Lemmingsyndrom

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Lemmingsyndrom

Von Max Winiger, 02.11.2012

Merken Sie sich den 6. November. Dann wird in den USA ein Präsident gewählt. Offenbar ist das unheimlich wichtig für unser Land, für uns, für die Menschheit. Warum? Keine Ahnung.

Die USA sind für die Schweiz nach Deutschland der zweitwichtigste Export-Handelspartner. 2010 wurden für gut 20 Mrd. Franken Güter in die USA exportiert.

Importiert wurden Güter für knapp 10 Mrd. Franken. Nur gerade 2 Mrd. Franken mehr als aus den Niederlanden. Nennen Sie jetzt – sofort – den Namen des aktuellen Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin der Schweiz. Hopp! Und aus welcher Partei?

Alle 4 Jahre hyperventilieren die Medienleute in der Schweiz, wenn in den USA ein Präsident gewählt wird. Sogar Journal21 setzt bis zum 6. November einen Sonderberichterstatter ein. Ich muss gestehen: Ich verstehe das nicht. Die USA sind ein tolles Land mit spannenden Geschichten und faszinierenden Menschen.

Ist Tibet meiner Meinung nach auch, obwohl ich noch nie dort gewesen bin. Ob in den USA ein Demokrat oder ein Republikaner im Oval Office sitzt, spielt meiner Erfahrung nach keine Rolle für unser Land. Weder gibt es mehr Parkplätze in Zürich, wenn ein Republikaner da sitzt, noch werden die Kinderhorttarife günstiger, wenn ein Demokrat drüben das Zepter schwingt.

Und kann mir jemand sagen, was die beiden Kandidaten so Weltbewegendes berichten, dass sie all diese Medienpräsenz verdienen? Oder tun? Hat Bush der Welt etwas Gutes hinterlassen? Hätte Gore mehr getan? Ist Obama der Kennedy des 21. Jahrhunderts? Ist das alles für uns überhaupt dermassen wichtig, dass auf nzz.ch eine laufend aktualisierte Prognosegrafik laufen muss, Radio DRS fast täglich berichtet, wir einen Sonderberichterstatter einsetzen?

Die Medien jammern darüber, dass sie keiner mehr lesen mag, die Inserenten ausbleiben, das Internet ihnen das Wasser abgräbt. Und doch verfallen die Journalisten regelmässig mit starrem Blick dem Lemmingsyndrom und hecheln einander hinterher. Warum?

Gibt es keine Stories hier bei uns? Zum Beispiel über all die Probleme der Schweiz, die Zukunft zu meistern? Über die inzwischen vollkommene Perversion an der Börse, wo der UBS Aktienkurs 7 % in die Höhe schnellt, wenn 10'000 Entlassungen angekündigt werden? Bei 20'000 Entlassungen wäre vielleicht sogar ein doubledigit Profit drin gelegen.

Über grossmundige nationale Strategien, die im Zweijahrestakt verlängert werden, weil nichts davon umgesetzt wird? Über die alarmierend hohe Selbstmordrate im internationalen Vergleich? Oder wenigstens über Länder wie die USA, die sich über unser Rechtssystem foutieren und uns wie Kriminelle behandeln, uns auf der Basis ihres völlig verdrehten (sprich: angelsächsischen) Rechtssystems ausnehmen wie eine Weihnachtsgans und gleichzeitig Schwarzgeld parkieren, wo und wie es nur geht?

Apropos Weihnachtsgans: Christmas Turkey. Das wär doch mal was. Auf Google gibt’s dazu 372 Millionen Einträge. Zum Stichwort „Landjäger“ immerhin 218'000. Hopp Schwiiz!

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Die Wahlen in den USA sind in ihrer Konsequenz nicht nur auf die USA beschränkt. Zwar bleibt die strategische Ausrichtung erstaunlich konstant dennoch unterscheiden sich Rep. und Dem. wie die USA ihre Imperialen anliegen vertreten werden. Denn überall auf der Welt wird einem, mal wengier mal mehr, mal verdeckt mal offen die Entscheidung für ein selbstbestimmtes Leben indirekt von den US-Bürgern abgenommen. Oder hat der Irak um die Invasion gebeten, hat Ecuador jahrzehntelang den Druck und die Fremdbestimmung der CIA in ihrer Regierung gewünscht? Die USA sagen von sich die Hüter der Demokratie zu sein. Eigentlich stimmt das schon, nur nicht so wie man das als erstes zu verstehen denkt. Denn vorallem hüten sie ihre eigene Demokratie und deren Entscheidungsmöglichkeit über andere Völker. Was eigentlich totalitäre Züge innehat. Wehe denen die sich der demokratisch gewählten US-Administration zu Arg widersetzt.

Sehr schön. Das trifft leider nicht nur auf die amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu, sondern auf jede Nachricht aus den USA. Jedes Jahr wenn im Sommer Buschfeuer ein paar Villen in Bel Air, Beverly Hills, Carmel oder Santa Barbara bedrohen, wird das ein field day für unsere Journalisten mit ihrer Neigung, uns Medienhypes zu bescheren, während eine Million Hektar verbrannter Regenwald auf Borneo oder Sumatra keine Zeile wert sind. Wenn "Katrina" oder "Sandy" sich in den USA austoben, werden wir mit ausführlichen, mit jedem Sturm wiederholten Sondersendungen und Sonderberichten bombardiert. Und wenn ein Sturm über die Karibik tost, ist die Frage, die unsere Berichterstatter am meisten bewegt (sofern sie überhaupt darüber berichten): Wo wird er in den USA auf die Küste stoßen?

Was auch noch zu sagen wäre! Für die internationale Politik spielt es praktisch keine grosse Rolle wer nun Präsident wird. Diese Entscheidungen trifft eh ein für den Normalo fast unbekannter Hintergrund. Für die Innenpolitik und zum Wohle der einfachen Bürger würde ich den Amerikanern Barack Obama empfehlen obwohl er seine Wahl-Versprechungen kaum eingehalten hat.....mit der Hoffnung dass auch der Kongress ihn mehr unterstützt. Was die Medien betrifft: Lemminge ist richtig. Die leben ja vom Spetakel in Amphi-Theatern. Betreiben aus Langeweile eine Art Orakel von Delphi. Und wir?....oh wir zittern vor Spannung! Grausam! Schalflos! Wer`s aushält?...und ich?....ich ... liebe meinen Hund!

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