Rücktritte. Alle. Sofort

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Rücktritte. Alle. Sofort

Von René Zeyer, 19.05.2014

Manchmal muss man realistisch sein und das Unmögliche fordern. Weil nur so wieder Normalität einkehrt.

Ein rundes Dutzend Schweizer Finanzhäuser, darunter die Credit Suisse und zwei Kantonalbanken, liegen im Folterkeller von US-Strafverfahren. Mehr als hundert weitere Schweizer Banken haben «freiwillig» gestanden, gegen US-Steuergesetze verstossen zu haben. Damit ist erwiesen, dass die Verteidigungslinie des gesamten Finanzplatzes Schweiz zusammengebrochen ist. Sie war auf der Lüge aufgebaut, dass Beihilfe zu Steuerhinterziehung niemals sein Geschäftsprinzip gewesen sei, und wer das Gegenteil behaupte, sei ein «Verräter». Inzwischen soll laut «SonntagsZeitung» die Credit Suisse ein Schuldeingeständnis unterzeichnen, dass sie ein «kriminelles Unternehmen» sei.

Ockhams Rasiermesser

Anfang des 13. Jahrhunderts entwickelte der englische Theologe und Philosoph Wilhelm von Ockham eine feine Erkenntnistheorie. Um die Lösung für ein Problem zu finden, muss man von möglichst wenig Hypothesen ausgehen, die daraus entwickelte einfachste Theorie ist die richtige.

Das stimmt noch heute. Wenn mehr als hundert Schweizer Banken teilweise existenzgefährdende Milliardenbussen zahlen müssen, dann hat ihre gesamte Führungsriege fundamental versagt. Die besteht bei Aktiengesellschaften aus der Geschäftsleitung und dem Verwaltungsrat. Es kann nicht darum gehen, ob eventuell ein Mitglied der GL zum Sündenbock gemacht wird, allenfalls der CEO oder gar der VR-Präsident gehen müssen. Nein, alle müssen zurücktreten. Ausnahmslos.

Sinnloses Gewinsel

Natürlich wollen diese Bonibanker nicht freiwillig von den Futtertrögen lassen, wo sie für Milliardenschäden Millionen scheffeln. Menschlich verständlich, aber sie sind allesamt Angestellte, keine Besitzer ihrer Finanzinstitute. Also können sie problemlos entlassen werden.

Natürlich erhöben sie grosses Gezeter, das wäre der Weltuntergang, die Banken seien führungslos, Chaos bräche aus, undenkbar. Aber das ist nur dummes Gequatsche. Die meisten dieser Banken haben jahrelange Misswirtschaft ihrer Führungscrew überstanden, die sind stabil genug, deren Abgang auch zu überleben.

Insgesamt ginge es um nicht mehr als 2000 vakante Posten, wenn man davon ausgeht, dass diese Banken im Schnitt 10 GL-Mitglieder und 10 Verwaltungsräte durchfüttern. Bei den Entlassungswellen in den letzten Jahren wäre es überhaupt kein Problem, für jede Position aus genügend qualifizierten Bewerbern auszuwählen. Noch besser: Wenn die amtierenden Versager im Schnitt 1 Million Franken im Jahr verdienen, spart man auf einen Schlag 2 Milliarden Franken ein. Und da ja nichts Besseres, nur Billigeres nachkommen sollte, so etwa mit einem Zehntel der aktuellen Üppiglöhne bezahlt, hätte man die Busse alleine für die CS bereits eingespart. Ein Banker würde da von einer Win-Win-Situation sprechen.

Warum nicht?

Endlich einmal würde Verantwortung übernommen, womit die unsäglichen Millionengehälter ja begründet werden. Zehntausende von immer noch existierenden aufrechten Bankangestellten könnten aufatmen, müssten sich an der Front von den Kunden nicht mehr völlig berechtigte Beschwerden über das unsägliche Versagen der Bankenführer anhören, könnten mit neuem Elan und hochmotiviert ihre Arbeit fortsetzen. Und genug zu tun bekämen sie, man stelle sich nur den Neugeldzufluss aus aller Welt vor, wenn der Finanzplatz Schweiz ein solches Fanal setzen würde.

Während weltweit noch kein einziger Bankenlenker bislang persönlich und finanziell Verantwortung für sein Versagen übernehmen musste, würde die Schweiz zeigen, dass es ganz im Sinne von grosser Tradition, Treu und Glauben, Anstand und Behaftbarkeit auch anders geht. Wurde im Kleinen von einer Privatbank schon durchexerziert, wieso sollte das im Grossen nicht auch gehen. Die Tresore der überlebenden Banken würden platzen. Das wäre der Neustart, die Globallösung, das einzig Richtige. Also warum nicht?

Unrealistisch?

Der Ansatz sei richtig, aber der Plan zu gross, unrealistisch, unmöglich, unverwirklichbar? Warum eigentlich? Was sind denn die Alternativen? Weiterwursteln, zuschauen, wie der Finanzplatz Schweiz von den USA, anschliessend von Deutschland, Italien, Frankreich, Indien, Brasilien, China, Russland und so weiter zu Kleinholz verarbeitet wird, bis bei vielen Banken das Eigenkapital durch Bussenzahlungen aufgezehrt ist. Allenfalls sogar mit eidgenössischer oder kantonaler Nothilfe den Steuerzahler bluten lassen. Das ist die einzig realistische Alternative, wenn hier nicht Tabula rasa gemacht wird.

Schon 1638 erkannte der zu Unrecht vergessene deutsche Epigrammatiker Friedrich von Logau: «In Gefahr und grosser Not bringt der Mittelweg den Tod.» Da hat er bis heute Recht. Hier ist für einmal die Gutschweizer Kompromisssucht fehl am Platz. Keine halbe Sachen, es kann nicht darum gehen, ob der VR-Präsident nur den CEO opfert oder ob beide gehen müssen. Nur ein kollektiver Rücktritt aller Verantwortungsträger ist die Lösung. Wem das unrealistisch erscheint, sollte sich die einfache Frage stellen: warum denn nicht?

Aber zu "Verantwortung übernehmen" gehört m.E. nicht nur die sofortige Entlassung, bei der ja wohl immer noch die fetten Pensionsansprüche bestehen blieben, die kein ehrlicher Mensch in einem Leben mit solider, nutzbringender Arbeit erwirtschaften kann. Sondern es bliebe eben auch eine Bestrafung der "Verantwortlichen" aus. Diese kann nur darin bestehen, dass sie – vielleicht bis auf ein niedrig anzusetzendes Grundgehalt zum Überleben – sämtliche Boni und überrissenen Gehälter zurück zahlen müssten: Denn sie haben ihre Arbeit ja gerade NICHT gemacht. Wenn ein Handwerker solch einen Pfusch baut, dass nicht nur seine Arbeit sondern sogar das ganze Haus darunter leidet, wird er (bzw. seine Versicherung) auch zur Deckung der Kosten herangezogen! Und zweitens sind natürlich strafrechtliche Prozesse zu führen, wie bei jedem bewussten Gesetzesverstoss.
Aber bevor sich die obersten Schranzen des Kapitalismus wirklich für ihr Tun verantworten müssten, friert eher die Hölle zu, in die sie ob des angerichteten Schadens alle gehören – sage ich als Atheist jetzt mal dazu ;-)

Genial, und die Komplizen in der Politik ebenfalls. Erst das wäre ein Neustart.

Gratuliere Rene Zeyer. Das ist der einzig richtige Lösungsansatz.
Gekoppelt mit der Vollgeld-Initiative, könnte der Schweizer Finanz-platz "bereinigt" werden und so nicht nur den inländischen Geld-häusern sondern der Weltwirtschaft wieder dienend zu Seite stehen.
Mut zum Aufbruch !

Es ist schon sonderbar, dass Verwaltungsratsmitglieder- und Mit- glieder der Geschäftsleltung einer Bank, der CS, sich nicht mehr dem Immage Ihres Unternehems verpflichtet fühlen ( das enorm Schaden genommen hat ) und nicht ihre Verantwortung überneh- men, dass sie für ein solches Geschäftsgebahren, kraft ihrer Ober- aufsichtspflichten nicht zu haben waren und zugeben und durch Rücktritt in globo dokumentieren: Das war nicht, was wir uns als der Ethik verpflichtetes oberstes Organ einer Schweizer Bank als die Aufgaben unserer Bank anstrebten..

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