Kleine Rattenmaus ganz gross

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Kleine Rattenmaus ganz gross

Von Peter Achten, 20.01.2020

Noch einmal Schwein gehabt. Das Jahr des Erdschweins geht zu Ende und wird vom Jahr der Metallratte abgelöst. Das ist hoffentlich gut für den Brückenschlag zwischen Ost und West.

Nach der chinesischen Deutung des Lunisolar-Kalenders – im Westen auch als chinesische Astrologie bezeichnet – steht das Jahr der Metall-Rattenmaus im Zeichen von Innovation und Aufbruch und verspricht zudem, ein Jahr des Neuanfangs und der Liebe zu werden. Der Erfinder dieser Kalenderdeutung soll nach der Legende der mythische Gelbe Kaiser Huangdi im 3. Jahrtausend vor unserer Zeit gewesen sein. 

Verachtet, gehasst

Im abendländischen Kulturkreis freilich sind Mäuse und Ratten verabscheut, verachtet und gehasst. Sie werden verfolgt, wo immer es geht. Das ist schwierig, denn es gibt weit mehr Ratten und Mäuse auf der Erde als die bislang über 7,5 Milliarden Menschen. Die Ratten gelten – nachgewiesenermassen, muss man hinzufügen – als Verbreiter von Krankheiten. Die Pest im 14. Jahrhundert nahm ihren Ausgang an der heutigen chinesisch-burmesischen Grenze und verbreitete sich innerhalb weniger Jahre in Windeseile über den eurasischen Kontinent bis nach Westeuropa. Dabei verloren zigmillionen Menschen ihr Leben. Ratten und Mäuse werden wegen ihrer Gefrässigkeit auch für Hungersnöte verantwortlich gemacht.

Innovativ und ehrgeizig

Im Gegensatz zur okzidentalen Rattenmaus-Verachtung wird im orientalen Kulturkreis trotz der schädlichen Auswirkungen die kleine Rattenmaus positiv gewertet. Im chinesischen Kulturkreis – zu dem etwa auch Korea, die Mongolei und Vietnam sowie bis Ende des 19. Jahrhunderts auch Japan gehörten –  gilt das Tierchen als innovativ, kreativ, clever, geistreich, angriffslustig, ehrgeizig, anpassungsfähig, hart arbeitend, entschlossen, gewinnbringend.

Papst Franziskus

Folglich sind die im Metallrattenjahr geborenen Menschen selbstbewusst, schlau, intelligent, optimistisch; sie gelten als Schnelldenker und Perfektionisten. Zu diesen Ratte-Menschen gehören etwa Papst Franziskus oder Churchill, Prinz Harry oder der berühmte Tang-Poet Du Fu, die US-Präsidenten Jimmy Carter oder George Washington oder auch Mozart, Sheakspeare, Marlon Brando oder Mark Zuckerberg.

Das Chinesische Neujahr, auch Frühlingsfest (Chunjie) genannt, beginnt nach dem Lunisolar-Kalender mit dem zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende. Nach dem im Abendland geltenden Gregorianischen Kalender liegen diese Neumonde zwischen dem 21. Januar und 21. Februar. Im Jahre 2020 wird das der 25. Januar sein. 

Kein Katzen-Jahr

Der Legende nach hat entweder Buddha oder der legendäre Jade-Kaiser Yu Di 13 Tiere aufgefordert, sich zu versammeln, nämlich Ratte (Maus), Büffel (Ochse), Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund, Schwein und Katze. Nach der einen Legende soll die Maus auf dem Weg beim Überqueren eines Flusses auf den Rücken eines Ochsen gesprungen sein und die Katze ins Wasser gestossen haben. Nach der andern Legende soll die clevere Maus der Katze ein falsches Datum der Zusammenkunft angegeben haben. Die Katze jedenfalls verpasste die Zusammenkunft. So wurden nur den 12 anwesenden Tieren je ein Regierungsjahr zugeordnet. Ein Katzenjahr gibt es nicht.

12-Jahres-Zeitkreis

Jeder 12-Jahres-Zeitkreis beginnt mit einem Jahr der Rattenmaus, weil das listige Mäuschen als erstes an der Zusammenkunft eintraf. Zusätzlich wird für jedes Jahr ein Element aus der Fünf-Elementen-Lehre mit Holz, Feuer, Wasser, Metall und Erde hinzugefügt und wird so zu einem 60-Jahre-Zeitkreis. Das Neujahrsfest wird im chinesischen Kulturkreis je nach Region und Land unterschiedlich gefeiert. Über die Jahrhunderte haben sich etwa bei Auslandchinesen in Singapur, Malaysia, den Philippinen, Indonesien oder Thailand eigene Traditionen entwickelt. Dasselbe gilt für Hongkong wegen seiner 155 Jahre unter britischer Kolonialherrschaft. Auch in unterschiedlichen Regionen in China selbst gibt es grosse Unterschiede. Überall jedoch sind Feuerwerk, Trommeln, Gongs, tanzende Löwen und Drachen, Tempelfeste und reichlich Blumen involviert. In Tibet gar wird das Frühlingsfest meist einen Neumond später als im restlichen China gefeiert. 

Clan- und Familienfest

Das Neujahrsfest ist überall in diesem Kulturkreis jedoch ein Clan- und Familienfest. Das Fest par excellence im Jahr. Deshalb findet in und um China jedes Jahr eine Massenmigration statt. Dieser Feiertags-Rush (Chunyun) fand dieses Jahr zwischen dem 10. Januar und 18. Februar statt. Von überall her strömen Wanderarbeiter, Studenten, Angestellte, kurz: alle zu ihren Familien und Clans nach Hause. Nach offiziellen Statistiken werden so im laufenden Chunyun 2,43 Milliarden Reisen auf der Strasse, 440 Millionen mit der Eisenbahn und 17 Millionen mit dem Flugzeug unternommen. 14 Tage nach Neujahrsbeginn endet die Festperiode mit dem Laternenfest. 

Chunjie

Vielleicht wird das chinesische Frühlingsfest im Zuge der Globalisierung bald weltweit gefeiert. Ähnlich wie die christlichen Weihnachten. Es wäre zu wünschen. In unserer globalisierten Welt nämlich werden lokale, regionale oder länderübergreifende Bräuche und Feste immer wichtiger. Für Ihren Korrespondenten als Heimweh-Basler zum Beispiel Vogel Gryff oder Basler Fasnacht, für einen romanisch- oder italienischsprachigen Bündner Chalandamarz oder einen Afrikaner oder Lateinamerikaner dieses oder jenes Fest. Und für Chinesinnen und Chinesen eben Chunjie, ob in China oder der Diaspora.

Von China lernen

Diese Feierlichkeiten dienen als dringend notwendige kulturelle Brücken. Europa hat in den letzten 500 Jahren Wissenschaft, Aufklärung und die Industrielle Revolution hervorgebracht. China hat mit Marxismus, Technologie und Kapitalismus viel vom Westen gelernt. Doch der abendländische Kulturkreis hat bislang zu wenig, viel zu wenig von China gelernt und meint noch immer, alleinigen Anspruch auf „universelle Werte“ zu haben. 

Kulturelles Missverständnis

Schon einmal ist das Verhältnis von Ost und West wegen mangelnder kultureller Brücken zerbrochen. Der Berühmte Kaiser Qianlong der letzten chinesischen Qin-Dynastie beschied am Ende des 18. Jahrhunderts – China war damals dem Westen wirtschaftlich noch weit überlegen – dem englischen Abgesandten Macartney, China brauche nichts, habe alles selbst und lehne deshalb Freihandel mit dem fernen britischen Reich ab. Die Geschenke des britischen Königs George III. interpretierte Qianlong fälschlicherweise als Tribut, also als  Unterordnung unter die Suzeränität der überlegenen chinesischen Kultur. 

„Hundert Jahre der Schande“

Die Briten wiederum konnten mangels kultureller Brücken die Haltung des chinesischen Reiches nicht interpretieren. Die Folge: Angriff der wegen der Industriellen Revolution wirtschaftlich und vor allem militärisch erstarkten Briten auf Hongkong, Annektierung des Hafens und der den Chinesen 1842 aufgezwungene Vertrag von Nanking. Es folgten Kolonialismus und Imperialismus, welche für China in ein Zeitalter „ungleicher Verträge“ und „hundert Jahre der Schande“ mündeten.

Xinnian Kuaile!

Das Chinesische Neujahr, das Frühlingsfest könnte geradezu als Anfang einer idealen kulturellen Brückenfunktion dienen. Da auch kulturell vieles beim Essen beginnt, hier noch ein Menü-Vorschlag chinesischer Kalenderdeuter für das Neujahrsessen: möglichst viele Käse und viele Nüsse, denn das lieben unsere lieben Rättchen und Mäuschen. Ihr Korrespondent ist im übrigen (leider) keine kleine Rattenmaus, sondern ein Hase. Immerhin gilt dieser Hase in der Interpretation der Kalenderdeuter als gutmütig und besonnen. Und blitzgescheit.

In diesem Sinne wünscht Ihr Korrespondent allen Journal21-Lesern und Leserinnen ein gutes Rattenmaus-Jahr. Xinnian Kuaile! Kung Hay Fat Choy!

PS: Kulturelle Brücken – Neben vielen Büchern über China hier Hinweise auf zwei Schweizer Autoren, die in ganz unterschiedlichem Gebieten kulturelle Brücken zwischen Ost und West bauen.

Harro von Senger: 36 Strategeme für Juristen, 2019. – Der Sinologe und Jurist von Senger hat viele bedeutende Bücher über die 36 chinesischen Strategeme sowie die chinesische Suprastrategie Moulue geschrieben. Die Werke wurden in 15 Sprachen übersetzt und werden auch in China auf Chinesisch herausgegeben und gelesen.

Die Schweizer Schriftstellerin Isabelle Gendre hat auf ihren langen Jahren im Ausland eine entscheidende Zeit in China verbracht. Später studierte sie Sinologie und begann auch, Mandschurisch zu lernen. In ihren beiden historischen Romanen: Wilde Gräser, 2019 und Die Leibwache des Kaisers, 2017 beschreibt sie faktenreich und spannend Entstehung und Verlauf der letzten Kaiserdynastie. Überdies neben andern Romanen: Si Miao, wo Buddha und Mao sich treffen, Sachbuch, 1991.

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