Tropfen auf den Stein der Diktatur

Journal21's picture

Tropfen auf den Stein der Diktatur

Von Journal21, Iranjournal.org - 22.08.2020

Die Revolution von 1979 begann mit Parolen, die nachts an Wände geschrieben wurden. Heute schreiben wieder junge Protestler Parolen gegen das politische System. Betrachtungen von Maziyar Roozbeh*.

Im März 1979 hatte sich die Teheraner Stadtverwaltung entschieden, die Stadt zu säubern: von den Parolen der Revolution an den Wänden. Zugleich wurden im von den Revolutionären bereits eroberten Fernsehen Interviews gezeigt, in denen Menschen sagten: „Unsere Revolution hat gesiegt und sie wird fortbestehen. Die Parolen an den Wänden brauchen wir nicht mehr. Alles wird in den Büchern stehen. Deshalb sollen die Wände sauber gemacht werden.“

Und jetzt, nach 42 Jahren? Die Einwohner*innen der kleinen und grossen Städte im Iran nutzen wie damals Poesie und Prosa, um ihre Stimme an die Wände zu malen. Etwa die Zeilen des im Exil lebenden Schriftstellers Reza Barahani: „Es ist ein Kampf Esmail, ein Kampf. Und die Esmails werden tatsächlich geschlachtet.“ Politische Aktivist*innen und Studierende haben dieses Gedicht häufig in ihren Graffitis, auf Plakaten und Flyern oder als Hashtag in den Sozialen Netzwerken benutzt, um ihre Solidarität mit dem Arbeiteraktivisten Esmail Bakhshi auszudrücken. Auch bei den landesweiten Protesten im Februar und November 2018 liessen sich die Demonstrierenden von farsisprachigen Dichtern, Schriftstellern und Musikern inspirieren.

Parole als Waffe

In den meisten revolutionären Aufständen und Bewegungen spielen Parolen neben anderen Kampfmitteln eine wichtige Rolle. Sie sind einzigartig, spontan und für alle verständlich.

Dabei gehört die Wiederholung zu ihrer Natur und Funktion. Parolen bohren Löcher in diktatorische Strukturen, wie winzige Wassertropfen, die sich durch einen Stein bohren können, wenn sie stets auf denselben Punkt fallen.

Etwa die Parole „ihr Reformer, ihr Hardliner, es ist vorbei“ oder die ironische Formulierung „Tod dem Arbeiter, lang lebe der Unterdrücker“: Vielleicht sind sie spontan durch die Kreativität eines einzelnen Demonstranten zustande gekommen. Sie wurden jedoch so oft wiederholt, dass sie sich quer durch alle gesellschaftlichen Schichten etabliert haben. Lange nach den Demonstrationen von 2018 wurden diese Parolen noch an die Wände geschrieben. 

Später wurden auch Geldscheine zum Verbreitungsmedium von Parolen. Auf sie wurde etwa „Referendum! Referendum! Das ist die Parole der Bevölkerung“ oder „Aus dem Islam habt ihr für euch eine Leiter gebaut und der Bevölkerung ein Mittel zur Erniedrigung“ geschrieben. Diese winzigen Wassertropfen haben in der Bevölkerung grosse Löcher in der Glaubwürdigkeit des Regimes hinterlassen.

Graffiti in Teheran für den Internationalen Frauentag
Graffiti in Teheran für den Internationalen Frauentag

Songwriter und Musiker wiederum haben sich von der Kreativität der Protestierenden inspirieren lassen. Unter anderem hat der im Exil lebende Sänger und Songwriter Mohsen Namjoo kurz nach den Unruhen vom November 2019 das Lied „Erinnere Dich“ gesungen. Das Lied eines iranischen Dichters zeichnet nostalgische Bilder und wirft gleichzeitig einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft: „An dem Tag, an dem Du lachend Leben, Leben, Leben rufst / an dem Tag, an dem wir gewonnen haben, wird in den Strassen gefeiert.“

Vor Namjoo hatte der berühmte iranische Rapper Soroush Lashkari den Song „Er hat seine Hand zur Faust geballt“ geschrieben und gesungen. Der als „Hichkas“ (Niemand) bekannte Künstler schlug dabei einen traurigen Ton an und ignorierte bewusst den üblichen Rhythmus des Rap – als ob er die Tür zur harten und bitteren Welt der Wahrheit passieren möchte. In dem Song wird an die Nachrichten aus der Zeit der Unruhen vom November erinnert – etwa Meldungen über die weit verbreitete Korruption in der Islamischen Republik und die brutale Ermordung von Protestierenden durch Sicherheitskräfte. Auch wird die angebliche Dualität von „Reformern“ und „Hardlinern“ innerhalb des iranischen Regimes verspottet und in Frage gestellt – der Künstler zeigt mit dem Finger des Songs auf den Feind der Bevölkerung.

Am Ende des Songs sind Stimmen von Demonstranten zu hören. Damit können sich besonders die Angehörigen der 1990er- und 2000er-Generation identifizieren: Sie sind es, die ihre Freunde bei den Unruhen des Januar 2018 und November 2019 verloren haben. Die Wirkung des Songs hat das farsisprachige Nachrichtenportal Radio Farda aus Prag zusammengefasst: „Am Dienstagabend, den 10. Dezember [2019] wurde der Song 'Er hat seine Hand zur Faust geballt' von Hichkas auf Twitter veröffentlicht. Innerhalb einiger Tage wurde der Song mehr als 7’200 Mal retweeted und knapp 24’000 Mal mit 'Gefällt mir' markiert. So eine Reaktion auf einen Tweet ist in der farsisprachigen Community sehr selten – wenn nicht beispiellos.“

Manche Parolen bleiben im Gedächtnis

In den letzten Monaten vor der Revolution 1979 nahmen die Wandbeschriftungen stark zu. Noureddin Bozorgmehr hat 1980 in seinem Buch „Beim Sonnenaufgang der Freiheit ist der Platz unserer Märtyrer frei“ rund tausend dieser Parolen versammelt. 46 Prozent davon weisen einen Reim auf.

Viele sind jedoch in Vergessenheit geraten. Selbst diejenigen, die damals an den Demonstrationen teilgenommen haben, können sich nicht an alle Parolen erinnern. In Erinnerung geblieben sind etwa „Tod dem Schah“ und „Unabhängigkeit, Freiheit, Islamische Republik“; vergessen wurden dagegen „Die Anhänger des Schahs sind eindeutig Hahnreie“ oder „Königin Farah mach das Bett, lass den Jimmy [Carter – US-Präsident] sein Geschäft erledigen.“

Die Ähnlichkeiten, die Unterschiede

Viele Parolen aus der Zeit der 1979er-Revolution ähneln den Parolen der Unruhen der vergangenen Jahre, sowohl formal wie auch inhaltlich. Etwa bei den Reimen, wie zum Beispiel: „Der Schah begeht Verrat, sein Geheimdienst Savak begeht Verbrechen. (Jimmy) Carter gibt (dem Regime) Garantien, die Armee unterstützt (den Verrat und das Verbrechen)“ – Bild 1. Das war 1978–79 eine gängige Wandparole.

Bild 1
Bild 1

Heute liest man auf manchen Wänden: „Das Volk bettelt, der Herr (Khamenei) lebt wie ein Gott“ – Bild 2.

Bild 2
Bild 2

Beide Parolen reimen sich auf Persisch, die aktuelle erinnert an die alte. 

Beim ersten Bild aus dem Jahr 1979 handelt es sich um die Unterstützung des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter für den iranischen Monarchen Mohammad Reza Pahlavi. Beim zweiten Bild von 2018 geht es um die „Göttlichkeit“ des Oberhauptes der Islamischen Republik, Ali Khamenei, und seine absolute Herrschaft.

Auf dem ersten Bild wird die Unterstützung der Vereinigten Staaten verurteilt, auf dem zweiten die Rolle des heutigen Staatsoberhaupts Ali Khamenei, die als wesentlich schlimmer wahrgenommen wird als die damalige Rolle der USA.

Der Feind ist hier

Für das islamische Regime im Iran und allen voran sein Oberhaupt stellen die USA das absolute Feindbild dar. Die Protestierenden haben während der Unruhen von 2018 und 2019 jedoch wiederholt das Gegenteil gerufen: „Unser Feind befindet sich hier, es ist eine Lüge, dass die USA es sind.“

Es ist vielleicht zu früh, um die Rolle der Parolen und ihren Einfluss auf die Rhetorik der Proteste der letzten Jahren im Iran in einem Beitrag oder einem Buch zusammenzufassen. Das Abschlusswort dieses Beitrags kann jedoch ein Zitat des getöteten Schriftstellers Mohammad Mokhtari sein:

„Es besteht eine faszinierende Verbindung zwischen den Parolen und der Kultur und Entwicklung einer Gesellschaft sowie ihrer Natur und ihrer Schöpfungskraft, Parolen zu schaffen. Die Menschen haben über alles, was sich während eines Aufstands ereignet hat, Parolen geschaffen. So haben sie die eigentliche Aufgabe der Führung der Bewegung übernommen. Die Menschen kompensieren damit die Unterfunktion der Führung. Sie schaffen zu jedem Schritt passende Parolen und zwingen diese ihnen zum Teil sogar auf.“

*Maziyar Roozbeh ist ein Pseudonym, um den Autor zu schützen. Der Publizist, Dichter und Übersetzer lebt in Teheran.

Mit freundlicher Genehmigung von iranjournal.org – © Iran Journal

Ähnliche Artikel

Von Journal21, Iman Aslani, Iran Journal - 01.06.2020
Von Journal21, Nasrin Bassiri/Iran Journal - 28.06.2020
SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren

«Belarus - ein Modell unserer Zukunft»

Reinhard Meier: Die belarussische Nobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch hat die russischen «Brüder» um Solidarität mit ihrem Volk gebeten. Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja antwortete, Belarus sei ein «Modell unserer nahen Zukunft». Mehr…