Klimatrumpf Wasserstoff

Franz Glinz's picture

Klimatrumpf Wasserstoff

Von Franz Glinz, 22.09.2019

Bis 2050 soll die Schweiz CO₂-neutral sein und so helfen, die globale Klimaerwärmung bei maximal 1,5 Grad zu stabilisieren. Ein höchst effizientes Mittel dazu gäbe es.

Netto-Null bis 2050 heisst: Bis in dreissig Jahren sollen in der Schweiz nicht mehr Treibhausgase durch Verkehr, Industrie, Landwirtschaft und andere Emittenten ausgestossen werden als natürliche und künstliche CO₂-Speicher wie der Wald und andere, auch technische Systeme aufnehmen können.

Laut dem «Energy Intelligence Unit» in London schaffen heute nur zwei Länder der Erde Netto-Null CO₂: Buthan und Surinam. Zahlreiche andere Staaten, dabei auch die EU, wollen nach eigenen Aussagen bis 2050 mit den beiden Zwergstaaten gleichziehen; Norwegen schon bis 2030, Finnland bis 2035, Island bis 2040, Schweden bis 2045. Sogar im südamerikanischen Uruguay spricht die Politik von 2030, was jedoch skeptisch wahrgenommen wird.

Die Schweiz hinkt hinterher

«Die Schweiz ist gut aufgestellt, um das Übereinkommen von Paris umzusetzen», protokolliert das Bundesamt für Umwelt Bafu. Gemäss den ersten Umweltzielen mag das zutreffen. Doch wie gut sind wir gerüstet für Netto-Null CO₂ bis2050? 

Es ginge darum, 85 bis 95 Prozent weniger Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid und Methan im eigenen Land zu emittieren und nur wenige Prozente mittels Klimazertifikaten im Ausland zu kompensieren. Doch wirklich überzeugende Vorschläge des Bundesrats für die Realisierung fehlen noch. «Über den Weg zum Ziel schweigt er sich noch aus», schrieb die NZZ Ende August. Und weiter: «Die Parole von ‚Netto-Null bis 2050‘ aus dem Bundesrat mag visionär tönen und bei manchen den Willen zum Handeln anfachen. Aber gefordert ist nun ernsthaftes politisches Handwerk.»

Taugliche Instrumente sind nicht die vorgeschlagenen um 12 oder vielleicht 20 Rappen teureren Treibstoffe oder die eben vom Nationalrat bewilligten und auch von der Umweltkommission des Ständerats vorgeschlagenen Flugticket-Abgaben von 30 bis 120 Franken je nach Flugdistanz.

Wegen 12 bis 20 Rappen teurerem Benzin und Diesel verzichtet kaum jemand aufs Auto. Es würden auch kaum sehr viele Transporteure auf die Bahn wechseln. Und wegen um 30 bis 120 Franken verteuerten Flugtickets würden wohl nur wenige Schweizerinnen und Schweizer auf ihre Ferien in Griechenland oder in der Karibik verzichten. Auch das Wissen um die besondere Problematik des stark wachsenden zivilen Flugverkehrs ändert daran nichts. Edward Kanterian von der Universität Kent hat kürzlich in der NZZ erklärt, dass das Flugzeug wegen seiner Emissionen in grosser Höhe das umweltschädlichste Fortbewegungsmittel ist.

Keine unpopulären Extremforderungen

Wirkungsvollere Wege zu Netto-Null CO₂ wären wohl die Forderungen der Gletscher-Initiative: «Ab 2050 werden in der Schweiz keine fossilen Brenn- und Treibstoffe mehr in Verkehr gebracht.» Zuerst sollen Heizöl und Kohle durch neue Abgaben verteuert und schliesslich verboten werden. Allerdings würden diese Forderungen beim Volk vermutlich scheitern. 

Strassenverkehr, Transport, Landwirtschaft, Schifffahrt und Flugverkehr sind weltweit grosse Sorgenkinder der Netto-Null-Kämpfer. Beim Verkehr gehen die Gletscher-Initianten laut NZZ jedoch davon aus, dass sich die heutigen Treibstoffe durch neue Energietechniken ersetzen lassen. Und damit haben sie sogar recht.

Unpopuläre Extremforderungen lassen sich vermeiden mit dem Vorschlag, Wasserstoff (H₂) als neuen Treibstoff, der ganz ohne schädliche Abgase bleibt, politisch stark zu fördern. Denn mit H₂ können künftig LKW, Busse, PW, Traktoren und Passagierflugzeuge, aber auch Schiffe auf den Weltmeeren betrieben werden.

Wasserstoff holt auf

Bereits in meinem Beitrag «Die verkannte bessere Lösung» vom 18. März, kritisierte ich, dass am Genfer Automobilsalon nur über Batterieautos als umweltschonende Neuerung im Strassenverkehr geredet wurde, die zukunftsträchtige Lösung Wasserstoff-Elektromobilität aber in einem kleinen Stand versteckt und wenig beachtet war. 

Jedoch, seit dem Frühjahr hat sich bezüglich Wasserstoff-Mobilität viel getan, wie die Schweizer H₂ Energy AG in ihrem Newsletter aus diversen Medienquellen berichtet.

Nur einige Beispiele daraus.

Im März: Laut «electrive.net» «hat sich in den vergangenen zwei Jahren mit der Brennstoffzelle eine zweite Form der Elektrifizierung in China sehr deutlich technisch auf den Weg begeben». Und weiter: «Erneut wird dies von staatlichen Programmen unterstützt und von vielen privaten Akteuren, vornehmlich aus dem Nutzfahrzeugbereich, aber natürlich auch im PKW-Segment, umgesetzt. Was treibt China in diese Richtung, wo doch scheinbar alles auf den Erfolg des batterieelektrischen Fahrzeugs ausgerichtet ist? Hier geht der Blick der Chinesen vor allem auf die asiatische Konkurrenz aus Japan und Korea. Japan hat mit Toyota einen Player, der sogar so stark auf die Brennstoffzelle setzt, dass er das reine Batteriefahrzeug fast vergessen hat.

Toyotas Wasserstoff-PW Mirai
Toyotas Wasserstoff-PW Mirai

Ab 2020 will Toyota jährlich bis zu 30’000 Fahrzeuge mit Wasserstoff-Brennstoffzellen-Technik herstellen und verkaufen. Honda und Nissan folgen, auch weil sie auf Augenhöhe mit Toyota bleiben möchten. Koreas Hyundai und Kia hingegen haben gezeigt, dass sich Brennstoffzellen-Fahrzeuge auch heute schon kommerzialisieren lassen.» Und die «Asia Times» berichtete, dass Beijing bis 2025 gut 100’000 wasserstoffbetriebene Autos auf der Strasse haben wolle.

Im April berichtet «finanzen.net»: First Element Fuel in Kalifornien betreibt das grösste Wasserstoff-Tankstellennetz der Welt und hat sich 24 Millionen USD an zusätzlichem Kapital abgesichert, um seine Kapazitäten für die Wasserstoff-Betankung zu steigern. 

Und aus Japan die Meldung, dass bis zu den Olympischen und Paralympischen Spielen in Tokio im Sommer 2020 die gesamte Fahrzeugflotte für die Grossveranstaltung mit Wasserstoff betrieben werden soll. 

Und gemäss «Reuters» sagte Kanzlerin Angela Merkel im April an einer Tagung, dass Deutschland rasch auf elektrische oder wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen-Fahrzeuge umstellen sollte.

Im Mai: Von H₂ Energy AG Schweiz weitergeleitete Medien-Schlagzeilen: «Dänemark lanciert Brennstoffzellen-Taxiflotte.» So sollen 2025 alle Taxis des Landes abgasfrei sein.

Ebenso im Mai in der NZZ: «Hunzenschwil ist so etwas wie das helvetische Zentrum für Wasserstoffmobilität. Hier eröffnete Coop 2016 die erste öffentliche Wasserstofftankstelle der Schweiz und nahm den ersten mit Wasserstoff betriebenen Lastwagen in Betrieb. Mit der Migros, der Agrargenossenschaft Fenaco, dem Autohandelsunternehmen Emil Frey Group, Shell und anderen hat sich der Grossverteiler vor einem Jahr zum Förderverein H₂-Mobilität zusammengeschlossen.

H₂-Tankstelle von Coop
H₂-Tankstelle von Coop

Bis 2023 wollen die 15 Mitglieder ein flächendeckendes Tankstellennetz für Wasserstoff aufbauen und 1000 mit H₂ betriebene Lastwagen in Verkehr setzen. Gegenüber batteriebetriebenen Fahrzeugen haben sie den Vorteil, dass sie im Nu vollgetankt sind und statt schwerer Akkus nur eine Brennstoffzelle mitführen müssen.» Die Brennstoffzellen wandeln den Wasserstoff im Fahrzeug selbst in Strom für die E-Motoren um. Was hinten rauskommt, ist nur Wasserdampf. 

Im Juni: Mit der Gründung des Joint Ventures Hyundai Hydrogen Mobility wird die Basis gelegt, damit in der Schweiz und in Europa Brennstoffzellen-Lastwagen Fuss fassen können. Eine entscheidende Rolle wird dabei der Förderverein H₂ Mobilität Schweiz übernehmen. Die ersten Hyundai-Trucks kommen noch in diesem Jahr. USA, Europa und Japan kooperieren bei Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Technologien.

Im Juli: Der neueste Wasserstoff-Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) «The Future of Hydrogen, seizing today’s opportunities» äussert sich zuversichtlich, dass Wasserstoff sich in einer entscheidenden Phase in puncto Einsatz und Einführung befindet. Dank seiner Vielseitigkeit und sauberen Verbrennung geniesst Wasserstoff eine wachsende Popularität (Quelle: Energieblog RWE). Und: Siemens plant Wasserstoff-Technologiezentrum (Quelle: NGIN Mobility).

Im August: «Die Linde Aktiengesellschaft aus Deutschland hat eine 10-Prozent-Beteiligung an der Hydrospider AG erworben. H₂ Energy und Alpiq bleiben mit je 45 Prozent Hauptaktionäre des Produzenten und Lieferanten von grünem Wasserstoff und treiben die Entwicklung des emissionsfreien Schwerverkehrs in der Schweiz an vorderster Front weiter voran.» 

Und noch eine August-Meldung: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei der Luftfahrtkonferenz in Leipzig eine nationale Wasserstoffstrategie für die Luftfahrtbranche angekündigt. Diese soll bis Ende dieses Jahres erarbeitet werden (Quelle: electrive.net, Branchendienst für Elektromobilität).

Im September: Landi Zofingen/Sursee bauen die erste Agrola Wasserstoff-Tankstelle in Zofingen. Und: BMW gibt an der Frankfurter Automesse IAA bekannt, dass 2022 eine Kleinserie Wasserstoff-Brennstoffzellenautos auf Basis des X5 auf den Markt kommen soll. Eine grössere Serie etwas später. Noch eine September-Schlagzeile: Flixbus will Brennstoffzellenbus einsetzen. 

Viel Ökostrom wird nötig

Vorzugsweise in der Nähe von stromproduzierenden Anlagen hergestelltes H₂ kann mittels Drucktank-Lastwagen oder Pipeline zu den Tankstellen gebracht werden. Wasserstoff kann in jedem Land hergestellt werden. Weil dazu nur Wasser und Strom nötig sind, gibt es keine Auslandabhängigkeit von den Rohstoffen Lithium, Kobalt, Nickel etc. wie für die Produktion von Batterien. Der Abbau solcher Rohstoffe in Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas erfolgt teils unter menschenunwürdigen Bedingungen. Und es müssten in Zukunft nicht Millionen ausgedienter Mega-Batterien aufwendig entsorgt werden. 

Allerdings benötigt die Herstellung von Wasserstoff viel elektrischen Strom, welcher der Umwelt zuliebe möglichst nicht aus Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerken kommen sollte. Ideal ist die Verwendung von zu gewissen Tages- und Jahreszeiten überschüssigem Strom aus Wind- und Solaranlagen oder aus Wasserkraftwerken. 

Gemäss ETH-Professoren für nukleare Energie könnte ebenso umweltschonend Wasserstoff in grossen Mengen mit Strom aus modernen, noch sichereren Kernkraftwerken der Zukunft produziert werden. Doch angesichts der helvetischen Einsprachen- und Verhinderungskultur ist es nicht möglich, bis 2050 ein solches AKW zu realisieren. So bleibt als realistischere Lösung wohl nur die politisch sorgfältige Pflege und, wo möglich, der Kapazitätsausbau unserer Wasserkraftwerke sowie die konsequente Nutzung der Sonnenenergie, wie dies der Physiker Dieter Imboden am16.09.2019 im Journal21.ch darlegte.

Zumindest die Headline suggeriert, dass Wasserstoff Oel ersetzen koennte. Das kann es nur als Energietraeger, nicht als Energiequelle. Das verfuehrerische an Oel ist die guenstige Infrastruktur um es zu gewinnen. Waehrend die Strom Erzeugungsinfrastuktur viel aufwendiger ist.

Genau richtig und genau zur richtigen Zeit!
Leider wurdest Du nicht gesehen an der SSM-Vortragstagung vom 17. September zu genau diesem Thema: «Wasserstoffmobilität - Hype oder Realität». Mit Top-Referenten aus dem In- aber auch Ausland, aus Forschung (Empa z.B.) und Wirtschaft (Rolf Huber von H2 Energy AG z.B.).
Aber Dein Artikel geht in genau diese Richtung und ist sehr lesens- und bedenkenswert.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren

«Belarus - ein Modell unserer Zukunft»

Reinhard Meier: Die belarussische Nobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch hat die russischen «Brüder» um Solidarität mit ihrem Volk gebeten. Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja antwortete, Belarus sei ein «Modell unserer nahen Zukunft». Mehr…