Stille Örtchen an stillen Orten

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Stille Örtchen an stillen Orten

Von Roland Jeanneret, 04.06.2017

Der Sommer kommt, es zieht uns ins Freie, in die Berge. Und alle kennen die unausgesprochene beklemmende Frage: Wo finde ich unterwegs ein stilles Örtchen?

Gemeint ist natürlich nicht ein pittoresker Picknickplatz, sondern die dringend gesuchte Freilufttoilette. Dabei gibt es sie in beachtlicher Anzahl. Wer sucht, findet sie, diese stillen Örtchen. Der Walliser Fotograf Marco Volken hat sie gefunden, tief im Wald und hoch im Gebirge, hat sie abgelichtet und in einem wunderschönen Bildband festgehalten.

Sie sind aus Holz- oder Wellblech, einige dürften früher auf einer Baustelle ihren Dienst getan haben. Die einen eher nüchtern, andere mit Herzchen an der Türe, eines patriotisch dekoriert mit Schweizerkreuzchen, grosszügigere sogar mit Doppelplumpsklo. Sie stehen offen als Kloschüssel tief im Wald, überhängend an einem Wurzelast, thronend auf kantigen Felsvorsprüngen dem Wind ausgesetzt oder schwerer auffindbar im Schutz einer Bunkeranlage. Man findet sie sogar in einer ausgedienten Telefonkabine (Verzascatal).

Von Glück reden kann der oder die Bedrängte, wenn in der Geröllhalde immerhin in roter Schrift «WC» hingepinselt ist oder ein Wegweiser mit der Anmerkung «WC 170 m» Erleichterung verspricht. Glück, wenn nach der Erleichterung zum Spülen eine mit Wassergefüllte Giesskanne parat steht. Klar die Geschlechtertrennung in «Eigerblick» und «Jungfrau». Pech, wenn das Häuschen endlich gefunden ist, dort aber «nur für Kunden» steht oder gar ein Vorhängeschloss den Zugang absperrt. Aber wie sagt Marco Volken: «Zur Not tut’s ja auch ein Gebüsch – wenn es denn eines gibt.»

Fotograf und Buchautor Marco Volken, der vorerst gar nicht die Absicht hatte, dieses Sujet zu einem Thema zu machen, zieht post festum eine bunte Bilanz: «Jeder stille Ort balanciert so ganz individuell zwischen Zweckmässigkeit und Witz, Originalität und Sparsamkeit, Minimalismus und Würde, Facharbeit und Gebastel, zwischen Intimität, Gemütlichkeit und Ungezwungenheit.»

Viele dieser stillen Örtchen finden sich im Hochgebirge, vor allem bei SAC-Hütten. Praktisch alle der 152 SAC-Hütten haben im Haus oder in unmittelbarer Nähe eine WC-Anlage, bei neuen Hütten sogar im modernen Stil. Im Vorwort erinnert sich der Alpinist Erminio Ferrari allerdings an frühere Zeiten, an den Gestank «der uns manchmal entgegenkam, wie ein Gruss, wenn wir eine Berghütte erreichten.» Und mit Schaudern erinnert er sich an gewisse Basislager im Himalaya-Gebiet nach der Durchreise von Expeditionen.

So oder so: Die Klos, Kisten, Verschläge und Häuschen haben etwas Liebevolles und rufen in Erinnerung, dass jemand an uns und unsere Bedürfnisse gedacht hat und nicht alleine lässt in unserem drängenden Elend.

Fotos aus: Marco Volken, Stille Orte. Eine andere Reise durch die Schweiz, AS-Verlag, Zürich

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Liebe schweizer Randonneurs und Freizeitwanderer,

ich habe zweimal den ganzen Jakobsweg gemacht, einmal direkt von meinem Wohnort in Heidelberg aus nach Santiago de Compostela und ein zweites Mal von Heidelberg über Rom nach Santiago de Compostela. Da ich einerseits oft tagelang am Pilgerweg kein stilles Örtchen finden konnte, andererseits die Umwelt nicht belasten wollte, habe ich eine Rolle Plastiktüten gekauft und mitgenommen, wie sie verantwortungsbewußte Hundebesitzer in aller Regel mit sich führen.
Danach bin ich mit meinen eigenen, unvermeidlichen Hinterlassenschaften so umgegangen, wie es der umweltbewußte Hundebesitzer mit den auch in der freien Natur unerwünschten Haufen seines vierbeinigen Begleiters tut oder zumindest tun sollte.

Leider ist es mir, soweit ich weiß, nicht gelungen, andere Pilger für das von mir entwickelte "Verfahren" zu begeistern.

In diesem Sinne
Ultreia

Ihr Philipp
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