Leben in Zeiten des Corona-Virus

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Leben in Zeiten des Corona-Virus

Von Heiner Hug, aktualisiert - 27.02.2020

Zwischen Alarmismus und berechtigten Ängsten

Der Engadiner Skimarathon ist abgesagt. Der Genfer Autosalon findet nicht statt. Alle Grossanlässe sind bis Mitte März in der Schweiz verboten, so auch die Fasnachtsveranstalungen.

In Italien sind Schulen, Universitäten und Opern geschlossen – und Fussballspiele finden auch am kommenden Sonntag nicht statt.

Und in Tokio denkt man laut darüber nach, ob die Olympischen Sommerspiele stattfinden können. Und die Fussball-EM, die in Italien eröffnet werden soll?

Das Corona-Virus bereitet sich zurzeit ausserhalb von China schneller aus als in China selbst. In der Schweiz sind bisher sechs Fälle bestätigt. Weitere werden mit Sicherheit in Kürze folgen.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) greift zu einer ungewöhnlichen Massnahme. Mit einer grossangelegten Informationskampagne will man die Bevölkerung über den Stand des Ausbruchs der Seuche informieren. Flugblätter sollen verteilt werden. Informiert wird auch über Zeitungen, Radio und Fernsehen. Damit will man auch Gerüchten und Panikmeldungen von selbsternannten Experten entgegentreten.

In Italien, wo in Europa alles begonnen hat, sind bisher 21 Menschen gestorben, 821 weitere sind infiziert. Betroffen sind zwölf der zwanzig italienischen Regionen, vor allem die Lombardei.

In fast allen europäischen Ländern steigt die Zahl der Infizierten oder der Verdachtsfälle. Jens Spahn, der deutsche Gesundheitsminister, erklärte: „Wir befinden uns am Anfang einer Corona-Epidemie in Deutschland“. Nicht nur in Deutschland.

Immer mehr greift Panik, Panikmache und Psychose um sich. Hamsterkäufe gibt es inzwischen nicht nur in Italien. Auch in anderen Ländern werden die Gestelle der Supermärkte leergeräumt. „Wir sind infiziert vom Paura-Virus“, schreibt die italienische Zeitung La Repubblica.

Ärzte melden einen „fast nie dagewesenen“ Ansturm. Beim geringsten Schnupfen sind viele verängstigt und suchen den Hausarzt oder Notfallstationen auf. In den italienischen Spitälern herrschen Notstand – und teils katastrophale Verhältnisse. 

Das Virus hat längst die Wirtschaft infiziert. Allein in Italien rechnet man mit Schäden von Hunderten Millionen Euro. Vor allem der Tourismus leidet. Hotels melden ein Flut von abbestellten Zimmern. Viele Restaurants sind halbleer. Die Römer Zeitung „Il Messaggero“ rechnet, dass die Zahl der Touristen um 70 Prozent einbricht. Das könnte der ohnehin fragilen italienischen Wirtschaft eine neue Rezession bescheren. Der Tourismus ist mit einem Anteil von 13 Prozent am Bruttosozialprodukt einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren in Italien.

Die Börse reagierte schnell auf den Ausbruch des Virus. Am Montag stürzte in Mailand der FTSE Mib, der italienische Leitindex, um 5,4 Prozent ab und Hunderte Millionen Euro wurden verbrannt. Nach einem schwachen Zwischenhoch am Mittwoch, verlor die Mailänder Börse am Donnerstag erneut 2,66 Prozent. Der Swiss Market Index verlor am Donnerstag 2,92 Prozent und der Dax lag um 17.50 Uhr mit 3,1 Prozent im Minus. Der französische CAC 40 schliesst mit einem Minus von 3,3 Prozent.

Die Angst vor dem Virus ist allgegenwärtig. Israel verbot die Einreise von 56 italienischen Touristen. Auch in Jordanien, Saudi-Arabien, Bahrein, El Salvador, Mauritius, Turkmenistan, Irak, Vietnam, Kapverden, Kuweit und den Seychellen dürfen Italiener und Italienerinnen nicht einreisen. Rumänien setzt Italiener, die aus der Lombardei oder Venetien kommen, in Quarantäne.

Stark betroffen ist offenbar Iran. Offiziell werden dort weniger als hundert Fälle gemeldet, doch die Bevölkerung glaubt den offiziellen Zahlen nicht. Auch die USA wappnen sich auf einen grösseren Ausbruch. „Wir haben die Lage im Griff, wir sind vorbereitet“, sagte Präsident Trump – was viele erstaunt.

Bei den ersten Meldungen über den Ausbruch der Seuche machte schnell das Wort „Panikmache“ die Runde. Da und dort wird tatsächlich Panik verbreitet. Vor allem auch in den sozialen Medien, die sich treu bleiben und unsinnige Verschwörungstheorien verbreiten. Und dennoch: Ganz behutsam betrachtet besteht die Gefahr, dass das Virus uns erheblich beschäftigen wird. Das Bundesamt für Gesundheit spricht in seiner nüchternen Beurteilung von einem „moderaten Risiko“. Doch – ohne in Panik zu verfallen: niemand weiss, ob sich das nicht bald ändern könnte. Die Leute, die schnell „Panikmache“ geschrien haben, sind etwas leiser geworden. Panik machen bringt nichts, aber die Augen verschliessen auch nicht.

Unterdessen arbeiten die Laboratorien mit Hochdruck an einem Impfstoff. Doch frühe Hoffnungen wurden schnell zerstört. Eine Impfung gebe es frühestens in einem Jahr, hiess es.

Das Virus hat in Italien auch politische Konsequenzen. Die ohnehin schwache italienische Regierung von Ministerpräsident Conte droht zu zerbrechen. Schon spricht man von einer Notstandsregierung aller wichtigen politischen Kräfte. Der oppositionelle Lega-Chef Matteo Salvini hat schon signalisiert, dass er mitmachen würde. Vorausgesetzt, Ministerpräsident Conte würde abgesetzt.

Kommentare

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Wie schon bei einem eher banalen "Grippalen Infekt“ spielt offenbar die Konstitution des eigenen Immunsystems eine grosse Rolle. Dieses wird auch durch die eigene psychische Verfassung beeinflusst. Ein Mensch, der körperlich und psychisch stabil und von der Robustheit seines eigenen Immunsystems überzeugt ist, wird tendenziell eher nicht als erster dem Virus zum Opfer fallen. Es hat also wenig Sinn in Panik zu verfallen, wenn man ohnehin gezwungen ist, am Arbeitsplatz, beim Einkaufen und der Nutzung des ÖV gewisse Risiken einzugehen. Dort wo Impfungen zur Verfügung stehen, nehme man diese grundsätzlich in Anspruch. Wo dies nicht der Fall ist, muss das eigene Abwehrsystem eben ohne diese spezifische Konditionierung zurechtkommen, eben allgemeines Lebensrisiko, dem man nicht entgehen kann.

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