„Unser Jahrhundert-Bauwerk“

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„Unser Jahrhundert-Bauwerk“

Von Journal21, 05.09.2020

Das teuerste Bauwerk, das die Schweiz je gebaut hat, ist fertig.

Der Ceneri-Basistunnel soll mit dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember für Personen- und Güterzüge definitiv in Betrieb genommen werden. Am Freitag war der 15,4 Kilometer lange Tunnel, das letzte Teilstück der Neat, von der blau-rot gekleideten Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga offiziell eingeweiht worden. Blau und rot sind die Farben des Tessiner Wappens.

Der Tunnel ist der kürzeste der drei Basistunnel der Neat. Er verbindet Camorino bei Bellinzona mit Vezia bei Lugano.

Die Tunnel-Einfahrt bei Camorino bei Bellinzona (Foto: Keystone/Gaëtan Bally)
Die Tunnel-Einfahrt bei Camorino bei Bellinzona (Foto: Keystone/Gaëtan Bally)

„Herzstück der schweizerischen Verkehrspolitik“

Mit der Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels verfügt die Schweiz nun über eine Flachbahn von Basel bis Chiasso und einen durchgehenden 4-Meter-Korridor für Warencontainer auf Sattelschlepperanhängern. Schwere Güterzüge können jetzt ohne zusätzliche Lokomotiven durch die Alpen fahren.

Mit der jetzt fertiggestellten Neat sei „das Herzstück der schweizerischen, aber auch der europäischen Verkehrspolitik fertig“, sagte Django Betschart, der stellvertretende Geschäftsführer der Alpeninitiative, bei der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels. Dies sei „ein freudiger Moment“. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga nannte die Neat „unser Jahrhundert-Bauwerk“.

Dreieinhalb Milliarden Franken

Die Reisezeiten von der Deutschschweiz ins südliche Tessin verkürzen sich um zehn Minuten. Zürich und Lugano liegen nur noch knapp zwei Zugstunden voneinander entfernt. Aber auch das Tessin profitiert. Lugano ist von Bellinzona aus in einer Viertelstunde erreichbar. Die Reisezeit zwischen Lugano und Locarno wird halbiert. Zudem rückt die Wirtschaftsmetropole Mailand näher an Zürich und Basel heran.

Die Bauarbeiten für die beiden Einspur-Röhren hatten 14 Jahre gedauert. Die Röhren liegen etwa 40 Meter voneinander entfernt. Alle 325 Meter sind sie durch Querschläge verbunden. Der Tunnel kostete rund dreieinhalb Milliarden Franken. Die gesamte Neat kostete 23 Milliarden.

Die Personenzüge werden mit einer Höchstgeschwindigkeit von 250 Kilometern pro Stunde durch die Röhren rasen, Güterzüge mit 160 km/h.

107 Kilometer Tunnel

Alles hatte vor 28 Jahren begonnen: Am 27. September 1992 sagten bei einer Volksabstimmung 64 Prozent der Stimmenden Ja zur Neat. Damit gaben sie den Startschuss für den Neubau der Strecke Arth-Goldau–Lugano mit dem Gotthard- und dem Ceneri-Basistunnel sowie dem Lötschberg-Basistunnel.

Der 34,6 Kiliometer lange Lötschberg-Tunnel der Neat wurde 2007 in Betrieb genommen, der 57,1 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel 2016. Der Gotthard-Basistunnel ist der längste Tunnel der Welt.

Und jetzt also das letzte Teilstück: Der 15,4 Kilometer lange Ceneri-Basistunnel. Die drei Neat-Tunnels verfügen also zusammen über eine Länge von über 107 Kilometern.

Verlagerung auf die Schiene

Ziel der Neat ist es nicht nur, die Reisezeiten zu verkürzen, sondern vor allem auch mehr Lastwagen von der Strasse auf die Schiene zu bringen. Letztes Jahr fuhren 900’000 Lkws durch die Alpen. Laut Verfassung sollen es jährlich maximal 650’000 sein. Laut dem schweizerischen Nutzfahrzeugverband Astag ist dieses Ziel „illusorisch“.

Doch „ohne die Investition in die Neat würden heute jedes Jahr 800’000 Lastwagen mehr die Alpen auf der Strasse überqueren. Unvorstellbar!“, erklärte Simonetta Sommaruga gegenüber SRF.

Die Deutschen schlampen

Ziel der europäischen Verkehrspolitik ist eine schnelle, flache Zugverbindung von Rotterdam bis Genua. Während die Schweizer die erste Flachbahn durch die Alpen gebaut haben, sind die Nachbarländer in Verzug. In Italien sind die Zufahrten noch nicht genügend ausgebaut, wenn auch in jüngster Zeit Fortschritte gemacht wurden.

Doch vor allem die Deutschen schlampen. Geprüft wird jetzt, ob man bei der Nord-Süd-Verbindung von Rotterdam nach Genua von Deutschland auf Frankreich ausweichen soll. Experten rechnen damit, dass erst in etwa 20 Jahren die europäische Nord-Süd-Verbindung voll ausgelastet und genutzt werden kann.

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