„Sie sagten, sie brächten Entwicklung“

Kristina Lanz's picture

„Sie sagten, sie brächten Entwicklung“

Von Kristina Lanz, Alliance Sud - 15.07.2019

Der Bundesrat will in der Entwicklungszusammenarbeit der Zukunft vermehrt mit dem Privatsektor zusammenarbeiten. Wer genau hinschaut, weiss: Die Risiken dabei sind enorm. Fallstudie einer Schweizer Agrarfirma in Ghana.

Die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor steht in der internationalen Entwicklungspolitik hoch im Kurs. Nicht nur die Weltbank spricht davon, es brauche Billionen, um in den ärmsten Ländern die Uno-Ziele für nachhaltige Entwicklung  zu erreichen (Agenda 2030). Auch Geberländer wie die Schweiz glauben, dafür benötige es zwingend die enorme Hebelwirkung, die der Einsatz privater Gelder erlaube. Vollmundig ist die Rede von einem Win-Win-Win-Szenario, von dem die Investoren, die Regierungen der Entwicklungsländer und deren Bevölkerungen gleichermassen profitieren. Vor allem im Landwirtschaftsbereich sind Public-Private Partnerships (PPP) – zuweilen auch Public-Private Development Partnerships (PPDP) genannt – längst eine Realität. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen, was mit diesen Modellen bisher erreicht wurde.

Diese Partnerschaften nehmen verschiedene Formen an. In manchen Fällen co-finanziert eine Entwicklungsbehörde direkt eine private landwirtschaftliche Investition, in anderen Fällen fliessen die Gelder in kapitalkräftige Fonds, welche die Mittel weiterleiten an privatwirtschaftliche Unternehmen. Was diese Agro-Unternehmen alle gemeinsam haben: Sie versprechen das nachhaltig Blaue vom Himmel, dass ihre Investitionen in den betreffenden Gebieten ein Segen seien, dass nationale und globale Ernährungssicherheit, Frauenförderung und Arbeitsbeschaffung Hand in Hand gehen würden.

Der Fall GADCO

2011 gründeten ein nigerianischer und ein britischer Investmentbanker die Global Agro-Development Company (GADCO). Von Landwirtschaft hatte weder der eine noch der andere eine Ahnung, doch beide suchten nach der globalen Finanzkrise von 2008 ein neues Tätigkeitsfeld. Es gelang ihnen, eine ganze Reihe entwicklungsorientierter Investoren für ihre Idee zu gewinnen, in der Voltaregion in Ghana den grössten Reisproduzenten Westafrikas aufzubauen. Unter den Partnern und Kapitalgebern war die Syngenta Foundation for Sustainable Agriculture, die Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA), die Agricultural Development Company (AgDevCo), der Acumen Fund sowie der Africa Agriculture and Trade Investment Fund (Aatif). [1] GADCO genoss international und auch in Ghana viel positive Berichterstattung – nicht zuletzt aufgrund ihres Anspruchs auf Engagement für Nachhaltigkeit, Community Development und die ökonomische Stärkung der Frauen („women’s economic empowerment“).

Trotz anfänglicher Erfolge, grosser finanzieller Unterstützung und erster Reisernten vermeldete die Firma drei Jahre nach Aufnahme ihrer Geschäftstätigkeit den Bankrott und wurde 2015 von der Schweizer Firma RMG Concept mit Sitz in Delémont/JU übernommen, die GADCO schon zuvor mit Pestiziden und Düngemitteln versorgt hatte. RMG Concept, die sich auf ihrer Website ebenfalls als Vorreiterin der nachhaltigen Landwirtschaft und als verlässliche Partnerin von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern anpreist, betreibt seitdem die grosse Reisplantage und das daran angegliederte Vertragslandwirtschaftsprojekt – nach wie vor unter dem Namen GADCO.

Die Mehrheit geht leer aus

In Ghana werden ungefähr 80% der gesamten Landfläche von lokalen Dorfvorstehern (chiefs) verwaltet. Deren weitgehende Machtbefugnisse wurden zu einem grossen Teil von den englischen Kolonialherren geschaffen und sind in der Verfassung verankert. Achtmonatige Recherchen vor Ort in den Jahren 2014 und 2016 im Rahmen einer Dissertation zu den Genderaspekten von landwirtschaftlichen Privatsektorinvestitionen [2] zeigten, dass für GADCO die Chiefs  von Anfang an die zentralen Bezugspersonen waren, dies obwohl in der Voltaregion Land auch im Besitz von Familien ist und die Chiefs nur eine Art Aufsichts- und Streitschlichtungsfunktion besitzen. Zusammen mit den Chiefs, die meist eine höhere Ausbildung genossen haben, erarbeiteten die Firmenvertreter einen Community-Private-partnership-Vertrag. Dieser legte fest, dass die Gemeinschaft den Investoren 2000 ha Land zur Verfügung stellt und dafür im Gegenzug mit 2.5% am Gewinn der Firma beteiligt wird – Gelder, die dann ausschliesslich für Entwicklungsprojekte in den lokalen Dörfern eingesetzt werden sollten.

An der Basis angekommen war von den Gewinnen zum Zeitpunkt der Forschung allerdings kaum etwas. Eine junge Frau meinte dazu: „Ich habe keine Ahnung, wofür sie das Geld nutzen – bis heute haben wir nicht einmal gutes Trinkwasser in den Dörfern.“ Im vom Farmlandverlust am meisten betroffenen Dorf Bakpa Adzani, in dem vor allem Menschen mit Binnenmigrationshintergrund wohnen, wurde die Bevölkerung weder informiert noch konsultiert. Eine ältere Witwe bestätigt: „Wir wurden nicht informiert. Wir waren gerade auf der Farm, als die Firmenvertreter kamen und sagten, sie würden nun unser Land pflügen. Wir flehten sie an, wenigstens bis nach der Ernte zu warten.“

Während der Feldforschung war es offensichtlich, dass die Chiefs eigenmächtig über Kompensationen entschieden. So verwundert es nicht, dass vor allem Clan- und Familienmitglieder der Chiefs entschädigt wurden und dass diese auch die Hauptprofiteure des lokalen Vertragslandwirtschaftsprojekts namens Fievie Connect waren.

Versprochen war, dass die Hälfte aller im sogenannten „outgrower scheme“ Beschäftigten Frauen sein sollten. 2014 und 2016 waren die meisten „outgrower“ wohlbetuchte, ältere Frauen und Männer, von denen etliche nicht selber auf die Felder gingen, sondern ärmere Frauen zu geringen Löhnen anstellten. Und für das „outgrower scheme“ eingetragene Männer schickten oft ihre Frauen auf die Felder, was deren generelle Arbeitslast substantiell vergrösserte.

Negative Auswirkungen hatten zudem mehrere Ernteausfälle sowie die Intransparenz der auftraggebenden GADCO, die immer höhere Preise für Düngemittel und Pestizide in Rechnung stellte; entsprechend schrumpfte der erwirtschaftete Profit der VertragslandwirtInnen. 

Auch bei der Beschaffung von Arbeitsplätzen wies GADCO eine schlechte Bilanz auf. 2014 besass von den rund 150 Angestellten nur eine Minderheit einen Arbeitsvertrag, die Löhne waren so tief, dass viele befragte Personen von der Rückkehr in die karge Subsistenzlandwirtschaft träumten. Frauen waren zudem fast ausschliesslich als Tagelöhnerinnen für das Ausbringen von Dünger angestellt und verdienten dabei umgerechnet 3 US-Dollar pro Tag. Unter diesen Umständen von women’s empowerment zu sprechen, ist ein Hohn.

Die Ärmsten sind die VerliererInnen

Bei der Umwandlung von privat und gemeinsam genutztem Land in eine Reis-Monokultur haben die Ärmsten den höchsten Preis bezahlt, allen voran MigrantInnen und alleinstehende Frauen. Vor allem der Verlust grosser Flächen gemeinschaftlich genutzten Landes (den sog. „commons“), das von Regierungs- und Firmenvertretern gerne als „ungenutzes“ Land bezeichnet wird, traf die Ärmsten am stärksten. Eine Vielzahl von Fischteichen und kleinen Bächen, die nicht nur stark zur Ernährungssicherheit der lokalen Bevölkerung beitrugen, sondern für mehrere Dörfer auch die einzigen Wasserquellen waren, wurden von GADCO zerstört; ebenso sämtliche Pflanzen. Die vielen über das Land verteilten Bäume wurden zuvor als Feuerholz für den Eigenbedarf genutzt und bildeten die Lebensgrundlage vieler ärmerer Frauen, die das Holz zu Kohle verarbeiteten und verkauften. Eine von ihnen erzählte: „Früher haben wir die Bäume beschnitten, um Kohle zu produzieren, aber nun haben sie (GADCO) alle Bäume gefällt und wir haben Mühe überhaupt etwas zu essen zu kaufen.“

Das Dorf Kpevikpo wurde komplett von der Reisplantage umzingelt. Die Zugangsstrasse zum Dorf wurde von GADCO vergrössert, damit ihre Traktoren darauf fahren konnten, und direkt vor dem Eingang zum Dorf wurde ein Bewässerungskanal gebaut. In der Regenzeit sowie jedes Mal, wenn die Firma ihre Felder bewässerte, blieben die Menschen faktisch in ihrem Dorf eingesperrt. Kinder konnten nicht zur Schule gehen, in der Regenzeit mussten Frauen, die zum Markt gehen wollten, durch brusthohes Wasser waten, um das Dorf zu verlassen. Eine Frau aus Kpevikpo: „Ich sehe nichts Positives an der Firma. Sie haben nur unser Land zerstört. Wir haben sie gefragt, ob sie eine kleine Brücke über den Kanal bauen können, aber sie haben sich geweigert.“

Richtete GADCO Schäden an, so wusch die Firma ihre Hände in Unschuld; Verhandlungen wurden generell über die Chiefs abgewickelt; Widerstand und Proteste der Lokalbevölkerung wurden von den Chiefs von Fall zu Fall auch unter Einsatz von Gewalt niedergeschlagen. Dabei war sich GADCO der verschiedenen Probleme durchaus bewusst. Der ehemalige Manager Adidakpo Abimbola räumte sogar ein, dass den Chiefs regelmässig ein Pick-up-Truck ausgeliehen werde, wenn es Probleme mit der lokalen Bevölkerung gebe. Die Chiefs bewaffneten dann einige Jugendliche mit Stöcken und schlugen die Aufständischen in die Flucht.

Auf die Frage, ob sich GADCO bewusst sei, dass hier im Namen von nachhaltiger Entwicklung gesprochene Gelder für Profitinteressen einiger Weniger zweckentfremdet würden, meinte der neue Manager Satyendra Kumar Singh nur: „Wie die lokale Bevölkerung mit dem Geld umgeht, geht uns nichts an. Wir haben unsere Geschäftsstrukturen und sie haben ihre. Wir mischen uns nicht ein.“

Der beschriebene und wissenschaftlich dokumentierte Fall ist brisant – nicht nur, weil sich GADCO gross Nachhaltigkeit auf die Fahne schreibt, sondern weil die Firma dafür auch von verschiedenen Entwicklungsakteuren finanziell unterstützt wurde. Für Alliance Sud ist es unabdingbar, dass, wenn die Schweiz in Zukunft in der Entwicklungszusammenarbeit vermehrt auf den Privatsektor setzen möchte, dieses Engagement auf klaren Kriterien, sowie einer detaillierten Kontextanalyse aufbaut und durch ein rigoroses, unabhängiges Monitoring regelmässig überprüft wird.

[1] Verschiedene Geldgeber von GADCO werden ihrerseits von staatlichen Entwicklungsakteuren unterstützt: AgDevCo wird hauptsächlich vom englischen Department for International Development (DfID) finanziert;  AGRA erhält Gelder von DfID, dem deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), USAID und verschiedenen anderen Entwicklungsakteuren; Aatif ist eine Initiative des BMZ und der KfW Bankengruppe.

[2] PhD-Dissertation in Sozialanthropologie mit dem Titel: Institutional Change, Gender and Power Relations. Case study of a „best practice“ large-scale land acquisition in Ghana. Universität Bern, 2018.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Kern der Darstellung ist die Feststellung, dass das Projekt an Eigen- Interessen der lokalen Chiefs gescheitert ist und niemand im Vorhaben eine echter Fachpartnerrolle gespielt hat.. Da ist ein Scheitern des Vorhabens nicht sehr erwunderlich. Unklar bleibt aus dem Text, ob der Aatif auch finanziell - als shareholder oder Darlehnsgeber- beteiligt war bzw. - das würde jede Revision interessieren- ob die Bundesrepublik Deutschland dadurch hier auch Geld verloren hat.

Effektivität und Effizienz der öffentlichen Entwicklungshilfe verbessern

Es gibt viele Entwicklungshilfe-Projekte, die hören auf, wenn der Geldfluss versiegt. Das ist nicht nachhaltig. Die öffentliche Entwicklungshilfe hätte im Bundesparlament eine höhere Wertschätzung, wenn die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) aufzeigen könnte, welche langfristigen Ziele sie mit welchen Mitteln erreicht hat. Aber genau diese Vorarbeit wurde nicht geleistet. Kommt deshalb der Ruf nach privater Inititative bei der Enwicklungshilfe?

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren