Irische Wahrheiten

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Irische Wahrheiten

Von René Zeyer, 01.07.2013

Man ist sich von verantwortungslosen Bankführern in den letzten Jahren einiges gewohnt. Aber die Veröffentlichung von Telefonaten irischer Bankster hauen einen doch vom Stuhl.

Auch der einiges an Unbill gewohnte Ire ist fassungslos. Bekanntlich ruinierte der Fast-Bankrott der Anglo Irish Bank in der Finanzkrise 1 den «keltischen Tiger», an seinen Folgen leiden Irland und seine Bevölkerung, leiden seine Steuerzahler bis heute. Nun hat der «Irish Independent» Telefonmitschnitte veröffentlicht, wie sich Manager der Bank über ihre staatlichen Helfer lustig machten und offen darüber sprechen, wie sie logen, betrogen, tricksten. Während sie in der Finanzkrise 1 pro Tag eine Milliarde verloren, sind sie ausgesprochen fröhlich und munter. Constantin Seibt liefert im «Tages-Anzeiger» eine ansprechende deutsche Übersetzung und Einordnung.

Kein Einzeltäter

Die Gesinnung und Mentalität, die in den veröffentlichten Original-Mitschnitten von Bankster-Dialogen zutage tritt, übertrifft an Abgründigkeit alles, was bisher bekannt war. Und das will etwas heissen. Da werden mal schnell 7 Milliarden Staatskredit verlangt. Wieso gerade 7? «Ich habe mir die Zahl aus dem Arsch gezogen», gibt ein Banker offen zu. Obwohl er wusste: «In Wirklichkeit brauchen wir mehr.» Dann macht man sich lustig über die Blödheit der staatlichen Verhandlungspartner, der Steuerzahler, nicht nur in Irland, sondern in ganz Europa, die ja die Zeche zahlen müssen. Selbst die eher zurückhaltende deutsche Bundeskanzlerin Merkel hat dafür nur «Verachtung» übrig. Aber das ist nicht das Problem.

Es handelt sich hier nicht um das Fehlverhalten von Einzelnen, sondern es spült eine Mentalität ins Licht der Öffentlichkeit, die bis heute weit verbreitet ist. Eine Mischung von zynischer Überheblichkeit und dem Wissen, dass man haftungs- und verantwortungsfrei völlig legal so handeln darf. Weil man «too big to fail» ist. Unsinkbar, unangreifbar.

Alles legal, alles erlaubt

Es ist inzwischen wohl auch dem tapfersten Verteidiger des Bankensystems klar geworden, dass es sich hierbei nicht um die ewig bemühten Einzelfälle, um bedauerliche Exzesse, um verurteilenswerte Verhaltensweisen handelt, die aber nicht verallgemeinert werden dürfen. Weswegen man nicht die Zehntausende von aufrecht, verantwortlich und anständig arbeitenden Bankern verurteilen dürfe. Die gibt es selbstverständlich. Aber ab einer gewissen Entscheidungsebene ist die sich in diesen Gesprächen ausdrückende Geisteshaltung systemimmanent Pflicht. Man kommt nur in solche Positionen, wenn man rücksichtslos, zynisch, kaputt, amoralisch und nur auf den eigenen Vorteil bedacht handelt und denkt.

Das System selbst ist krank, der Mensch, der in ihm aufsteigt, wird es, wenn er es nicht schon vorher war. Diese Art des modernen Banking setzt auf die übelsten, schlechtesten Eigenschaften des Menschen. Entweder bringt er sie schon mit, oder er muss sie sich aneignen. Anders ist Karriere nicht möglich. Aber schlimmer noch: All das, was hier geschieht, ist legal. 99 Prozent aller Bankgeschäfte, 99,9 Prozent aller Zockerei, aller Bonusgier, aller völlig verantwortungslosen Spekulation in virtuellen Geldwolken spielt sich innerhalb des Rechtsrahmens ab. Deswegen hat die Verachtung von Frau Merkel, haben die wohlfeilen Entrüstungsschreie anderer Regierender einen schalen Beigeschmack. Denn sie haben bis heute nichts unternommen, um diesen Schweinereien einen Riegel zu schieben.

Löschen, löschen, löschen

Man kann davon ausgehen, dass spätestens seit Veröffentlichung dieser Telefonate in den meisten Archiven von Grossbanken rund um die Welt Sonderschichten geschoben werden. Ganze Teams durchforschen die elektronischen Aufzeichnungen, ob sich da eventuell ähnliche offene Worte befinden. Und dann wird gelöscht, gelöscht, gelöscht. Natürlich auch physisch, man ist ja nicht blöd. Harddisks werden zerstört, Server auseinandergenommen und mit dem Hammer bearbeitet, anschliessend in hydraulische Pressen gesteckt. Und doppelt und dreifach wird kontrolliert, ob sich eine Schweinebacke nicht noch schnell vorher eine Kopie fürs Privatarchiv zieht, so als kleine Versicherung vor Entlassung.

Aber, da kann man doch glatt an ausgleichende Gerechtigkeit glauben, eigentlich sollten die Regierenden nicht so furchtbar überrascht tun. Die Überwachungskraken NSA in den USA oder GCHQ in England, Stichwort Prism und Tempora, wären ihr Geld doch nicht wert, wenn sie nicht über Kopien von Hunderttausenden von entsprechenden Konversationen und E-Mails verfügten. Nicht nur Verschwörungstheoretiker geraten in Wallungen, wenn man sich ausmalt, was da hinter den Kulissen an Erpressungspotenzial vorhanden ist.

Regierende haben Bankster in der Hand: «Wir wissen, was ihr sagt und denkt, wenn wir das veröffentlichen ...» Und umgekehrt: «Aber ihr habt doch mitgemacht, obwohl ihr das wusstet, wenn wir das veröffentlichen ...» Das ist die moderne Ausformung der gegenseitigen Bedrohung, wie sie früher mit Atombomben gewährleistet wurde. Heute hat man dafür Daten, Informationen.

Wetten, dass nun wieder drakonische Strafen, unerbittliche Konsequenzen gefordert werden? In die Vergangenheit gerichtet natürlich, gegen Einzelpersonen. Wetten, dass die weitgehend ungeschoren davonkommen werden, da sie ihre irdischen Besitztümer längst überschrieben haben und im schlimmsten Fall in ein Land abschwirren, das kein Auslieferungsabkommen unterzeichnet hat?

Und wetten, dass ein weiteres Mal versäumt wird, die einzig naheliegende Konsequenz zu ziehen? Die meisten Teilhaber am modernen Finanzzirkus sind krank. Die Grossbanken sind krank. Nicht, weil sie von Einzelnen missbraucht werden. Nicht weil es in jeder Branche Kriminelle gibt, verantwortungslose Inkompetenz. Sondern weil die Geschäftsgrundlage des modernen Banking krank ist. Hochgefährlich, toxisch, ansteckend. Während der Gesetzgeber alle Mittel in der Hand hätte, diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Es aber auch diesmal nicht tun wird.

Das Verhalten der Banker überrascht doch nicht wirklich! Die Frage ist doch vielmehr, warum Staaten Unternehmen solche Beträge übergeben, ohne das nötige Know-How zur Abklärung, ob diese wirklich nötig sind, oder ob die Geldgeber schlicht über den Tisch gezogen und lächerlich gemacht zu werden.

Warum eigentlich werden nicht auch die Eltern solcher Schädlinge an den Pranger gestellt?

ist auch bei diesem Thema wiedermal völlig überrascht worden (http://www.journal21.ch/der-täglich-inszenierte-weltuntergang#comment-315976).

Die Halunken der Finanzindustrie sind die perversesten Raubritter der neuen Weltordnung. Sozusagen die Ausgeburt des Kapitalismus. Natürlich hat diese Art "Geschäfte zu machen" eine Systematik, die man nur als menschenverachtend bezeichnen kann. Aber in der heutigen Form des Kapitalismus sind solche Schweinereien geradezu angelegt. Wer sich in einem Masse bereichert, wie die Superreichen, Oligarchen etc. macht Dreckgeschäfte. Und der Ertrag dieser Dreckgeschäfte stecken die Milliardäre, als seien sie die grössten Wohltäter, z.B. in einen Fussballclub (Milan, Chelsea, etc.). Brot und Spiele. Wir alle ergötzen uns daran. Solange ein smarter Banker oder Rohstoffhasardeur im Rating der Gesellschaftsordnung zuoberst angesiedelt ist, wird sich nichts, aber auch gar nichts ändern. Und die Politiker, nurmehr Adlaten des Grosskapitals, posieren vor den Kameras und schnorren uns die Köpfe voll. Was wir benötigen ist ein Wertewandel, aber einen, der die bisherige Werteordnung radikal in Frage stellt.

Und wetten, dass es in den Parteileitungen und Führungsgremien unserer rechten Bankenbüttelparteien, so wie bei den aufrechten Verteidigern des unheiligen Bankgeheimnis auch nicht viel anders tönt, wenn sie ihre Empörungs- und Vernebelungsstrategien, oder ihre Angriffe auf den guten Geschmack und alles "Unschweizerische" planen? Dort lautet die Frage doch auch, wie lenke ich die Wähler von unserer wahren Politik ab und wie merkt das Stimmvieh nicht, dass wir hauptsächlich für unsere Bankster und Milliardäre politisieren und eigentlich nur unsere Pfründe sichern wollen?

Man hätte es schon lange glasklar erkennen können, wenn man nicht unbedingt an der antiquierten Vorstellung festhalten würde, dass Führungspersonen "sauberer" sind als der "Rest" der Gesellschaft. In alten Zeiten war es das "blaue Blut" des Adels dem man sich unterwarf, warum genau ist bis heute unklar. Aber der Adel gehört bis heute eng verfilzt zu den sogenannten "Eliten", so bezeichnen sich die Leader in allen Bereichen unserer Gesellschaft. Tatsächlich setzen sich "die Eliten" aus Menschen zusammen, die im Laufe ihres Aufstiegs in ihre angestrebten Führungspositionen iin Wirtschaft und/oder Politik allesamt erpressbar geworden sind, geworden sein müssen - sonst kämen sie nicht auf ihre hohen Stühle! Die Steuerzahler und Stimmbürger sollten das endlich erkennen: Man kommt nicht die Karriereleiter hoch, ohne Aufstiegshilfe von Leuten die einem später mit dem unter Druck setzen was man ihnen für ihre Unterstützung versprochen hat, oder was sie über einen ausgeforscht haben, oder was man ihnen in einem schwachen Moment selber preisgegeben hat. Jetzt gerade sind wir Zeuge wie in der ganzen EU die Masken derer, die sich für die Leader halten, scheppernd auf den Boden fallen, weil sie erkennen, dass vor allem sie selbst, nicht "nur" der gemeine Bürger, die Ziele für flächendeckende Überwachung durch die NSA sind. Da hätte man aber auch drauf kommen können! Man hielt sich aber offenbar für unverwundbar? Oder ist die Empörung der EU-Granden einzig dem Umstand zu verdanken, dass die Sache jetzt öffentlich geworden ist?

Jedenfalls: Solche Öffentlichkeitsarbeit könnte für den einen oder anderen gläubigen Staatsbürger plötzlich ein ganz anderes Licht auf das unerklärliche Verhalten gewisser Personen werfen, die sich zu den Eliten zählen, oder gleich auf ganze Regierungen, zu denen sie gehören.

Unter Druck gesetzt reagiert man manchmal für andere nicht nachvollziehbar, irrational, nimmt Schäden für Land und Bürger in Kauf, ohne sein Vorgehen verständlich erklären zu können.

(Im Zusammenhang mit der Arroganz von Bankern und Politikern lohnt es sich das Krankheitsbild von Psychopathen zu studieren. Es sind durchaus Vergleiche möglich, vor allem zum Verhalten der Kranken vor ihrem manchmal beschleunigten Abstieg oder der unerwarteten Aufdeckung ihrer Schandtaten.)

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