Rücktritte. Was sonst?

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Rücktritte. Was sonst?

Von René Zeyer, 23.07.2014

Ein Quartalsverlust von 700 Millionen Franken. Kann ja mal passieren. Kontinuierliche Verluste für die Aktionäre, von der Konkurrenz abgehängt. Darf nicht passieren.

Keinen hat überrascht, dass die CS im letzten Quartal mal wieder in die roten Zahlen gerutscht ist. Die völlig vergeigten Verhandlungen mit den USA im Steuerstreit führten zum schlimmstmöglichen Ergebnis, auf Banglisch «worst case» genannt. Insgesamt 2,8 Milliarden Busse, Schuldeingeständnis, dass die Bank kriminell gehandelt hat. Ein Desaster.

Business as usual

Ganz abgesehen davon gilt auch für die CS: nach der Busse ist vor der Busse. Lösen wir uns von der Momentaufnahme Quartalsergebnis und betrachten die Auswirkungen des Wirkens von Bonus-King und CEO Brady Dougan sowie «Weisse Weste» und VR-Präsident Urs Rohner seit deren Stellenantritt. Da ist die einzig gute Nachricht, dass beide, mitsamt der Geschäftsleitung und dem Verwaltungsrat in corpore, hübsch Geld verdient haben.

Urs Rohner wurde 2004 Group General Counsel, also juristischer Oberaufseher, stieg 2009 in den VR auf, den er seit 2011 präsidiert. Brady Dougan startete 1990 bei der Credit Suisse First Boston, von 2004 bis 2007 leitete er das Investment Banking, und seit 2007 ist er CEO. In dieser Zeit entwickelte sich der Aktienkurs der CS von einem Allzeithoch von über 90 Franken auf ein Allzeittief von knapp über 15 Franken. Und dümpelt seit einiger Zeit um 25 Franken herum. Ein Wertverlust von fast 75 Prozent.

Selbst der am Anfang der letzten Finanzkrise schwer angeschlagene Konkurrent UBS zog seither an der CS vorbei. Ihre Kernkapitalquote, einer der wichtigsten Massstäbe für die Stabilität einer Bank, liegt (wenn man «Basel III» «look through» nimmt, Erklärungen würden zu weit führen) bei unter 10 Prozent (9,3 Prozent). Das ist auch im internationalen Vergleich bedenklich wenig. Wichtiger noch: Erst ab 10 Prozent soll die Hälfte der Gewinne, so vorhanden, an die Besitzer, die Aktionäre, ausbezahlt werden.

Gewinn aus Verlusten

Man muss den beiden Herren zugute halten, dass sie immerhin ein finanztechnisches Kabinettsstückchen in ihrer gesamten Amtszeit fertigbrachten. Während die eigentlichen Besitzer massive Verluste hinnehmen mussten, optimierten sie den persönlichen Gewinn. In den Hochzeiten der Finanzkrise 1 steckte Brady Dougan einen Sonderbonus von rund 90 Millionen ein, Urs Rohner verdiente letztes Jahr rekordverdächtige 4,9 Millionen. Ohne das geringste unternehmerische Risiko zu tragen. Denn beide sind Angestellte, gemietete Söldner mit Kündigungsfrist, Ferienanspruch und Anrecht auf alle Sozialleistungen. Inklusive Arbeitslosengeld, im Fall.

Alleine für die letzte Busse von 2,5 Milliarden Franken müsste «Weisse Weste» Rohner 510 Jahre lang arbeiten, Bonus-King Dougan immerhin 28 Jahre, wenn er jedes Jahr seinen Superextrabonus kassierte. Ein CS-Durchschnittsverdiener (oben viel, unten wenig, daher CS-Durchschnittslohn 183'000 Franken) gar 13'661 Jahre. Aber das CS-Fussvolk hat ganz andere Probleme. Während diese beiden Spitzenverdiener Verantwortung übernehmen, indem sie nicht zurücktreten und weiter verdienen, liefert Credit Suisse die Daten von rund tausend Mitarbeitern an die USA aus. Alle, die jemals und unter Befolgung von Anweisungen mit US-Kunden Kontakt hatten, und sei das auch nur in Form eines E-Mails.

Alles im Keller

Nicht nur der Aktienkurs, auch die Stimmung, das Betriebsklima, das wichtigste Asset einer Bank, nämlich die Motivation der Mitarbeiter, ist im Keller. Kein Wunder, wenn die Bank sich einerseits «den höchsten ethischen Grundsätzen verpflichtet» erklärt, andererseits Fürsorgepflicht für Kunden und Mitarbeiter offenbar nicht dazu gehört. Genauso wenig, dass das Führungspersonal, obwohl es keine unternehmerische Verantwortung trägt, wenigstens ein überfälliges Zeichen setzt und zurücktritt. Selbst die NZZ, nicht gerade als bankenkritisch bekannt, fordert das inzwischen.

Im Auf und Ab des normalen Geschäftsgangs, vor allem im Ab, ist zuvorderst etwas zwingend geboten: Führung. Die einzige Möglichkeit, um einen Rücktritt herumzukommen, bestünde aus einer klaren Ansage: Das ist unsere Strategie, um aus diesem Schlamassel herauszukommen. Das sind die von uns scharf durchdachten Massnahmen, mit denen wir in einem Zeithorizont von einem Jahr, von fünf Jahren, die Bank zu neuen Erfolgen führen werden.

Aber nichts ist. VR-Präsident Rohner, nachdem er sehr unglücklich eine Interview-Serie bezüglich der jüngsten Milliardenbusse absolvierte, ist wieder dort, wo er sich am wohlsten fühlt: auf Tauchstation. Brady Dougan leierte mit unbewegtem Gesicht das desaströse Quartalsergebnis runter und verkündete, dass diese Busse mal wieder die letzte gewesen sei. Manipulationen beim Devisenhandel und beim Referenzzins Libor, Probleme beim CS-eigenen «Dark Pool»? Da sehe er keine ernsthaften Probleme. Wer’s glaubt, wird selig oder muss CS-Aktionär sein.

Rücktritte. Was sonst?

Um es so zu formulieren, dass es auch Brady Dougan versteht: Resignation, what else? Um es so zu formulieren, dass es auch Urs Rohner versteht: Dougan ins Chefbüro bitten und sagen «So sorry, Brady, but you’re fired». Und anschliessend: «Ich trete mit sofortiger Wirkung von meinem Amt zurück und widme mich zukünftig nur noch dem Zurich Film Festival.» Kann doch nicht so schwer sein. Geld ist in Hülle und Fülle vorhanden, es gibt so viele Golfplätze, Yachten und andere Spielzeuge auf der Welt, die ausprobiert werden wollen. Und alle Aktionäre, alle Mitarbeiter, der Finanzplatz Schweiz und selbst die NZZ würden jubilieren. Ein Mal «standing ovations», das ist doch was.

Ob die beiden Herren Dougan und Rohner abtreten oder nicht, das bestimmen nicht die Schweizer, sondern das vorwiegend angelsächsische Aktionariat.
Die Schweizer haben schon eine ganze Weile nichts mehr zu sagen, sondern werden von ausländischen Investoren in Banken und Grosskonzernen fremdbestimmt. Das ist übrigens in ganz Europa so. Selber schuld! So dürfen unsere Pfeifen-Manager ungestört weiter wursteln und die Betriebe finanztechnisch zu eigenen Gunsten und zu Gunsten des Aktionariats aushöhlen, bis zum Zusammenbruch. Die kleinen Aktionäre und das betroffene Land guckt in die Röhre.

Man kann das auch anders rechnen. Wenn ich die 90 Millionen im Jahr nehme und mit meinem Lohnbezug für ein ganzes Arbeitsleben vergleiche, müsste Dougan einen halben Monat dafür "arbeiten", um auf diesen Betrag zu kommen. Rohner, der Arme, müsste dafür rund 7 Monate "arbeiten". Das die Realität mit einem normalen Arbeitsleben.

Ein ausgezeichneter Beitrag, doch leider bleiben Gauner Gauner. Ein Einbrecher hört erst auf, wenn die Polizei kommt. Hier haben wir es aber mit Gauner mit offiziellem Kostüm zu tun. Es geht den beiden nur um zwei Dinge: MACHT und GELD.

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