Kalter Krieg, aber in Asien

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Kalter Krieg, aber in Asien

Von Daniel Woker, 10.09.2014

Trotz Putins Machtgehabe bleibt Russland ein imperialer Möchtegern. Wenn überhaupt, zeichnet sich ein erneuter kalter Krieg in Asien ab, mit China in der Rolle der damaligen UdSSR.

Präsident Obama spricht konsequent von der Mittelmacht Russland. Er hat Recht, Moskau ist kein globales Machtzentrum mehr. Russland bleibt ein grosses Land, hat aber weder die industriellen Kapazitäten noch die ideologische Ausstrahlung, über welche zumindest die junge UdSSR verfügt hatte.

Begrenztes russisches Drohpotenzial

Putin fehlt insbesondere das Glacis, jene grössere Anzahl Länder, welche – gezwungen oder freiwillig – der UdSSR international in blindem Gehorsam gefolgt waren. Noch nicht einmal die getreuen Verbündeten Weissrussland und Kasachstan, beide mit Anführern aus demselben imperialen Tuch wie Putin, billigen dessen gewaltsame Aggression in der Ukraine.

Natürlich kann auch eine unverantwortliche Mittelmacht international einigen Schaden anrichten, wie dies Russland momentan in der Ukraine tut. Es kann auch noch schlimmer werden, falls die seit 1990 behutsam aufgebauten Dämme zur Kanalisierung und Dämpfung internationaler Konflikte brechen. Neue Konfliktherde könnten so entstehen, von eigener, vertragswidriger Aufrüstung Russlands bis hin zum Bruch der internationalen Front zur Verhütung der iranischen Nuklearbombe.

Achse Moskau-Beijing

Am meisten zu fürchten hat der Westen, also auch die Schweiz, die sich bereits abzeichnende Achse Moskau-Beijing. Aber auch diese wird, im Gegensatz zum 20. Jahrhundert, nicht von Russland, sondern von China vorangetrieben. Jüngstes Beispiel dafür sind die Energieverhandlungen zwischen den beiden Ländern, wo Beijing weitgehend seine Konditionen diktierte.

China ist bereits heute eine unbestrittene Weltmacht. Wirtschaftlich als Nummer drei hinter der EU und den USA, politisch und sicherheitspolitisch als Nummer zwei hinter den USA, im Grossraum Asien-Pazifik und international mit einer Reihe von Klienten, welche in der UNO und anderswo vom chinesischen Notenblatt singen.

Harte Interessenpolitik

Zum aussenpolitischen Instrumentarium Chinas gehört heute auch seine Kulturpolitik. Wegen Zensurmassnahmen der vorgesetzten Stelle in Beijing wurde kürzlich die Eröffnung des parastaatlichen Konfuzius-Institutes an der Universität Zürich vertagt. Dies mag als kleines Muster dessen dienen, was diese Kulturpolitik bedeutet: Chinesisch ist nur, was China sagt und will. Die eigenen Interessen werden immer deutlicher auch international durchgesetzt.

Im grossen Massstab gilt dies insbesondere für Chinas unmittelbare Nachbarschaft, sein «near abroad». In Hongkong ist eben die Hoffnung auf demokratische Experimente im Bannkreis der chinesischen KP geknickt worden. Wie Peter Achten in diesen Spalten hervorgehoben hat, bedeutet das auch den endgültigen Übergang von liebevollen zu schmerzhaften Umarmungen Taiwans durch das Festland. Das ost- und südchinesische Meer wird von Beijing heute unverhohlen zum geschlossenen Mare nostrum deklariert.

Noch sind wir weit weg von einem erneuten Kalten Krieg nach dem Muster 1947-90. Dies allein schon darum, weil China mit dem Rest der Welt, und insbesondere mit dem Westen, so eng wirtschaftlich verbunden ist, wie das Ost und West während des Kalten Krieges nicht einmal ansatzweise waren. Bekanntlich bekriegen sich Staaten umso weniger, je stärker sie wirtschaftlich verbunden sind, weil alle im Konfliktfall nur verlieren können.

Unsichere Perspektiven

Da trifft wohl zu, meistens. Die Zeichen stehen aber schlechter als in den letzten Jahren. Die chinesische KP war seit Tiananmen nie rücksichtsloser bei der Durchsetzung ihres Primates als im Moment. Dies intern und extern. Namhafte Experten sind geteilter Meinung, ob es Präsident Xi Jinping in seiner Antikorruptionskampagne nicht in erster Linie um die Festigung persönlicher Macht geht. Einige vergleichen Xi bereits mit dem Despoten Mao, nicht mehr mit Deng Xiaoping, neben dem immer noch andere mitregierten.

Falls wir im Grossraum Asien-Pazifik wirklich auf eine Eiszeit zutreiben mit China und seinen wenigen bedingungslosen Vasallen (Nordkorea, Kambodscha, Laos) auf der einen Seite, und dem von den USA geführten Block aller anderen Regionalstaaten von Japan bis Australien auf der anderen, dann wird sich der globale Horizont deutlich verdüstern. Militärische Konflikte in der Region sind dann ebensowenig auszuschliessen wie direkte Auswirkungen auf den Rest der Welt. Vor einem entsprechenden Handelskrieg wird auch ein bilaterales Freihandelsabkommen keinen Schutz bieten.

Ich glaube nicht an einen Kalten Krieg sondern an einen verdammt heissen Krieg. Glaubt blos nicht, dass die Schweiz unbeschadet bleibt.

Es zeichnet sich ein neuer kalter Krieg ab, mit China, Russland, Indien, Südafrika, Brasilien und einigen anderen Ländern in Südamerika als verbündeter Wirtschafts- und Machtblock, dem der Pleitestaat USA und die nicht weniger abgewirtschafteten EU-Mitglieder gegenüber stehen. Wer werden am Ende wohl die Loser sein, Herr Woker?

"putins machtgehabe" ist durch NATO-einkreisung, wirtschaftliche kriegsführung und die bösen erfahrungen nach der plünderung russlands in den 90ern motiviert und als existenzsicherung sowie schutz vor dem restlosen ausverksuf an die großen us-banken- und industriekonglomerate absolut verständlich.

russland immer als "putin" zu bezechnen, halte ich für propaganda, herr woker. damit bedienen sie dieselben russophoben klischees, deren vermeidung journalistischer mindeststandard sein sollte.

leider verdirbt mir ihre so formulierte einleitung zu russlands angeblichen imperialgelüsten jegliche lust, ihren weiteren ausführungen lustvoll zu lauschen.

Den Kern Ihrer Aussage teile ich, doch Russland als 'regionalmacht' zu degradieren, sehe ich als absolut unsinnig an. @K.Kerzenmacher hat schon den noch anhaltenden Machteinfluss Russland beschrieben. Persönlich bin ich da schon sehr glücklich, dass die deutsche Bundeskanzlerin den Draht zu Russland trotz Sanktionen nicht abreisen lässt Das Drohpotenzial Russlands gegenüber der EU -besonders Deutschland- ist enorm.
Was zudem nicht ignoriert werden darf ist die Popularität Putins in Russland, mit Umfragewerten von bis zu 80% ist Putin so beliebt wie nie und lässt die, mit dem Anbruch des 21.Jahrhundert, verfrorene Ideologie des 'starken Russen' aufflammen.

Ist die Korrelation zwischen der gesteigerten chinesischen Bestrebungen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft und dem Aufstieg der US-Neocons und deren gesteigertes Verlangen die weltweite Vorherrschaft zu sichern nur Zufall?

Russland ist die flächenmässig grösste Nation des Planeten, grenzt an 14 Nachbarstaaten, ist Mitglied der BRICS-Staaten mit einem Markt von ca. 3 Milliarden Menschen. Russland hat enorme Bodenschätze aller Art, riesige landwirtschaftliche Flächen und eine starke Schwerindustrie. Dazu eine der stärksten konventionellen Streitkräfte und ein grosses atomares Arsenal. Wenn die EU glaubt, diesem Land mit Sanktionen mehr schaden zu können als sich selbst, dann sollte sie seine Logik-Module checken.

Russland übernimmt momentan einfach die Dreckarbeit für China, indem es die demokratischen Staaten des Westens verunsichert sprich destabilisiert.
Möglicherweise liegt es gar nicht in seiner Absicht für China zu weibeln. Die schlechte Nachricht ist: Mit dem Grossmachtsstreben wird wohl nichts in nächster Zeit. Mit Ressourcen kann man sich zwar moderne Waffen kaufen, aber mit einer Wirtschaftsleistung, die kleiner als Italien ist, obwohl dort weniger als halb so viel Leute leben, die darüber hinaus das Arbeiten nicht erfunden haben, lässt sich einfach kein Staat machen.
Jedoch: wenn es dem Weltfrieden dient und die Russen glücklich macht, sollte man jedem ein Messingschild schenken, auf dem steht, dass Russland eine bedeutende Grossmacht und Zivilisation ist, zu der der Kreis der europäischen Demokratien mit Bewunderung und Dankbarkeit emporblickt.

Sehr gut zusammengefasst. Man kann kurzfristig Russland schaden, jedoch die Umorientierung nach Asien wird damit nur beschleunigt.

Und warum wohl ist die Sowjetunion, die noch viel groesser war, auseinandergebrochen?

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