Turbulente Geschichte

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Turbulente Geschichte

Von Heiner Hug, 01.03.2018

Schon früh war die SRG den Zeitungsverlegern ein Dorn im Auge.

Der Bauernverband und die NZZ lieferten dem Radio die Informationen. Eine Empfangskonzession kostete 12 Franken. Die Berner waren die Ersten, die Sprecherinnen einsetzten. Besorgte Lehrer kämpften gegen die Einführung des „Schulfunks“ und der Bundesrat verpflichtete die SRG, die Begräbnisfeier eines Ober-Nazis zu übertragen. – Die Geschichte des Radios in der Schweiz verlief stürmisch. Hier einige der Höhepunkte. Viele Informationen stammen aus der SRG-„Geschichte des Radios in der Schweiz“.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg experimentiert man mit der „Technologie Radio“. Doch während des Krieges 1914–1918 ist Radio-Hören in der Schweiz verboten. Man fürchtet eine Indoktrinierung durch den Feind.

1920 baut die Aargauer Firma Maxim den ersten selbstentwickelten Radioempfänger. Die Empfangskonzession kostet damals 12 Franken. Radiohören ist nur über Kopfhörer möglich.

Radiohören 1920: Radiosendungen werden über Kopfhörer gehört: Die Sendequalität und die Lautstärke lassen oft zu wünschen übrig; die Empfangsgerätdetektoren müssen daher häufig nachreguliert werden. (Bild: SRG)
Radiohören 1920: Radiosendungen werden über Kopfhörer gehört: Die Sendequalität und die Lautstärke lassen oft zu wünschen übrig; die Empfangsgerätdetektoren müssen daher häufig nachreguliert werden. (Bild: SRG)

1922 strahlt der Lausanner Flugplatzsender, der eigentlich der Flugsicherung dient, erstmals in der Schweiz Nachrichten, Wetterberichte und Musik aus.

1923 senden die ersten Lokalradios in Zürich, Bern und Basel unkoordiniert, stundenweise und in Konkurrenz zueinander. Feste Sendefrequenzen gibt es nicht. Man muss jeweils im gesamten Wellenbereich lange suchen, bis man den gewünschten Sender findet.

Während der 7. Schweizer Mustermesse in Basel, im April 1923, strahlt ein 20-Watt-Sender ein Programm aus, das in der Messe zu hören ist.

„Plaudereien für Frauen und Kinder“

21. Oktober 1923: Das Fussballspiel Schweiz–Uruguay wird aus Paris direkt in die Zürcher Tonhalle übertragen.

1924: Aus dem Zürcher Amtshaus IV werden erste reguläre Sendungen ausgestrahlt. Der Schweizerische Bauernverband liefert Marktnachrichten, die NZZ ist für aktuelle Meldungen besorgt. Es gibt „Plaudereien für Frauen und Kinder“.

Nach Radio Zürich nimmt Radio Bern im Kursaal Schänzli den Betrieb auf. Von Anfang an werden Sprecherinnen eingesetzt.

Keine selbstrecherchierten Informationen

1926: Da bereits 50’000 Empfangskonzessionen gelöst wurden, beginnen die Zeitungen die neue Konkurrenz zu fürchten. Der Schweizerische Zeitungsverlegerverband und der Verein der Schweizer Presse erreichen, dass das Radio nur sehr eingeschränkt aktuelle Informationen verbreiten darf. Die Bundesbehörden unterstützen die Zeitungsverleger.

Die schweizerischen Stationen, ausser Radio Zürich, übernehmen die Informationen ausschliesslich von der Schweizerischen Depeschenagentur, die von den Zeitungsverlegern kontrolliert wird. Das hindert das Radio daran, selbst recherchierte Informationen zu verbreiten. Der Vorteil als schnelles Medium kann nicht ausgespielt werden.

Hut ab vor den Nazis

1931: Die Lokalradio-Ära geht zu Ende. Die regionalen Stationen schliessen sich zur „Schweizerischen Rundspruchgesellschaft“ SRG zusammen. In den drei grossen Sprachregionen werden die Mittelwellen-Sender Beromünster, Sottens und Monte Ceneri in Betrieb genommen.

1932: Der Schulfunkt wird eingeführt, gegen den Widerstand skeptischer Lehrer, die das Radio als Konkurrenz zu ihrer Lehrtätigkeit empfanden.

1935: Im Parlament melden sich unzufriedene Stimmen, die mehr politische Diskussionen am Radio wünschen. Die SDA wird verpflichtet, aktueller und umfangreicher zu berichten.

1936: Hut ab vor den Nazis. In Davos wird Wilhelm Gustloff, Chef der Ortsgruppe Schweiz der NSDAP erschossen. Der Bundesrat verpflichtet die SRG, die Trauerfeier reibungslos nach Deutschland und Österreich zu übertragen.

1936: Die grossen Reportagewagen ermöglichen nicht nur technisch gute Übertragungen, sondern mit ihren Aufzeichnungsgeräten auch direkte Mitschnitte auf Schellack-Platten. (Bild: SRG)
1936: Die grossen Reportagewagen ermöglichen nicht nur technisch gute Übertragungen, sondern mit ihren Aufzeichnungsgeräten auch direkte Mitschnitte auf Schellack-Platten. (Bild: SRG)

1937: Das Tonband zieht ein. Dank Aufnahmen auf Stahlband können Sendungen zeitlich verschoben ausgestrahlt werden.

1938: Das Rätoromanische wird als vierte Landessprache anerkannt. Aus dem Studio Zürich werden rätoromanische Sendungen ausgestrahlt.

1939: Mit der Mobilmachung wird die Konzession der SRG sistiert. Das Radio wird direkt der Aufsichtsbehörde des Bundesrates unterstellt, der – zusammen mit der Armee – das Medium gezielt zur Information der Bevölkerung einsetzt. Die Landessender schaffen sich weit über die Landesgrenzen hinaus grosses Ansehen.

Juli 1939: Gegen den anfänglichen Widerstand der Zeitungsverleger bewilligt der Bundesrat dem Radio, ein drittes Nachrichtenbulletin am späten Abend und ein viertes am frühen Morgen zu senden.

August 1944: Heidi Plattner, Sprecherin des Kindernachrichten-Dienstes im Radiostudio Bern. Heidi beantwortete auch Fan-Post. (Foto: Keystone/Photopress-Archiv/Hans Gerber)
August 1944: Heidi Plattner, Sprecherin des Kindernachrichten-Dienstes im Radiostudio Bern. Heidi beantwortete auch Fan-Post. (Foto: Keystone/Photopress-Archiv/Hans Gerber)

1945: Nach Kriegsende wird die sistierte SRG-Konzession wieder in Kraft gesetzt.

17. September 1945: Erstmals wird das „Echo der Zeit“ ausgestrahlt.

Oktober 1945: Die Landessender setzen erstmals Auslandkorrespondenten ein. Für Radio Beromünster sind dies Heiner Gautschi (New York), Theodor Haller (London) und Hans O. Staub (Paris).

Auf UKW wird begonnen, stundenweise ein zweites Radioprogramm auszustrahlen.

25. Oktober 1959: Radio Beromünster berichtet erstmals live über die National- und Ständeratswahlen. Die Bundeswahlen im Dezember werden erstmals direkt übertragen.

5. Juli 1960: Die „Schweizerische Rundspruchgesellschaft“ SRG wird in „Schweizerische Radio und Fernsehgesellschaft“ SRG umbenannt.

1961: Radio Beromünster sendet neuerdings am Samstag von 06.15 Uhr bis 23.15 Uhr durchgehend. An Werktagen gibt es nach wie vor eine Sendepause von 13.45 Uhr bis 16.00 Uhr. Diese Programmlücke wird 1963 geschlossen.

„Die Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur.“ Mit diesen Worten beginnt jede Nachrichtensendung des Schweizer Radios. Im Bild ein SDA-Nachrichtensprecher in einer tristen Kabine beim Verlesen der 12.30 Uhr-Nachrichten im Jahr 1962. (Foto: Keystone/Photopress-Archiv/Joe Widmer)
„Die Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur.“ Mit diesen Worten beginnt jede Nachrichtensendung des Schweizer Radios. Im Bild ein SDA-Nachrichtensprecher in einer tristen Kabine beim Verlesen der 12.30 Uhr-Nachrichten im Jahr 1962. (Foto: Keystone/Photopress-Archiv/Joe Widmer)

1964: Die SRG wird verpflichtet, „objektiv, umfassend und rasch“ zu informieren.

1966: In Chur wird für rätoromanische Sendungen eine eigene Programmstelle eingerichtet.

24. September 1968: Erstmals wird eine Nationalratsdebatte vollständig und live übertragen.

1971: Die Ära der von der SDA produzierten Nachrichtensendungen ist zu Ende. Jetzt zeichnet die SRG allein für den Inhalt verantwortlich. Neben der SDA sind auch andere Agenturen sowie Korrespondenten und eigene Rechercheure Nachrichtenlieferanten.

Die Privatradios kommen

23. November 1978: In der deutschen Schweiz werden die „Regionaljournale“ eingeführt.

28. November 1979: Der von Roger Schawinksi geleitete „Piratensender“ Radio 24 sendet vom Pizzo Groppera aus.

1. November 1983: Das Monopol der SRG ist gebrochen. Radio 24 und fünf weitere private Radiostationen haben eine Konzession erhalten und gehen auf Sendung.

1983: DRS 3 geht auf Sendung.

28. Dezember 2008: Der Landessender Beromünster verstummt.

Ein Mischpult heute (Foto: SRG)
Ein Mischpult heute (Foto: SRG)

16. Dezember 2012: Radio DRS wird umbenannt in Radio SRF 1.

4. März 2018: 71,6 Prozent der stimmenden Schweizerinnen und Schweizer sprechen sich gegen die Abschaffung der Empfangsgebühren aus.

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Von Nick Lüthi, Medienwoche - 17.06.2020

Ganz herzlichen Dank für diese schöne Chronologie. Wenn man denkt, dass sie vor noch nicht mal 100 Jahren begonnen hat, ist das schon "krass" (wie die Jugendlichen heute sagen würden). Mitte der 1930er Jahre kamen Nachbarn jeweils zu meinem Grossvater radiohören (er hatte einen der ersten im Dorf) wenn etwa "der Hitler sprach". Und noch in den 1950ern gingen wir ins Nachbardorf zu Schulkameraden "fernsehlugen" (schwarzweiss, wobei man bei einem Eishockeymatch Mühe hatte, überhaupt den Puck zu sehen). Und jetzt alles "glasfaserig" und gestochen scharf. Und das Foul an Mbabou (war eine klare Berührung!) kann man nach YB-BS mehrmals anschauen. Übrigens: Die ersten Tonbandgeräte waren gar keine solchen. Es waren TonDRAHTgeräte, bei denen der Ton auf einen Stahldraht aufgezeichnet wurde. Diese Entwicklung hätte doch Tagi-Erbe Pietro Supino in seinen schweizweiten Monopolblättern im Rahmen der No-Billag-Debatte mal auf einer Doppelseite schön darstellen (lassen) können. Machte er natürlich nicht. Ganz im Gegenteil: In der letzten "SonntagsZeitung" liess er irgendwelche Professoren und Financiers (T. Tettamanti) via williger JournalistInnen kurz vor dem Urnengang nochmals so richtig über die SRG runter wettern. Üble Sache das! Und es zeigt, wie recht ein in Zürich gut bekannter Unternehmer und Alt-Bundesrat namens Christoph Blocher hatte, als er sagte: "Wenn schon Monopol, dann sicher nicht privat, sondern lieber staatlich und politisch kontrolliert!" Zum Glück gibt es noch alternative Medien, wie Journal21. N. Ramseyer, BERN

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