Keine Festtagsstimmung

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Keine Festtagsstimmung

Von Roman Berger, 09.04.2018

Am 9. Mai feiert der grössste private Medienkonzern der Schweiz Tamedia seinen 125. Geburtstag.

Als der „Tagi“ 1993 sein 100-jähriges Bestehen feierte, erschien eine Festschrift. Ein Blättern in diesem oft selbstkritischen, wenig festlichen Buch lohnt sich.

„Total desillusionierend“

Was zur Zeit in den Newsrooms von Tamedia vor sich geht, ist in der NZZ und in der NZZ am Sonntag zu lesen. So berichtete die NZZ (6. April 2018), wie Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino am 9. Mai mit 3’400 Tamedia-Mitarbeitern ein grosses Fest feiern wolle. Doch im grösssten privaten Medienhaus der Schweiz halte sich die Festlaune in Grenzen.

Am meisten sorge die Tatsache für Unruhe, dass die Unternehmensleitung kürzlich angekündigt habe, „auserwählten Journalisten einen Status als „Experte“ zu verleihen“. Dies komme einer Selektion vor einer grossen Säuberung gleich. „Das ist total desillusionierend“, zitiert die NZZ das „Tagi“-Urgestein Jean-Martin Büttner. Die Sparmassnahmen mit Entlassungen, so vermutet die NZZ, würden erst nach dem grossen Fest am 9. Mai bekannt gegeben werden.

Turbulente Geschichte

1993, als der Tages-Anzeiger sein 100 jähriges Bestehen feierte, ging vieles anders über die Bühne. Denn Hans Heinrich Coninx, damals Verwaltungsratspräsident der „Tages-Anzeiger AG“, war so unvorsichtig, beim Journalisten Werner Catrina ein Jubiläumsbuch zu bestellen. Der in Zürich lebende Bündner und ehemalige Kommilitone von Coninx verfasste eine nur bedingt festliche Festschrift unter dem Titel: „Medien zwischen Geld und Geist“ (1).

Brisantestes Kernstück des Buches von Catrina war das Kapitel „Kontoversen: Redaktion, Management und Aktionäre, ein Spannungsfeld“. Dessen ursprünglicher Titel „Die Entlassung des Chefredaktors“ war vom Verwaltungsrat abgelehnt worden. Hier wurde auf über 150 Seiten die oft bewegte und provozierende Geschichte des Hauses Tages-Anzeiger ausgebreitet: Von 1963, als Redaktionschef Walter Stutzer den Übergang vom faden Allerweltsblatt zur politischen Tageszeitung einleitete, über den Rausschmiss des engagierten Gewerkschafters Ronald Kreuzer (Anfang 1989) bis zur Absetzung von Chefredaktor Viktor Schlumpf (1991), weil der sich weigerte, kritische Journalisten zu entlassen.

„Innere Pressefreiheit sträflich missachtet“

Ein anderes Kapitel der Festschrift hatte den Titel: „Die innere Pressefreiheit wird sträflich missachtet“ (Eva Wyss). Hier wird berichtet, wie Verleger sich aus dem Hintergrund in die Redaktionskonferenzen einmischten, um die Themenplanung zu beeinflussen, und wie Verlagsmanager Artikel von Freunden gegen den Willen der Redaktion im Blatt platzierten.

Ausführlich besprochen wird der „Fall Hänny“. Die Geschäftsleitung hatte 1980 der Redaktion des „Tages-Anzeiger Magazins“ die Publikation eines Artikels untersagt, in welchem der Schriftsteller Reto Hänny im Zusammenhang mit den Jugendunruhen seine Erlebnisse in Polizeigewahrsam schilderte. Die innere Pressefreiheit funktionierte wiederum, als Peter Frey in seiner Funktion als stellvertretender Chefredaktor in einem Kommentar das Schreibverbot der Verlagsleitung gegen den Journalisten Niklaus Meienberg scharf kritisierte.

Letzter Medienredaktor spricht Klartext

Christian Rentsch war bis zur Abschaffung des Medienbundes Leiter der Medienredaktion beim Tages-Anzeiger. In einem WOZ-Artikel (11. August 2013) sprach Rentsch Klartext, wie es zur Auflösung seines Postens gekommen war: „Kein Medienunternehmer liest gern Kritisches über seine eigene Firma. Sicher kam es der Tamedia-Geschäftsleitung daher nicht ungelegen, als die verängstigte Chefredaktion 2003 das Medienressort auflöste. Es hatte immer wieder für Ärger gesorgt, weil es ab und zu auch kritische Artikel über das eigene Haus publizieren wollte.“ Geradezu aktuell wirkt die Analyse von Rentsch, wenn er meint: „Erst recht schwierig wird es, wenn man über Sparübungen im eigenen Haus berichten und darlegen will, wie viele Millionen dabei anfallen und wohin diese fliessen.“

Nach aussen jammert Tamedia regelmässig über die „wegbrechenden Werbeeinnahmen“, die Sparprogramme und Entlassungen „notwendig“ machten. In Wirklichkeit macht der gleiche, weiterhin sehr profitable Medienkonzern fast eine Milliarde Umsatz. Davon sind rund 170 Millionen Reingewinn, wovon 148 Millionen an die Aktionäre ausgeschüttet werden.

Angst vor Entlassungen

Natürlich tragen auch die Journalistinnen und Journalisten selber zu dieser höchst unbefriedigenden Situation bei. Sie haben Angst, sich zu exponieren, weil sie nicht wollen, dass sie bei der nächsten Entlassungswelle auf die Strasse gestellt werden. Der Journalist Jean-Martin Büttner aber hat keine Angst. Er beschreibt in einer TA-Kolumne (Tatort Zürich, 6. April 2018), wie sich die Zentralisierung und Kommerzialisierung der Medien am Beispiel des Tages-Anzeigers journalistisch ausgewirkt habe.

Als er beim Tages-Anzeiger Mitte der achtziger Jahre begonnen habe, so erinnert sich Büttner, habe es noch rund 300 Zeitungen und Zeitschriften gegeben. Seine Zeitung habe im Inland Korrespondentinnen und Korrespondenten in Basel, Genf, Luzern, St.Gallen, Chur, Lugano und Lausanne stationiert gehabt. Heute habe die Schweiz noch 100 Titel, der TA eine Bundeshausredaktion und einen Korrespondenten in Lausanne.

„Helikopter-Journalismus“

Büttners Kritik: „Wir betreiben einen Helikopterjournalismus, fallen bei Wahlen oder für eine Reportage in Städten und Kantonen ein, fragen, reden, schreiben – und kehren wieder in die Zürcher Zentrale zurück.“

Mit anderen Worten: „Wenn die grossen Zeitungen keine Korrespondenten mehr beschäftigen, nehmen sie den lokalen Alltag nicht mehr wahr, die kulturellen Differenzen. Stattdessen werden die Skandale gefeiert. Der Thurgau wird zum ‚gequälten Ross-Kanton‘, Zug zur Affäre Spiess-Hegglin, das Bündnerland zum Valser Dorfstreit. Damit wird vergessen, was die Schweiz zwar kompliziert macht, was sie aber auszeichnet: Der Respekt für das Kleine und Nahe. Das Wort dafür heisst Föderalismus.“(Büttner)

Übrigens: Der heutige Verwaltungsratspräsident von Tamedia, Pietro Supino, hat in weiser Voraussicht den Fehler seines Onkels Hans Heinrich Coninx nicht begangen, zum 125. Geburtstag eine Festschrift zu bestellen. Offenbar ist sich Supino bewusst, dass auf den Redaktionen seines Medienimperiums keine Feststimmung herrscht.

(1) „Medien zwischen Geld und Geist“. 1893–1993. 100 Jahres Tages-Anzeiger. Konzept: Werner Catrina, Roger Blum, Toni Lienhard. 1993 Tages-Anzeiger AG.

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