Im roten Bereich

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Im roten Bereich

Von René Zeyer, 10.06.2014

Nach der 2,8 Milliarden-Busse will die Credit Suisse mehr Gewinn mit weniger Kapitaleinsatz machen. Das Zauberwort heisst High Frequency Trading.

High Frequency Trading (HFT) stammt aus der Alchemie-Küche des modernen Banking. Mit Einsatz von Supercomputern und unter Ausnützung von Millionstel-Sekunden bei Datenübertragungen werden ganz schnelle Räder gedreht. Vor Kurzem im neuen Bestseller von Michael Lewis «Flash Boys» beschrieben.

Die Geschäftsidee

Wie die «Financial Times» meldet, möchte die CS zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie hat unter dem Namen «Wake USA» eine neue Handelsplattform aufgebaut, sich dafür eine Broker-Lizenz in den USA besorgt und möchte damit und mit HFT Gewinneinbrüche bei festverzinslichen Anlagen ausbügeln.

Gleichzeitig will die CS institutionellen Anlegern ermöglichen, mit eigenem Geld einzusteigen. Damit ist der Eigenkapitalbedarf für die CS niedriger, und letztlich kann sie dieses neue Gefäss aus der eigenen Bilanz rausnehmen. Hört sich nach einer Win-Win-Situation an, wie der Banker sagen würde. Allerdings verfügt die CS nicht über die nötige Technologie für High Frequency Trading, das mit hochkomplexen Algorithmen arbeitet, die nur wenige Nerds auf der Welt zu verstehen behaupten. Und da hat sich die CS einen gewissen Mark Gorton wieder an Bord geholt. Eine, gelinde gesagt, schillernde Persönlichkeit.

Wunderknabe und Verschwörungstheoretiker

Mark Gorton arbeitet schon vor der Jahrtausendwende für CS First Boston und gilt als einer der Erstanwender des algorithmengestützen Handels in Millisekunden. Dann erfand er die Austauschplattform LimeWire. Eine der vielen Börsen, auf denen unter anderem Musik und Filme ohne Rücksicht auf Copyrights getauscht werden konnten. Das endete in einem verlorenen Schadenersatzprozess über 100 Millionen Dollar und machte Gorton dennoch zu einem reichen Mann.

Seither ist er mit seiner neuen Firma Tower Research einer der «Flash Boys» der Wall Street. Und neuer Geschäftspartner der Credit Suisse. Soweit könnte man das für einen kühnen Schachzug der Grossbank halten, die im Gegensatz zur Konkurrenz auf High Frequency Trading setzt, das weltweit immer mehr die Aufmerksamkeit der Regulatoren auf sich zieht, was ja immer nach potenziellem Ärger riecht. Also das klassische Prinzip: Wir erkaufen uns heutige Gewinne mit zukünftigen Problemen, mit denen sich unsere Nachfolger rumschlagen können.

Nun scheint Gorton aber neben seiner Begabung für mathematische Zauberformeln einen verstörenden Hang zu abstrusen Verschwörungstheorien zu haben. Der New Yorker Blog Gawker, bekannt für seine saftigen Enthüllungen, veröffentlichte vor kurzem ein Mail, das Gorton an seine Angestellten bei Tower Research schickte. In längeren Anhängen wärmt er darin unter anderem die alte Verschwörungstheorie auf, dass Kennedy einem Staatsstreich zum Opfer fiel, wörtlich: «Lyndon B. Johnsen (der damalige Vizepräsident) plante, JFK zu töten von dem Moment an, als er in Erwägung zog, Vizepräsident zu werden. ... Im Verlauf der Jahre wurden mehr als 50 Personen getötet, um das Geheimnis dieses Staatsstreichs zu beschützen.»

Selber in Lebensgefahr

Von 1963 zieht Gorton einen weiten Bogen über die Terrorangriffe von 9/11, über Präsident Bush Senior als «Mastermind» des Attentats auf Reagan, und auch Bill Clinton steht in Verbindung «mit Dutzenden von verdächtigen Todesfällen». Als Gawker den Geschäftspartner der CS mit diesen Unterlagen konfrontierte, bestätigte Gorton deren Authentizität, sagte aber warnend, dass ihre breitere Veröffentlichung dramatische Konsequenzen für ihn selbst haben könnte. Zum Beispiel? «Dass man mich und meine Kinder tötet.»

Gorton wörtlich zu Gawker: «Ich bin besorgt, weil das kriminelle Syndikat, das ich in diesen Dokumenten beschreibe, eine lange Geschichte hat, in der es Menschen schikaniert und tötet, die beschreiben, was es tut. Es tötet nicht nur die, die ihre Meinung sagen, sondern bei Gelegenheit auch ihre Familienmitglieder. Ich habe ein schönes Leben und vier grossartige Kinder, und ich würde es vorziehen, nicht den Zorn einer kriminellen Regierung auf mein Haupt zu laden.»

Eigungstest

Man kann natürlich sagen, dass einer Geschäftsbeziehung nicht unbedingt im Wege steht, dass der neue Mitarbeiter ein paar Schrauben locker hat. Vielleicht bedingt das eine auch das andere, wenn man sich mit irrwitzigen Methoden wie High Frequency Trading beschäftigt.

Gleichzeitig muss man für ein Mal den Mut und das persönliche Risiko der CS-Führung bewundern, denn wenn Gorton Recht haben sollte, könnte es natürlich zu einer gehäuften Zahl von merkwürdigen Todesfällen auch innerhalb der CS kommen. Das ist endlich einmal der Einsatz, den man sonst so schmerzlich bei Bankführern vermisst.

Auf der anderen Seite ist die Meinungsfreiheit in den USA ja fast grenzenlos, Tausende von Verschwörungstheoretikern faseln von schwarzen Helikoptern, glauben, dass «Man in Black» kein lustiger Hollywoodstreifen ist, sondern ein Dokumentarfilm, der merkwürdigerweise der Zensur des dunklen Machtapparats durch die Lappen ging. Oder es ist ein weiterer Beitrag zum alten Catch-22. In diesem genialen Buch, später auch verfilmt, wird ein unlösbares Dilemma beschrieben.

Wer sich beispielsweise dem damals obligatorischen US-Militärdienst mit seinen irrwitzen Kriegseinsätzen entziehen will, kann das nur tun, indem er sich als geisteskrank erklärt. Damit beweist er aber, dass er nicht geisteskrank ist und wird nicht nach Hause geschickt. Vielleicht sollte die CS ihren neuen Mitarbeiter mal diesem Eignungstest, pardon Assessment, unterziehen.

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