritik befürchtet, und er sich damit in seiner Position geschwächt sieht. Oder aber der Projekterfolg könnte bewirken, dass die obersten Chefs sich bedroht fühlen. Also lieber nichts entscheiden und sich nicht hinauslehnen, als das Risiko eines möglichen Fehlers einzugehen oder zur Bedrohung und damit zur Zielscheibe für die höchste Führungsgarde zu werden.

Anfänglich denkt Frau, dass sie es mit Ausnahmen von männlichen Chefs zu tun hat, lernt aber mit den Jahren, dass grosse Systeme in der Regel einer solchen Dynamik folgen. Dies bringt sie im mittleren Lebensalter als vielgeprüfte Frau dazu, sich die Sinnfrage zu stellen und über neue Lebenswege nachzudenken. Oft beginnt sie gerade dann darüber nachzudenken, wenn sie das Alter und die Erfahrung hätte, um in einem grösseren System aufsteigen zu können und deutlich mehr zu verdienen. Häufig wirft sie aber exakt zu diesem Zeitpunkt das Handtuch und entscheidet sich für einen Karrierewechsel, der finanziell meistens mit massiven Einbussen verbunden ist. Was für die einen nach einer Midlifecrisis aussieht, bedeutet für andere Selbstverwirklichung. Verwirklichung der eigenen, bisher brach gelegenen Werte des Strebens nach Autonomie, Erkenntnis, Weiterentwicklung, Gestaltung, sozialer Zugehörigkeit und Kreativität.

Natürlich hat auch dieser Weg seinen Preis, nämlich den, der finanziellen Einbusse und der Angst, es alleine nicht zu schaffen. Das ungute Gefühl, sich den Luxus des Ausstiegs nur leisten zu können, weil eine Erbschaft, ein berufstätiger Ehegatte oder andere tragende soziale Netze dies ermöglichen. Und stets ist da der quälende Gedanke, es könnte sich beim neu gewählten Beruf nicht um einen „richtigen“ Beruf, sondern „nur“ um ein Hobby handeln. Und da ist auch die Angst vor Versagen und die wenig erhellende Aussicht, womöglich wieder in das Hamsterrad zurückkehren zu müssen. Das Hamsterrad, dem vermeintliche Sicherheit gegenüber steht. Zurück in eine gut bezahlte Welt in der der Frust sich wie Klauen um das ganze Leben gelegt und das autonome Selbst erdrückt – ein Albtraum.

Nachbemerkung

Es gilt anzumerken, dass Männer, die dieselbe Charakterstruktur wie eine Frau aufweisen und also auch sach- und streng leistungsorientiert denken bzw. handeln und einen hohen Autonomieanspruch haben, ähnliche Wege wie Frauen gehen. Auch Männer können aus diesen unterschiedlichen Wertehaltungen heraus Probleme mit ihren Vorgesetzten mit hierarchischem Denkmuster haben. In diesem Sinne handelt es sich bei meinem Artikel nicht so sehr um einen Geschlechter-, sondern viel mehr um einen Werte- bzw. Unterschied der Weltbilder oder der sinngenerierenden Faktoren. Allerdings finden wir in unserer karriereorientierten und statusbezogenen Welt tendenziell mehr Frauen als Männer mit der Wertestruktur von Selbstbestimmung, Leistungs- und Sachorientierung und finden wohl auch eher Frauen als Männer, die den Ausstieg aus dem Hamsterrad zu Lasten einer massiven finanziellen Einbusse suchen.

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