Kunst in Paris mit Schweizern im Blickpunkt

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Kunst in Paris mit Schweizern im Blickpunkt

Von Daniel Woker, 07.11.2016

Nach den Kunstmessen in Paris hat nun die Museumssaison begonnen, mit vielen Höhepunkten - und einem für Besucher aus der Schweiz speziellen Bijou.

Bis tief ins 20. Jahrhundert war Paris die unbestrittene Kunstmetropole der Welt; in französischem Verständnis hat sich daran bis heute nicht viel geändert. Objektiv gesehen mag New York, allenfalls London, in Zukunft vielleicht einmal Shanghai, der Stadt an der Seine den Spitzenrang streitig machen, aber Paris wendet viel auf, um für den Kunstfreund „incontournable“ zu bleiben. Die Ausstellungsorte und das dort gezeigte Werk verdienen fast immer das Prädikat Weltklasse. Das gilt für die laufende Saison mehr den je.

FIAC – Foire Internationale d’Art Contemporain

Jeden zweiten September kommen traditionellerweise die Freunde alter Kunst, bis hin zur klassischen Moderne auf ihre Rechnung mit der Biennale des Antiquaires, welche ab 2017 jedes Jahr stattfinden wird. Sie behält ihren Namen trotzdem, glücklicherweise bleibt auch der Ausstellungsort derselbe. Der Grand Palais ist ein Meisterstück klassisch moderner Architecktur, wo ein erstes Mal in der westlichen Baugeschichte Glas, Metall und Stein in monumentaler, aber vollendeter Harmonie zusammengefügt worden sind.

Da kann das modern Gegenstück der Biennale, die FIAC (Foire Internationale d’Art Contemporain), die jeweils im Oktober stattfindet, nicht anders, als den Grand Palais für drei Tage in ein Monumentalmuseum zeitgenössischer Kunst zu verwandeln. Und noch mehr: Dieses Jahr wurde auch der Petit Palais gegenüber – schon bei ihrem Bau für die Weltausstellung 1900 wurden die beiden Paläste als ein Ganzes verstanden – einbezogen. Ganz zu schweigen von langen Reihen provisorischer Ausstellungspavillons gleich um die Ecke, welche sich entlang der Champs-Elysées bis fast zum Place de la Concorde hinzogen. Unter den im Innenhof des Petit Palais ausgestellten Skulpturen befanden sich auch metallglänzende Kugeln des Engadiners Not Vital.

Uli Siggs Sammlung chinesischer Gegenwartskunst

Von prominenten Schweizern war ebenfalls die Rede in einem Interview des FIAC-Messedirektors, welcher nach den Auswirkungen des islamistischen Terrors in Frankreich auf die Beteiligung von Ausstellern, Käufern und des kunstliebenden internationalen Publikums gefragt wurde. Er räumte einen gewissen Rückgang der Beteiligung nach den Grossattentaten von Paris und Nizza ein, wies aber auf eine Reihe von international zentralen Sammlern hin, welche die FIAC niemals ausliessen, so „aus der Schweiz Michael Ringier und Uli Sigg“.

Auf Einladung des Centre Pompidou präsentierte Sigg kurz nach der FIAC seine unvergleichliche Sammlung chinesischer Gegenwartskunst mit eigenen Aufnahmen vor einem Fachpublikum, um zu illustrieren, wie eng Kunst in China mit der jüngsten Geschichte des Landes seit der Kulturrevolution verwoben ist. Dies im „Centre Beaubourg“ also, dessen doch recht hässliche Fassade auf der einen Seite durch die Brunnenlandschaft von Jean Tinguely/Nikki de Saint Phalle verschönt wird.

„Hodler Monet Munch“ – drei Meister

Gleich an erster Stelle wird der schweizerische Nationalmaler erwähnt im Rahmen einer absolut bemerkenswerten Ausstellung im renommierten Musée Marmottan Monet: „Hodler Monet Munch“ zeigt auf, wie diese drei Meister den Übergang vom Impressionismus in die Malerei des 20. Jahrhunderts entscheidend prägten. Speziell betont wird dabei, wie ähnlich sie Natur – die Sonne, Wasser, Wolken, Felsen – wiedergaben. Ins Auge sticht speziell eine ganze Werkgruppe Hodlers mit Ansichten vom Thunersee aus der Sammlung von Christoph Blocher. Hauptwerke des Malers, welche jedenfalls vom Schreibenden noch nie in der Schweiz gesehen wurden.

Ebenfalls mit viel Geld zusammengetragen eine Sammlung des zaristischen Unternehmers Sergei Schukin mit Hauptwerken von Monet, Picasso, Gaugin und Matisse, welche seit der Revolution nie mehr ausserhalb Russlands zugänglich waren. Als „Icônes de l’Art Moderne“ werden sie in der Fondation Louis Vuitton gezeigt, dem Privatmuseum des französischen Milliardärs Bernard Arnault, Inhaber der Luxusfirma LVMH.

Picasso und Giacometti

Das Musée Picasso im Marais stellt in einer reizvollen Konfrontation Skulpturen des Jahrhundertmalers jenen von Giacometti entgegen; mit verschiedenen Werken, welche ein erstes Mal von der Pariser Stiftung Alberto et Annette Giacometti freigegeben worden sind. Diese neben dem Kunsthaus Zürich wichtigste Sammlung des grossen Meisters aus dem Bergell wird in naher Zukunft im Quartier Montparnasse ein kleineres Schaufenster in Leben und Werk von Giacometti eröffnen, mit einer exakten Replica seines nahe gelegenen, ursprünglichen Ateliers.

Im Musée du Luxembourg erhält der französische Impressionist Fantin-Latour endlich eine nur ihm gewidmete Ausstellung. Das Universalmuseum im Louvre bietet auch dem erfahrenen Kunstkenner immer wieder willkommene Überraschungen in Form von neuen und renovierten Abteilungen. Und wer noch nie im Musée Branly war, verpasst eines der global wichtigsten  Ausstellungsorte aussereuropäischer Kunst.

Und so weiter bis hin zu kleineren Juwelen, wie der eben in der Bibliothèque Nationale eröffneten Schau der wichtigsten Mode- und Portaitaufnahmen von Richard Avedon, der amerikanisch-französischen Photographenlegende, dessen Kamera sich Berühmtheiten in sonst nie erreichter Offenheit hingaben. So auch Giacometti, am Boden kauernd und über das gesamte Gesicht lachend; untypisch für ihn, der sonst auf Photos ernst und mit zerfurchtem Gesicht einherkommt.

Paris war einmal eine Messe wert. Eine Kunstreise dahin lohnt sich auch heute noch.

Wie klein und erbärmlich kommt man sich vor, wenn man die Majestät einer Symphonie erlebt, wenn man die ganze Urgewalt fühlt, die das Wort Musik als Begriff in sich trägt.

Fritz Wunderlich, deutscher Tenor, geboren heute vor 90 Jahren (gestorben 1966)
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