To do things with words

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To do things with words

Von Urs Meier, 03.01.2020

Die vermeintlich so simplen guten Wünsche beim Jahresübergang sind ein komplexes Sprachgeschehen.

Der Jahresübergang ist eine Zeit des Wünschens. Nach dem «guten Rutsch» (abgeleitet von Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest) ist «E guets Nöis» oder ähnliches dran, je nach Adressaten und Gelegenheit ausgemalt mit Wünschen für Gesundheit, Erfolg, Glück oder was auch immer.

Zum reinen Nennwert genommen, sind die guten Wünsche bedeutungslos – zumindest unter der von den meisten Heutigen geteilten Voraussetzung, dass Worte in der realen Welt keine magischen Wirkungen haben. Jemandem Glück zu wünschen, wird dessen Ergehen im kommenden Jahr nicht beeinflussen. Dies ist zumindest für jene klar, die sich an einem modernen Weltbild orientieren.

Trotzdem halten alle am Brauch des Austauschs guter Wünsche fest. Weshalb? Ist es der irrationale Rest einer längst überholten Weltsicht? Zeigt sich so die Anhänglichkeit an Konventionen des gesellschaftlichen Umgangs? Oder äussert sich darin etwa eine Vorsicht angesichts von etwas für unerklärbar Gehaltenem nach dem Motto «Nützt es nichts, so schadet es nichts»?

Das alles könnte eventuell mitspielen. Doch es gibt auch eine gänzlich rationale Begründung für das Austauschen von Wünschen. Sie nennt sich Sprechakttheorie. Der britische Philosoph John Langshaw Austin (1911–1960) hat sie 1955 mit einer Vorlesung begründet. 1962 erst erschien auf deren Basis eine einflussreiche sprachphilosophische Schrift. Das Buch hat einen hinreissend einfachen und das Wesentliche benennenden Titel: «How to Do Things with Words».

Austin hat in diesem Buch seine Philosophenzunft darauf aufmerksam gemacht, dass Sprache nicht bloss Bedeutungen und Aussagen transportiert, also nicht allein nach Logik und Wahrheitspostulaten zu beurteilen ist. Sprache ist nach Austin vielmehr immer auch soziales Handeln. Wenn das heute als Selbstverständlichkeit erscheint, so nicht zuletzt wegen des Erfolgs von Austins Theorie. Sie ist zu einer der Grundlagen von Psychotherapie, Kommunikationsforschung und Marketing geworden.

Gemäss Sprechakttheorie ist Sprache nicht Abbild von etwas. Sie ist nichts, was «über» den Dingen angesiedelt ist, sondern ist selber real. Der gute Wunsch zum Neuen Jahr ist Teil der sozialen Wirklichkeit. Wer ihn zugesprochen bekommt, für den ist das Gewünschte eine Realität – nicht in dem Sinn, dass nun mit einer Materialisierung des Wunsches fest zu rechnen wäre. Vielmehr ist der jemandem zugesprochene gute Wunsch die verbale Manifestation eines Beziehungsgeschehens. Das Wünschen ist, mit Austin zu reden, ein Akt, bei dem man mit Worten Dinge tut.

Souveräne Menschen wissen, ohne dazu theoretische Erklärungen zu benötigen, welche konkreten Sprechakte wie zu entschlüsseln sind. Sie können intuitiv unterscheiden zwischen einer einzig durch Konvention begründeten Floskel und einem von persönlicher Zuneigung kündenden guten Wunsch. Und die Menschen werden je nachdem unterschiedlich reagieren: mit formeller Höflichkeit im einen, voller echter Freude im anderen Fall – und mit allen Abstufungen dazwischen.

Nachbemerkung mit Blick auf den Hype um Künstliche Intelligenz: Bis «intelligente» Sprachprogramme solche Feinheiten raushaben, wird es noch eine Weile dauern.

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Kommentare

Sehr geehrter Herr Meier,
Der Ausdruck "guter Rutsch" hat nichts mit "rosch haschana" zu tun. Das habe ich bereits 2012 in meinem Buch "Blas mer i d Schue" erklärt. Und wenn Sie mir nicht glauben, dann vielleicht dem Artikel "Rutsch, Rosch, Rausch" in der "Jüdischen Rundschau" vom 31.12.2019.
Mit freundlichen Grüssen
Christian Schmid

Wie so oft in Fragen der Etymologie scheint es auch beim "guten Rutsch" verschiedene Erklärungen für die Herkunft des Ausdrucks zu geben. Die von mir kurz angedeutete Version wird von vielen vertreten, die davon mehr verstehen als ich - was, wie ich gern zugebe, kein Beweis für die Richtigkeit ist. Beweise sind in etymologischen Fragen sowieso schwierig. - Falls Sie Ihre Version hier kurz darstellen wollen, schalten wir Ihre Erläuterung gerne auf.

Sehr geehrter Herr Meier,
ich danke Ihnen für Ihre Antwort, die ich so nicht akzeptiere, vor allem weil ich ihre generelle Aussage über Beweise für etymologische Fragen überhaupt nicht teile. Für die Behauptung, "guten Rutsch" sei auf "rosch haschana" zurückzuführen, gibt es keinen einzigen Beleg. Die Behauptung ist also ein klassisches Windei. Was ich behaupte, belege ich. Und weil ich in meinen beiden Büchern über Redensarten immer belege, was ich behaupte, kann ich das einem Zweifler wie Ihnen leider nicht "kurz darstellen". Denn ich muss es Ihnen ja belegen können.Der Text über "E guete Rustsch" in meinem Buch "Blas mer i d Schue" von 2015 lautet so:
"E guete Rutsch meint „ein gutes neues Jahr“, wobei der Wunsch in dieser Form nur vor Mitternacht in der Silvesternacht ausgesprochen wird. Ab dem Neujahrstag wünscht man sich es guets Nöis.
Weil wir den Neujahrswunsch in der Form e guete Rutsch nur vor dem Anbruch des Neujahrstags brauchen, ist offensichtlich, dass wir Rutsch als das Hinüberrutschen vom alten ins neue Jahr auffassen. Darauf weisen auch die Wunschformeln rütsch guet übere oder rütschet guet übere. Unterstützt wird diese Interpretation durch die Tatsache, dass rütsche, rutsche auch die Bedeutung „gehen“ oder „reisen“ haben kann: „Der Edi, de Mordio-Dubel, isch richtig uf Winterthur g’rutscht“, heisst es in einer Geschichte zum Schützenfest in Winterthur von 1895. In vielen Mundarten sind die Ausdrücke non e Rutsch nää „die nächste Wegstrecke gehen“ und es het wider e Rutsch ggää „wir sind wieder ein Stück vorwärts gekommen“ belegt.
Die Erklärung von e guete Rutsch scheint also einfach, nur wird sie in dieser Form von vielen vehement bestritten. Sie behaupten, der Neujahrswunsch gehe auf den jiddischen Ausdruck Rosch ha-Schana zurück. Jiddisches Rosch ha-Schana bedeutet soviel wie italienisches capo d’anno, nämlich „Kopf bzw. Anfang des Jahres“. Der Zusammenhang von guter Rutsch und Rosch ha-Schana wird auch auf unzähligen Internetseiten behauptet, jedoch nirgends belegt.
Geht man der Sache nach, zeigt sich im „Wörterbuch des Rotwelschen“ von Siegmund Wolf, dass jiddisches rosch „Haupt, Kopf“ in der alten Gaunersprache in verschiedenen Zusammenhängen gebraucht wurde. Roscheren nannte man den Bürgermeister, Roschfewwerer den Barbier. Der Ausdruck rosch abmacheyen bezeichnete das Köpfen. Weil einige Wörter jiddischen Ursprungs aus dem Rotwelschen in die Umgangssprache gerutscht sind, wie z. B. Tschugger und Schmier für „Polizist, Polizei“ und Moos für „Geld“, wäre das auch für rosch in der Form von Rutsch möglich. Wolf behauptet denn auch, aus Rosch ha-Schana sei „das sonst sinnlose“ guten Rutsch entstellt, jedoch ohne einen Beleg für die Entstellung von rosch zu Rutsch anführen zu können. Wolfs Behauptung ist deshalb mit schlagenden Argumenten längst widerlegt. Auch von jüdischer Seite ist mir brieflich bestätigt worden, dass zwischen e guete Rutsch und Rosch ha-Schana kein Zusammenhang bestehen kann.
Zieht man Mundartwörterbücher zu Rate, zeigt sich, dass Rutsch in vielen Mundarten die Bedeutung „Reise“ haben kann. Das Elsässische Wörterbuch schreibt: „Wenn jemand eine Reise unternimmt, wünscht man ihm ne glückligi Rutsch (un e Pflatschreege uf dr Buckl)“. Im Bairischen ist ein Rutscher „eine kurze Reise, ein Abstecher“. Das Luxemburgische Wörterbuch erklärt, dass glecklech Rutsch ganz einfach „glückauf“ heisst. Beides ist also im guten Rutsch seit langem enthalten, der Wunsch und das Reisen, also auch das bildliche Reisen vom alten Jahr ins neue.
Guter Rutsch und e guete Rutsch ist in der Schriftsprache und in den Mundarten geläufig. Im Jahr 2011 schrieb die Belegschaft des Murtenbieters ihren Leserinnen und Lesern: „Wir wünschen einen guten Rutsch“. In der Mundart ist die Redensart belegt z. B. im Baselbieter Wörterbuch e guete Rùtsch, im Innerrhoder Dialekt en guete Rotsch und im Wiener Dialektlexikon guten Rutsch in s Neue Jahr!"

Mit freundlichen Grüssen
Christian Schmid

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