Vermessung des Abgrunds

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Vermessung des Abgrunds

Von René Zeyer, 05.07.2012

Organisiertes Verbrechen besiegt man nicht mit der Bestrafung möglichst vieler Verbrecher. Man muss seine Strukturen zerschlagen. In diesem Fall die Grossbanken.

«Das ist amtlich» ist ein schöner Satz. Selbst Beamte können irren, aber man kann davon ausgehen, dass man sich auf ihre Auskünfte verlassen kann. Die korrekte Zeitangabe, das richtige Vermessen eines Grundstücks, exakte Gewichts- und Inhaltsangaben, das alles gehört zu den Fundamenten des Funktionierens unserer Gesellschaft.

Genau wie der Libor, die Kennzahl, nach der sich alle Banken der Welt richten, wenn sie wissen wollen, zu welchen Zinsen sich Finanzhäuser gegenseitig Geld ohne Sicherheiten leihen. Im Gegensatz zu Meter, Kilo oder Liter handelt es sich hier aber nicht um eine fixe Masseinheit, sondern der Libor wird Tag für Tag neu festgelegt.

Massloses Vertrauen

Jeden Tag um punkt 11.00 Uhr Londoner Zeit telefonieren sich insgesamt 20 Grossbanken zusammen. Jede gibt den von ihr für einen Interbankkredit verlangten Zinssatz an. Der Witz dabei: Ihre Auskunft beruht auf ihrem Wort, nicht etwa auf Zahlen. Aufgeschlüsselt auf die wichtigsten Weltwährungen wie Dollar, Euro und Yen. Dann werden die obersten und untersten 4 Angaben gestrichen und aus den verbleibenden mit etwas Rechnerei der allgemeingültige Zinssatz, abhängig von verschiedenen Laufzeiten, bekanntgegeben: Heutiger Libor ist 2,5 Prozent für Tagesgeld, zum Beispiel.

Das ist dann amtlich. Das ist sozusagen der Urmeter, der zehmillionste Teil der Strecke vom Pol zum Äquator. Das Litermass der Finanzgeschäfte. Da niemand eigenhändig einen Meter nachmessen oder einen Würfel mit einer exakten Kantenlänge von 10 cm herstellen kann, vertrauen wir der amtlichen Festlegung, dem Eichmass. Und vertrauen wir der korrekten Verkündung des täglichen Libor. Im zweiten Fall ein schwerer Fehler.

Wozu der Beschiss?

Was hat eine Bank von der Manipulation des Libor? Ganz einfach: Wenn sie eine zu niedrige Zinszahl nennt, kann sie sich billiger Geld leihen. Da sind selbst Stellen weit hinter dem Komma entscheidend, wenn es um die virtuelle Welt von Derivatgeschäften von über 600 Billionen Dollar geht, die zu 90 Prozent mit geliehenem Geld betrieben werden. Und es hat die Nebenwirkung, dass Gläubiger, die auf dem Libor beruhend der Bank Geld geliehen haben, auch weniger Zinsen bekommen. Das Gleiche gilt natürlich auch für alle weiteren Kreditgeschäfte, deren Verzinsung auf dem Libor beruht. Deshalb ist der Libor sozusagen der Heilige Gral aller Geldgeschäfte, das Urmass. Aber das ist noch nicht die vollständige Vermessung des Abgrunds.

Organisiertes Verbrechen

Wenn ein einziger Eichmeister an seinen Gewichten gefeilt hat, dann kann er eher schnell durch einen Vergleich mit den Gewichten anderer Eichmeister des Betrugs überführt werden. Deshalb kann auch nicht eine einzige Bank, die aktuell im Feuer stehende Barclays, betrogen haben. Sondern es muss eine stillschweigende oder sogar offene Absprache unter allen, zumindest den meisten bestanden haben.

Selbst weitere Marktteilnehmer wie grosse Hedgefonds müssen gemerkt haben, dass der verkündete Libor mit dem Marktgeschehen bei Zinsen nicht wirklich übereinstimmen kann. Aber auch Profis schreckten vor der Vermutung zurück, dass da mit krimineller Energie und organisiert beschissen wird. Das wäre ja so, wie wenn der Urmeter in Paris insgeheim auf 99 cm abgefeilt worden wäre. Eigentlich unvorstellbar.

Risikoabwägung

Eine Bank kann Falschgeld herstellen. Geldwäscherei betreiben. Ihre Bilanz fälschen. Kundenguthaben verzocken. Überrissene Kommissionen verlangen. Letzteres tut sie sowieso, aber alles andere sind kriminelle und meistens früher oder später bei einer Kontrolle auffliegende Delikte. Also mit nicht viel weniger Risiko verbunden, als es ein Bankräuber in Kauf nimmt. Wenn ein Kunde 100 Franken am Bankschalter abheben will und eine 90-Frankennote plus einen Zehner bekommt, dann ist es ziemlich offensichtlich, dass hier etwas nicht stimmt. Aber der Libor, der Massstab für alles im Zinsgeschäft, funktioniert anders. Deshalb hat es auch so lange gedauert, bis die schon seit Jahren betriebene Manipulation aufflog.

Und jetzt?

Rücktritte, Strafen, bedauernde Geräusche, Verfehlungen von Einzelnen, Versagen der Kontrolle, nichts gewusst haben, grosses Geloben, dass das nie mehr passieren werde und könne, das wäre Business as usual. Das reicht in diesem Fall aber nicht. Wer sich dazu verabredet, das Eichmass für Zinsgeschäfte zu manipulieren, ist nicht nur ein Verbrecher. Er ist Mitglied des organisierten Verbrechens. Und diese Organisation muss zerschlagen werden.

Danke Herr Zeyer für ihre klaren Worte. Harmoniesucht und absolut falsche Rücksichtnahme - auf Bankster und Polit-Schurken - erleichtern diesen Schlufis ihr hinterhältiges Spiel. Auch wird der Franken als Stimmzettel viel zu wenig eingesetzt. Mit den Füssen abstimmen! "Liebesentzug"! Das wäre die einzige Sprache welche diese Halunken verstehen würden. (F.Hohler: Mer sind halt alli so nätt...)

@gast Ich gehe mit Ihnen einig, dass die Anleger Mitverantwortung tragen für diesen ungezügelten, perversen Kapitalismus. Es ist schon so, dass die halbe Welt zockt und immer mehr Rendite erzielen will. Aber es wird uns auch leicht gemacht. Die Politik sieht nahezu tatenlos zu, wie gezockt und spekuliert wird. Dabei hätten es die Bürger der westlichen Demokratien in der Hand, die Politiker zu wählen, die Rahmenbedingungen schaffen, welche die Bangster stoppen würden. Hierzulande werden meistens Politiker gewählt, die Bauland einzonen, damit Oligarchen und Bangster sich Villen bauen lassen können. Alles unter dem Motto: Arbeit für alle. Herr Zeyer schreibt zurecht, dass man UBS und CS filetieren müsste. Macht die Politik mit? Wohl kaum. Also, müssten eigentlich die Bürger das Szepter in die Hand nehmen und mittels Initiative und Volksabstimmung versuchen, das Risiko der nach wie vor unkontrollierbaren Grossbanken zu minimieren. Doch vorher würden die bürgerlichen Politiker den Weltuntergang beschwören. Dieser sähe vor, die Bangster auf Suppenküchen vorzubereiten. Das gemeine Volk hat Erbarmen und glaubt, dass sich Suppenküchen nicht rechnen. Also, zurück zur Anlage und ihrer Rendite, wenn's gut läuft 10% und mehr. Was bleibt: Auf Feld eins zurück.

Hallo Herr Zeyer. Schön, wie sie von Zeit zu Zeit über die ‘Bangster‘ herfallen und Sie sie am liebsten gleich alle auf eine einsame Insel verbannt oder vielleicht sogar an die Wand gestellt haben möchten. Ist ja verständlich.

Aber Sie kratzen leider nur an der Oberfläche dieses Problems. Sind es nicht WIR, die Aktionäre, Institutionelle, Pensionskassen, AHV, Hedge Funds …, die nach mehr und noch mehr Rendite schreien? Sind es nicht WIR, die aus Banker Bangster machen? Solange WIR das goldene Kalb anbeten, wird sich nichts verändern, im Gegenteil. Das kapitalistische System ist ganz auf Ausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung von Mensch, Tier und Natur ausgerichtet. Wir begreifen langsam, was die Folgen dieser Orgie sind, aber wir sind noch nicht soweit, uns von diesem System abzuwenden. Weil es immer noch zuviele gibt, die davon profitieren und gut leben können.

Sie werden mit Ihren Pamphleten da und dort etwas Beifall, ein Aha, ein Oho, ein Ui oder ein Pfui ernten. Aber damit können auch Sie die Welt nicht verändern. WIR sind das Problem. Sorry

Eine Ursache ist wohl die Aufweichung oder Beseitigung des durch Präsident F.D. Roosevelt eingeführten Glass-Steagall.........Trennbankensystem`s. Es wurde im Jahr 1999 ( Startjahr für die Destabilisierung als Konzept ) durch Greenspan und Co. aufgehoben. Dazu kamen Kriege gegen den Terror, Krieg der Finanzen, Krieg zur Einführung von sogenannten Demokratien und dazu noch PAX-Americana ( amerikanische Werte gelten Universell ) also ein verzweifelter Versuch.....Weltmacht No. 1 zu bleiben. ( China lässt grüssen!) Aber so sehr auch das Britische Empire Mitverantwortung trägt für die Katastrophe, in der die Welt heute steckt - die Hauptverantwortung für das, was geschieht, tragen die vergangenen amerikanischen Regierungen. Laut Verfassung ist es die Pflicht der amerikanischen Bundesregierung, das Volk vor den Räubern zu schützen, Und wir? Resteuropa? Schwimmen in Seenot durch missbrauchtes Vertrauen und Aufsichtspflichtverletzungen durch unsere Behörden.Nächste Woche ...Vacance.. in Maine mit Flug über Boston....Ich hoffe die lassen mich!....trotzdem!

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