Unterwegs in Filmkulissen

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Unterwegs in Filmkulissen

Von Roland Jeanneret, 09.10.2015

Es gibt Wanderbücher vielfältiger Art und aus ganz unterschiedlichen Motiven. Neu ist ein Werk mit Wandervorschlägen an Drehorte bekannter Filme.

.Es sind unvergessliche Klassiker, Liebesfilme und Blockbuster, Kinder- oder Horrorfilme, Dramen und Komödien. Die Protagonisten heissen Ueli der Pächter oder Gilberte de Courgenay, Heidi oder James Bond, Farinet oder Pipe. Und zu finden sind die Drehorte fast in der ganzen Schweiz, in Städten und in den Bergen, vor denkmalgeschützten Bauten oder zwischen künstlich hingestellten Attrappen.

Geschichten hinter den Drehbüchern

James Bond in den Schweizer Bergen
James Bond in den Schweizer Bergen

Zum Beispiel im Wallis: Man schrieb das Jahr 1931, als im kleinen Winzerdorf Saillon grosse Aufregung herrschte: Alle bemühten sich, den bereits berühmten französischen Schauspieler Jean-Louis Barrault zu begrüssen, zu sich nach Hause einzuladen oder ihm ihren Wein zu offerieren. Doch der Filmstar wollte – zur Enttäuschung vieler – vorerst mit niemandem reden. Er wollte zunächst das Grab des legendären Falschmünzers und Vagabunden Joseph-Samuel Farinet besuchen. Doch er fand keines – Farinet war, wie für Verbrecher damals üblich, hinter der Sakristei in ungeweihter Erde in ein Massengrab gelegt worden. „Noch während der Dreharbeiten liess Barrault ein Kreuz für ihn aufstellen. Das Farinet-Virus hatte auch ihn gepackt“, schreibt die Buchautorin Antionette Schwab.

Der Text ist bezeichnend: Hinter den Drehbüchern von damals gab es meistens weitere Geschichten, die erst recherchiert und entdeckt werden mussten. Dies macht das Buch „Drehort+“ zur unterhaltsamen Lektüre – jedenfalls weit über das Filmgeschichtliche hinaus. Zu jedem der 33 nationalen und internationalen Filme mit Drehort Schweiz werden Wanderungen mit Routenbeschrieb, Karten, Zeitangaben und Besonderheiten angefügt.

Wanderweg mit Attraktionen

Um bei Farinet zu bleiben: Der mittlerweile zum Helden aufgestiegene „Walliser Robin Hood“ starb unter ungeklärten Umständen im April 1880 in der Salentse-Schlucht. Wurde er von der Polizei erschossen, starb er auf der Flucht oder verhungerte er in diesem Tobel? Ein rätselhafter Stoff, wie gemacht fürs Kino, der Interpretationen und Parteinahmen offen lässt.

Wer heute den Spuren Farinets und den Filmarbeiten folgen will, erhält im Buch wertvolle Hinweise: „In der Schlucht selber gibt es einen Klettersteig, die Via Farinetta, und im Dorf steht das Falschgeld-Museum – jener Ort, der 2013 übrigens zum schönsten Dorf der Romandie gekürt wurde.“  Und in Bezug auf den Film „Farinet ou l’or dans la montagne“ liest man:  „Im Film ist das Dorf wiederholt zu sehen, einmal von weitem, mit seinem Turm im Hintergrund, einmal wird in den Gassen gespielt, und wenn der Falschmünzer durch die steilen Rebberge oberhalb des Dorfes zieht, so ist das ganz in der Nähe des Weinberges, der nun ihm gewidmet ist.“  Als kleines Detail wird erwähnt, dass das ganze Dorf mitspielte, sogar der Gemeindepräsident Fernand Thurre sei dabei gewesen...

Vom Wandervogel zum Filmfreak

Die Verbindung von Filmgeschichten mit Wanderinformationen zieht sich entsprechend durchs ganze Werk und macht aus Wandervögeln quasi automatisch Filmfreaks, und – wer weiss – aus Filmbegeisterten vielleicht gar Wanderfreudige. So erfährt man beispielsweise, dass die berühmte Geschichte der Ermordung des Wetterwarts und seiner Frau nicht auf dem  Originalschauplatz Säntis, sondern auf dem Pilatus verfilmt wurde („Der Berg“, 1990), der markante Sendeturm wäre störend im Weg gestanden.

„Wirklichkeit“ im Film

Dass die Realitäten bei Dreharbeiten oft ganz anders sind, als sie über die Leinwand huschen, verrät „Drehort+“ anhand mehrerer Beispiele. Die Eroberung der Eigernordwand wurde ja mehr als einmal zum Filmspektakel. So 1975 („The Eiger Sanction“) und 2008 („Nordwand“). Doch fanden die grossartigen alpinistischen Leistungen eines Heinrich Harrer, Andreas Heckmair, Andi Hinterstoisser oder selbst eines Reinhold Messner in der Nachstellung ihrer Doubles nicht alle am mörderischen Objekt, sondern zum Beispiel an einer Kletterwand bei Rostock oder einem umfunktionierten Kühlhaus in Graz statt…

Und selbst der Zweite Weltkrieg endete fürs Kino im Berner Oberland!Amerikanische Offiziere erfahren im Film „Band of Brothers“(2001) die Kapitulation der Nazis in Österreich. Steven Spielberg erzählt in seinem Film die Geschichte eines Fallschirmspringer-Regiments, der Easy Company; die letzte Episode spielt in den Alpen. Dazu disloziert das Filmteam mit enormem materiellem Aufwand ins Berner Oberland: 75 Lastwagen voller Material, darunter 1000 echte Waffen, 40 Originalfahrzeuge und ein 200-köpfiges Team, das in zahlreichen Hotels und Ferienwohnungen rund um Interlaken untergebracht werden muss. Die Vorbereitungen betragen fünf Monate für zehn Drehtage.

Bei diesem Einsatz lernen wir auch den Wengener Stefan Zürcher und seine Firma „Alpine Films“ kennen – seit er als Stunt-Skifahrer „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ vom Schilthorn hinunterraste, hat er bei fast fünfzig Spielfilmen mitgewirkt, darunter allein zehn Bond-Produktionen als Stuntman, Stunt-Koordinator und skifahrender Kameramann. Und wer dem Friedensschluss im Berner Oberland noch näher kommen will, folgt am besten der Wanderroute Oberschnwanden – Alphütte Hofstetten (wo die Nazisoldaten vermutet werden)  – Giessbach - Engi. Mit etwas Fantasie begegnen sie beim Weiler dort den heuenden Frauen, die den vorbeifahrenden Ami-Soldaten zuwinken…     

 Gutshof „Les  Ursins“

Blättern wir zum Schluss im friedlicheren Kapitel und bei einem der beliebtesten Schweizer Filme, bei „Les Petites Fugues“ (1979) des Welschen Filmemachers Yves Yersin. Der alte Knecht Pipe hat bereits vor Jahren und seither das Mitgefühl der Zuschauerinnen und Zuschauer auf seiner Seite. Wer möchte nicht, nach einem auslaugenden Leben, noch einmal seine kleinen Fluchten und gewonnenen Freiheiten ausleben? Pipes Träumen, mit dem neuen Moped Grenzen zu sprengen, am Motocrossrennen mit den kleinen Senftuben Schabernack zu treiben und seinen grossen Wunsch, das Matterhorn wenn schon nicht mehr zu besteigen wenigstens zu umfliegen, konnten über 400 000 Kinogänger nachleben. Die Wanderung geht diesen Spuren nach und führt im Waadtländer Jura, in voller Länge über 14 Kilometer und fünf Stunden von Trois Villes über Le Suchet den Aiguilles de Beaulmes entlang. Unterwegs begegnen wir auch dem Gutshof „Les Ursins“, wo der Film gedreht wurde. Wir sind voll mitten in der Filmwelt unterwegs.

Antoinette Schwab: DREHORT +, Wandern in Schweizer Filmkulissen FONA-Verlag, ISBN 978-3-03781-077-4 

 

 

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