Ist Gott das Huhn oder das Ei?

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Ist Gott das Huhn oder das Ei?

Von Roland Jeanneret, 28.06.2020

Kolumnen sind meistens Einwegkommunikationen. Aber manchmal entstehen dabei auch bissige Dialoge. Wie hier zwischen Naturwissenschaft und Theologie – oder etwas genereller formuliert - zwischen Maulwürfen und Sündenböcken.

«Ist ihr Gott grausam und achtlos?» will der Astrophysiker Ben Moore im Tamedia-«Magazin» von Pfarrer Niklaus Peter wissen, der seinerseits in derselben Publikation an gleicher Stelle im 14-täglichen Wechselspiel seine Kolumne schreibt.

Pfarrer Niklaus Peter am Ostersonntag 2020 in der Fraumünsterkirche in Zürich (Foto: Keystone/Ennio Leanza)
Pfarrer Niklaus Peter am Ostersonntag 2020 in der Fraumünsterkirche in Zürich (Foto: Keystone/Ennio Leanza)

Und um den Theologen in seiner Glaubwürdigkeit vollends schachmatt zu setzen, doppelt Moore aus eigenem Wissensgebiet nach: Dass Gott gemäss Bibel Himmel und Erde in sieben Tagen erschaffen haben soll, sei vollends unglaubwürdig. «Das Universum zu erschaffen muss schwierig gewesen sein, aber aus dem Nichts einen Gott zu schaffen, der dann das Universum erschuf, war sicherlich noch schwieriger. Ist Gott das Huhn oder das Ei?»

Zudem sei die Sonne schon Jahrmillionen vor der Erde am Himmel und es sei berechenbar, dass sie in einigen Jahrmilliarden verlöschen werde, was auch das Ende der Erde bedeutet. «Warum sollte Gott ein Universum erschaffen, in dem alles Leben sterben wird?» Das seien alles alte Geschichten, urteilt der Astrophysiker, eine Überarbeitung täte der Bibel gut, um sie auf den alleraktuellsten Stand zu bringen … «Immerhin ist die Bibel das meistgedruckte, meistübersetzte und meistgelesene Buch auf unserem Planeten.»

Unter dem Titel «Lieber Ben Moore» antwortet der Theologe Niklaus Peter und weist darauf hin, dass es sich beim Bibelinhalt um frühe historische Texte aus den ersten Schöpfungsgeschichten altägyptischer «Naturwissenschaft» der damaligen Zeit handelt, die also in einem ganz anderen Weltverständnis entstanden sind. Die Schilderungen von damals hätten  jedoch nach wie vor Gültigkeit, wenn z. B. nach der Erschaffung in sechs Tagen der siebte ein Ruhetag sein soll. Was zeige, dass nach getaner Arbeit Ruhe notwendig und damit legitim ist – was damals keineswegs selbstverständlich war. So gäbe es noch viel zu erklären, worauf Theologe Peter dem Astrophysiker Moore ein Gespräch vorschlägt.

Moore tritt vorerst nicht darauf ein und zählt in seinem Folgetext zahlreiche weitere Bibelpassagen auf, die er als Kosmologe nicht verstehen könne und deshalb fundamental anzweifle. Das Glaubens-Pingpong erstreckt sich über sechs Wochen – viel näher kommen sich die beiden Protagonisten kaum, aber der gegenseitige Respekt wächst in beachtlichem Mass.

Der Pfarrer der Zürcher Fraumünsterkirche Niklaus Peter wurde kurz vor Weihnachten 2015 – nach  einem Interview im «Magazin» zum Thema «Kraft des Glaubens in einer zerrissenen Welt» – nach grossem Echo zu diesem Thema vom Chefredaktor angefragt, ob er nicht bereit wäre, künftig eine persönliche Kolumne zu schreiben.

«Theologisch-wissenschaftliche Texte konnte ich sehr wohl schreiben – aber Kolumnen noch nie und bot an, mal zur Probe drei zu versuchen. Ich wurde darauf engagiert und seither schreibe ich diese Kolumnen – meistens während meiner Ferien, quasi auf Vorrat. Wir haben eine beachtliche, vielschichtige Tradition an Texten, Gedanken, Fragestellungen, Personen im Christentum, die zur Kenntnis zu nehmen sich lohnt.» Auffallend ist seine enorme Belesenheit auf zahlreichen Gebieten: «Ich bin als Leser ein ‘Jäger und Sammler’, wenn mir etwas Freude macht, wenn mich etwas erheitert oder auch ärgert, notiere ich mir das. Daraus entstehen diese Texte.»

Niklaus Peter erhält auf die meisten seiner Kolumnen zahlreiche Reaktionen: «Es gibt viele Feedbacks – am stärksten auf die Auseinandersetzung mit Ben Moore, aber auch sonst.» Oft sind die Zuschriften derart zahlreich, dass er gar nicht alle Kommentare beantworten kann, «aber ich versuche es wenigstens». Abhilfe schafft jetzt wohl «Maulwürfe und Sündenböcke», ein Büchlein, das als «Aufbrüche aus der Welt des Alltäglichen» untertitelt ist.

Hier lassen sich nun Peters Kolumnen nachlesen, nach Themen sortiert wie z. B. Grundsätzliches, Disputables, Menschliches, Literarisches, Reflexives oder Biblisches. Das Spektrum reicht von Maulwürfen bis zu Sündenböcken ... Die Auswahl zeigt die enorme Belesenheit Niklaus Peters, der kaum einen Themenkreis auslässt, über den sich Gedanken machen lassen. In den gut 100 Seiten kann man nach Lust, Interesse und Laune herumblättern und durch kurze, spannende Titel stöbern, wie z. B. «Wo nichts mehr zu machen ist», «Suppe mit Kieselsteinen», «Der Affe im Spiegel», «Von Kauz zu Kauz,» um nur einige herauszugreifen. Wertvoll scheint mir, dass Kolumnen aus einem Magazin, das früher oder später meist auf der Altpapierbeige endet, hier für eine längere Zeitspanne und zur individuell passenden Zeit in aller Ruhe wieder-gelesen werden können.

Zur Zukunft als Kolumnist sagt der Zürcher Fraumünster-Pfarrer: «In einem Jahr werde ich pensioniert – vielleicht bin ich mal erschöpft. Im Moment jedenfalls habe ich noch viele Ideen und wirklich auch Lust und Freude am Schreiben.»

Niklaus Peter: Maulwürfe und Sündenböcke, Radius-Verlag, ISBN 978-3-87173-527-4

Danke, R: Jeanneret, für die knappe Schilderung dieser Auseinandersetzung mit der Wertschätzung für das KolumnenBüchlein von Pfr. Peter. Was ich einmal mehr bedaure, ist das doch arrogante Auftreten eines grossen und gescheiten Naturwissenschaftlers, der in Sachen Bibel immer noch nicht über den Wortlaut der Bibel hinausgekommen scheint. Er schiesst unter Zitieren von Texten final auf Bibel, Glauben, Christentum, als ob Texte und Bücher der Bibel noch nie eine hermeneutische Übersetzung erfahren hätten. Man kann hier nicht einmal entschuldigend von Kinderglauben reden, es ist Wortfetischismus, der nur bis 7 zählen will, um Gott für ein Phantasma zu erklären.Und das ausgerechnet ein Wissenschaftler, der Einblick in die unendliche Weite des Universums hat und weiss, welche Sprünge er über Jahrmillionen und unzählbare Lichtjahre tun muss, um auch nur ein wenig Kohärenz in seine Darstellung zu bekommen. Dass es dabei zu einem Dialog des sourds kommt, verhindert allein Pfr. Peter in seinem klugen, aber respektvollen Replik-Versuch.
Andreas Imhasly

Non Plus Ultra, auch eine Dreifaltigkeit!

Vom Ausgang des Dorfes ist es ein ziemlich langer Aufstieg bis zum Torrent, (Leukerbad, Albinen) der oberen Bergstation, wo ein Verwandter das Bergrestaurant aushilfsweise und temporär eine Weile führte. Also genug Zeit zum Nachdenken und durch völliges Entspannt sein, intuitives Erfassen, das Erfühlen von Gegenwart voll zu erleben. Fressen und gefressen werden ist und bleibt Energielieferant, kam mir in den Sinn. Materie, Energie und Geist, also Dreifaltigkeit. In der Religion eben Vater Sohn und Heiliger Geist genannt. Konzept einer selbstregulierenden Schöpfung. Und weil sie gut und richtig ist, bleibt sie alternativlos. Wir haben uns verirrt, wir haben Gutes und Böses in eine individuelle Wunschnormalität verschoben, genauso wie aktuell heutzutage. Unverständnis ist keine Schande. Wie sollten Menschen ein so komplexes System je durchschauen oder verstehen? Es ist nachvollziehbar, der Unglückliche hadert, aber er ist und bleibt Teil eines Ganzen. Wie schwierig es ist Ordnung ins Chaos zu bringen zeigt ein Blick ins All, wo ständig die ganz grossen Kräfte kämpfen! Und die Liebe? Sie ist ein Geschenk, ein erstrebenswertes durch Hoffnung zur Annahme, offerierter Weg, um trotzdem glücklich zu sein. Welche Worte brauchte Jesus um uns zu helfen? Genau: „Nicht ich habe dich geheilt, sondern dein Glaube an mich.“ Oder: „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.“ Die CVP täte gut daran anstelle des „C“ das „V“ durch ein „W“ zu ersetzen, um die unersetzbaren Werte zu betonen. Sie, diese Werte kommen langsam in Gefahr, etwas vom Entsetzlichsten was der Menschheit passieren könnte. Ehe der Hahn dreimal kräht sollten wir auf vielen Gebieten handeln, bevor es zu spät ist! Herzlichst …. cathari

Wie klein und erbärmlich kommt man sich vor, wenn man die Majestät einer Symphonie erlebt, wenn man die ganze Urgewalt fühlt, die das Wort Musik als Begriff in sich trägt.

Fritz Wunderlich, deutscher Tenor, geboren heute vor 90 Jahren (gestorben 1966)
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