Tour de France for ever

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Tour de France for ever

Von Hans Woller, Paris - 29.07.2019

Die 106. Ausgabe der Tour de France war eine, wie man sie seit über 20 Jahren nicht mehr erlebt hat. Und doch ….

Fast war es, als sei man in diesem höllisch heissen französischen Sommer in Zeiten zurückgekehrt, da die bunten Fahrer auf ihren Hightech-Velos noch keine Wattmesser und sonstige Technologie am Rad hatten und keine Kopfhörer und Mikrophone trugen, um permanent Informationen und Befehle ihres sportlichen Direktors aus dem Auto heraus zu empfangen – so unvorhersehbar, chaotisch, dramatisch und endlich wieder einmal richtig spannend verlief diese Tour 2019.

Vorbei schienen die bleiernen Jahre, da erst Lance Armstrong und sein Team US Postal und anschliessend die ominösen Briten des Sky-Teams Jahr für Jahr wie geölte Maschinen das Tempo vorgaben, die Gegner zermürbten und am Ende mit schöner Regelmässigkeit und fast ohne mit der Wimper zu zucken alle in Grund und Boden fuhren und dafür sorgten, dass beim radsportbegeisterten Publikum sich die grosse Langeweile breit machte – sofern dieses Publikum nicht schon zuvor seit spätestens 1998 und der Festinaaffäre durch Dopingskandale vergrault worden war. Die bei grösster Anstrengung und schlimmsten Steigungen unbeweglichen, fast maskenhaften Gesichter von Fahrern wie Armstrong und Froome, die im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte auf jeder Passtrasse wie Roboter in die Pedale getreten waren, schien plötzlich der Vergangenheit anzugehören. Bei der Tour der Leiden sah man das Leiden der Fahrer, auch der besten, endlich wieder mal in ihren Gesichtern.

Französische Hoffnungen

Ausserdem durfte man bei diesem Parcours 2019, der so viele Bergabschnitte, gerade auch in den Mittelgebirgen, wie kaum ein anderer in den letzten Jahrzehnten enthielt und nur ein einziges und dazu noch eher kurzes Zeitfahren, fast täglich mit Veränderungen in einer rund 15-köpfigen Spitzengruppe rechnen, die sich schon am Ende der ersten Tourwoche herauskristallisiert hatte. Ein Streckenprofil, das für Überraschungen gut war, welche dann auch bereits auf der 3. Etappe mit dem Husarenritt eines Franzosen begannen: Julian Alaphilippe sorgte in der Montagne de Reims, in der Champagne, für das erste Prickeln bei dieser Tour und holte sich im Alleingang – was in den letzten Jahren so gut wie gar nicht mehr vorkam – die Etappe und das Gelbe Trikot, das er mit einer kurzen Unterbrechung geschlagene 14 Tage lang behalten sollte. Endlich wieder mal ein Franzose in Gelb bei der Frankreichrundfahrt! Nach und nach schien die Hoffnung relistischer zu werden, dass erstmals seit 1985 und Bernard Hinault am Ende wieder einmal einer aus dem Hexagon auf den Champs-Élysées ganz oben auf dem Treppchen stehen könnte.

Zumal neben Alaphilippe zwei Wochen lang mit Thibault Pinot, ein Bergspezialist und schon einmal Dritter bei der Tour, noch ein anderer Franzose mit nicht mal zwei Minuten Abstand ganz vorne dabei war. In den Pyrenäen war dieser Pinault sogar unschlagbar, holte sich die legendäre Etappe am Tourmalet, Zweiter wurde Alaphilippe im Gelben Trikot. Präsident Macron hatte den richtigen Tag für die obligatorische Visite des Staatsoberhaupts bei der Tour de France gewählt und durfte sich im Glanz der zwei erstplatzierten Landsleute sonnen.

Bei der 2. Pyrenäenetappe setzte Pinot seine Machtdemonstration fort und nahm den wichtigsten Konkurrenten erneut wertvolle Sekunden ab.

Von da an war Frankreich endgültig wieder einmal im Tour de France-Fieber, wie schon lange nicht mehr, die Massen am Strassenrand dichter als sonst und die Einschaltziffern bei der TV-Direktübertragung so hoch wie schon lange nicht mehr: Knapp 6 Millionen Franzosen sassen bei den Bergankünften in diesem Juli vor dem Bildschirm – in den letzten, vom Sky-Team dominierten Jahren waren es im Schnitt nur noch 3,5 Millionen gewesen, was den Verantwortlichen von France Télévision zuletzt reichlich Sorgenfalten bescherte. 

Doping?

Nachdem Julian Alaphilippe – von den Fans schon mit dem Kosenamen Lulu bedacht – dann auch noch die Pyrenäen ziemlich souverän in Gelb überstanden, ja sogar das Zeitfahren rund um Pau gewonnen hatte,  war es fast unvermeidlich, dass – wenn auch in sehr leisen Tönen – das Thema Doping wieder aufkam. Schliesslich galt der 27-Jährige mit dem D’Artagnan-Bart bislang überwiegend als Spezialist der Frühjahrklassiker – hatte dieses Jahr Mailand–San Remo, die Flèche Wallonne in Belgien und die Strade Bianche in Italien gewonnen. Und der soll jetzt plötzlich mit allen anderen Favoriten und Kletterspezialisten über die mörderischen Passtrassen kommen?

Angesichts dieser Zweifel war es eine richtige Wohltat, dass Alaphilippe, wie von ihm selbst mehr oder weniger angekündigt, auf den letzten, alles entscheidenden Alpenetappen dann einbrach, am Ende aber immerhin noch auf dem 5. Platz im Gesamtklassement landete. Wer ihn am letzten Anstieg dieser Tour – 33 lange Kilometer hinauf auf 2’300 Meter in den hässlichen Wintersportort Val Thorens – mit heraushängender Zunge gesehen hat und nach dem Ziel auf dem grobkörnigen Asphalt mit weit von sich gestreckten Beinen an ein Wagenrad gelehnt hinter einem Absperrgitter mit dem absolut leeren Blick der totalen Erschöpfung, der konnte nicht mehr an Doping denken.

Der tragische Held

Und Thibault Pinot, die andere französische Hoffnung und der zweite Grund für das grosse Tour de France-Fieber dieses Jahr?

Er wurde zum tragischen Helden. Auf der ersten von drei Alpenetappen über die drei Riesen Vars, Izoard und Galibier kam er noch mit den Besten ins Ziel, dominierte aber nicht mehr wie in den Pyrenäen. Wie erst später bekannt wurde, hatte er sich auf einer der halsbrecherischen Abfahrten bei einem Beinahesturz seinen eigenen Lenker in den Oberschenkel gerammt – am Abend im Hotel konnte er kaum mehr Treppen steigen .

Am Tag darauf – ein Tag, der in die Geschichte der Tour de France eingehen wird – als es auf das Dach der diesjährigen Ausgabe, den 2770 Meter hohen Col de l’Iseran ging, stieg Pinot, heulend wie ein Schlosshund und von Teamkameraden tröstend umarmt, bei Kilometer 36 vom Rad. Muskelfaserriss. Bei seiner 7. Tour de France musste der Mann aus der Franche-Comté bereits zum 4. Mal aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.

Es war der Tag, ein schwarzer Freitag, an dem sich nur 48 Stunden vor der Ankunft in Paris alle französischen Tourhoffnungen zerschlugen .

Denn 6 Kilometer vor der Passhöhe des Col d’Iseran musste dann Julian Alaphilippe im Gelben Trikot abreissen lassen, nach dem ersten grossen Auftritt des erst 22-jährigen Kolumbianers Egan Bernal bei dieser Tour, der die ersten 20 Jahre seines Lebens in den Anden ziemlich exakt auf derselben Meereshöhe gelebt hatte, wie die des Col d’Iseran und für so manchen Experten als Geheimwaffe gehandelt worden war. Immerhin hatte er dieses Jahr Paris–Nizza und die Tour de Suisse gewonnen.

Doch das war noch nicht alles an diesem schwarzen Freitag für Frankreichs Gelbhoffnungen. Kaum hatten die Führenden die Passhöhe des Iseran überquert, schlug die Natur zu wie noch nie in den vorhergehenden 105 Ausgaben der Tour de France. „Dantesque“ sei die Situation am Ende der Iseran Abfahrt gewesen, hiess es am nächsten Tag. Nach einem Gewitter bedeckten eine Schicht von Hagelkörnern und mehrere Schlammlawinen die Strecke – die Etappe musste abgebrochen werden, als die Führenden noch auf der rasenden Passabfahrt waren und so mancher der Akteure nicht daran glauben wollte.    

Sky / Ineos

Schön und gut, mag man abschliessend sagen: Es gab viel Aufregung, Überraschungen, Spannung, kleine Einbrüche der Topfahrer, die besten sechs im Gesamtklassement lagen Tage lang in nur zwei Minuten beieinander, es gab kein eindeutig dominantes Team, dafür aber Windkanten, Unwetter und  menschliche Tragödien, die das Tourschauspiel dieses Jahr bis zum Schluss beflügelten. Die Dramaturgie hätte besser nicht sein können, die Organisatoren durften sich die Hände reiben: erst am vorletzten Tag holte sich der Gesamtsieger das Gelbe Trikot vom Franzosen Alaphilippe.  

Damit sicherte sich aber am Ende erneut das britische Ineos-Ex Sky-Team mit seinem Jungstar Egan Bernal nicht nur den ersten, sondern in der Person von Geraint Thomas auch noch den 2. Platz auf dem Podium in Paris – 7 Gesamtsiege in den letzten 8 Jahren made in England.  

Thomas, der Vorjahressieger aus Wales, sollte Recht behalten, als er bei einer Pressekonferenz vor der letzten Tourwoche und den Alpenetappen angesichts der deutlich geringeren Dominanz seiner Mannschaft anmerkte, man möge sein Team für den Toursieg nicht vorzeitig abschreiben, es gäbe schliesslich verschiedene Arten, dieses 3400 Kilometer lange Rennen über 21 Etappen zu gewinnen. In der Tat: Am Ende hatte sein Team, dessen Sponsor der grösste europäische Plastikproduzent ist, dann doch wieder die Nase vorn – wenn auch mit äusserst geringem Vorsprung.

Egan – die kleine Flamme

Das Besondere diesmal: Das britische Team lieferte einen Tour de France-Sieger der ganz besonderen, ja anderen Art. Egan Bernal – sein Vorname ist gaelischer Provenienz und bedeutet „kleine Flamme“ – sieht aus wie ein bescheidener, gutmütiger und etwas verzagter Jugendlicher, der nicht so recht weiss, wie ihm geschieht. Der junge Mann, der eigentlich Journalist werden wollte und kurze Zeit auch auf einer von Opus Dei gemanagten Universität war, ist mit 22 nicht nur einer der jüngsten Tour de France-Sieger überhaupt, sondern vor allem auch der erste, der nicht aus Europa oder den USA kommt. Den Tour-Organisatoren, die die Internationalisierung ihres Sportereignisses seit knapp zwei Jahrzehnten immer grösser schreiben, kann das nur recht sein. Mit 18 hatte Bernal bei einem italienischen Team seinen ersten Vertrag unterschrieben, mit 20 die Tour de l’Avenir, die Rundfahrt für Talente der Zukunft gewonnen. Das Sky-Team mit einer guten Nase engagierte ihn daraufhin, der junge Mann zog mit seinem Vater nach Andorra, die Mutter blieb in Kolumbien bei seinem jüngeren Bruder.

Die Geschichte des Gesamtsiegers im Jahr, da das gelbe Trikot 100 Jahre alt wurde, könnte zu einer Legende in der Legende Tour de France werden – schon heisst es, mit Egan Bernal habe eine neue Ära des drittgrössten Sportereignisses der Welt begonnen.

Wunderbarer Kommentar von Herrn Woller. Der Beste, den ich über die diesjährige Tour de France gelesen habe. Besten Dank. Es war wirklich ein Rennen, das einen nicht vom TV-Apparat weglockte. Dramatik, Spannung und Chauvinismus pur. Dennoch: Vive la Tour de France.

Wie klein und erbärmlich kommt man sich vor, wenn man die Majestät einer Symphonie erlebt, wenn man die ganze Urgewalt fühlt, die das Wort Musik als Begriff in sich trägt.

Fritz Wunderlich, deutscher Tenor, geboren heute vor 90 Jahren (gestorben 1966)
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