Lachen auf höchster Ebene

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Lachen auf höchster Ebene

Von Peter Achten, Peking - 14.11.2011

Kürzel wie UNO, EU, UBS, CS, FIFA, UEFA, Coop, Migros, AHV oder IV sind wohl selbst Konsumenten von Gratiszeitungen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne geläufig. Nehme ich wenigstens an.

Bei SUVA wird es schon komplizierter. Bei Akronymen wie ASEAN, ASEAN plus 3, G-8, G-7, G-20, WHO, ILO, IEA, FAO, Unesco, APEC, und wie sie alle heissen, verstehen auch relativ gut Informierte meist nur noch Bahnhof. Die Kürzel tauchen immer dann auf, wenn die internationale Grosskopfete sich zu Gipfeln, Gipfelchen und Gesprächen „auf höchster Ebene“ trifft. In den 80er Jahren waren Gipfel noch Gipfel. US-Präsident Ronald Reagan und Michail Gorbaschow sassen zusammen, um die Welt in Ordnung zu bringen. Heute gibt es eine Inflation von Gipfeln aller Art. Worthülsen wie „strategische Zusammenarbeit“ werden von den Medien inflationär global verbreitet. Schall und Rauch, wenig Substanz.

Aber es sind Medienereignisse mit allem Drum und Dran. Schliesslich leben wir in einem globalisierten, medialen Weltdorf. Geschwätzige Moderatoren, Reporter, Fallschirm-Journalisten und sogenannten Experten von Rund-um-die-Uhr Fernsehstationen wie BBC, CNN, CCTV, Deutsche Welle, Al-Jezeera und und und ... berichten live und tragen wenig bis nichts zum Verständnis der laufenden Ereignisse bei. Dito bei allen andern TV-Anstalten, SRF inklusive: Sprechblasen, das immer gleiche Experten-Geschwätz. Mit wenigen Ausnahmen. Aber Bilder müssen natürlich her und die bringen es dann: Pressekonferenzen, Gruppenfotos, Händelschütteln und lachende Staats- und Regierungschefs sowie Minister im Dutzend. Gelöst wird meist wenig bis gar nichts, wie neulich, als es um den Rettungsschirm für das überschuldete Griechenland ging. Gelacht, und wie, wurde trotzdem.

Der pazifische Raum als Freihandelszone

Dennoch sind sehr oft solche Gipfel weit abseits der verdrehten Schlagzeilen und dem „Durchbruch-oder-nicht“-Gemurmel nützlich. Diskussionen, Networking, sich kennen lernen sind das eine. Das andere, viel wichtigere, sind die mühsamen Detail-Gespräche, die Annäherung der Standpunkte, das Feilschen um Kompromisse. Das ist die Arbeit von Diplomaten, im Gipfel-Jargon auch Sherpas genannt. Die wirkliche Gipfel-Arbeit ist so nur selten Schlagzeilen-trächtig. Aber dann on top gut für die Show und das Image von Spitzenpolitikern.

In Hawai fand am verlängerten Wochenende der jährliche APEC-Gipfel statt. Im Westen wird die asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC) wenig bis gar nicht wahrgenommen, da geographisch zu weit entfernt. Die 1989 gegründete Organisation hat heute 21 Mitglieder, alles Länder rund um den Pazifischen Ozean. Entschieden wird im Konsens. Ziel: Bis ins Jahr 2020 soll der pazifische Raum eine riesige Freihandelszone werden, von den USA bis China, von Kanada bis Japan, von Russland bis nach Australien und Neuseeland oder von Chile über Mexiko bis nach Indonesien, Thailand oder Vietnam.

Noch ist man weit vom Ziel entfernt, doch es tut sich etwas. Pragmatisch, Schritt für Schritt, also ganz auf die asiatische Art. In den 21 APEC-Staaten lebt knapp die Hälfte der Weltbevölkerung. Der Wirtschaftsraum generiert 55 Prozent des weltweiten Brutto-Inlandprodukts und ist die am schnellsten wachsende Wirtschaftsregion der Welt.

Hinter verschlossenen Türen

Kein Wunder, dass APEC im Gegensatz zu Europa trotz aller Widerwärtigkeiten mit Optimismus in die Zukunft blickt. Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao gab sich auf Hawaii schon fast euphorisch, als er von den Investitions- und Handelsaussichten in China und darüber hinaus für die nächsten fünf Jahre sprach. Im jetzigen internationalen Finanz- und Wirtschaftsklima mangelt es allerdings auch nicht an Warnungen vor dem Versuch, mit Handelshemnissen und Protektionsimus die eigene Position vermeintlich zu verbessern.

Diese Warnung galt natürlich vor allem für die beiden grössten APEC-Nationen, die USA und China. Doch US-Präsident Barack Obama und Hu Jintao werden hinter verschlossenen Türen höflich Klartext miteinander geredet und sich danach bei allen Differenzen besser verstanden haben. Das gibt wenig Schlagzeilen her, dafür schöne Bilder fürs Fernsehen.

Seit der Gründung der APEC hat sich die Welt geopolitisch stark verändert. Als Präsident Bill Clinton 1993 die Staats- und Parteichefs der APEC in Seattle zum Gipfel-Powwow begrüsste, war Amerika nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion politisch und wirtschaftlich unangefochten die Nummer 1. China befand sich damals noch nicht einmal unter den Top Ten der mächtigsten Volkswirtschaften der Welt.

Verlagerung des Schwergewichts

Fast 20 Jahre später hat sich die Situation drastisch verändert. China ist nach den USA die stärkste Volkswirtschaft geworden und hat sich – vorerst – zur regionalen Grossmacht gemausert. Ist nach dem britischen 18./19. Jahrhundert und dem amerikanischen 20. Jahrhundert jetzt das asiatische, gar das chinesische Jahrhundert angebrochen? Nach einem Jahrzehnt im 21. Jahrhundert kann derzeit wohl lediglich festgestellt werden, dass sich das Schwergewicht endgültig vom Atlantischen in den Pazifischen Raum verschoben hat und dass die internationale Gemeinschaft in Zukunft sich mulitpolar entwickeln wird. Alles andere bleibt offen.

Auch von einem neuen Kürzel war in Einschätzungen des sich schnell entwickelnden geopolitischen Umfeldes die Rede. Politiker, Ökonomen und Sozialwissenschafter nahmen schon mal die Schöpfung G-2 in den Mund. In Anlehnung an die mächtigen Industriestaaten und Schwellenländer der G-20, sollen China und die USA das erlauchte Gremium bilden. Während Obama in Hawaii erneut die Führungsrolle der USA unterstrich, gab sich Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao bescheidener. Multipolar und nicht hegemonistisch müsse die neue politische und wirtschaftliche Weltordnung aussehen. Das Mantra aus Peking: Die Welt könne auf den „friedlichen Aufstieg“ Chinas zählen. Von G-1 bis G-20 ist mithin alles möglich.

Eigenartig, da sagt Cinas Staats und Parteichef Multipolar und nicht hegemonitisch.....wie kommt er nur darauf? Da bekommt das alte Europa doch noch Anerkennung und eine Chance...oder nicht? Für uns Europäer ist China keine Bedrohung,weil wir gewohnt sind mit anderen Kulturen respektvoll und friedlich umzugehen.Gegenseitige Achtung ist wohl immer die Voraussetzung für gute Zusammenarbeit. Keinenfalls diese imperialen Mauscheleien die nur verunsichern. Hu Jintao hat Europa noch nicht aufgegeben und da sollten wir ihm dankbar sein.

Wie klein und erbärmlich kommt man sich vor, wenn man die Majestät einer Symphonie erlebt, wenn man die ganze Urgewalt fühlt, die das Wort Musik als Begriff in sich trägt.

Fritz Wunderlich, deutscher Tenor, geboren heute vor 90 Jahren (gestorben 1966)
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