Vor der „Mutter aller Schlachten“

Arnold Hottinger's picture

Vor der „Mutter aller Schlachten“

Von Arnold Hottinger, 03.01.2017

Wegen eines schweren taktischen Fehlers hat die irakische Armee bei ihrem Angriff auf Mosul hohe Verluste erlitten. Der Vormarsch verzögert sich.

Als am 16. Oktober des vergangenen Jahres der Angriff auf die Stadt Mosul begann, sprach Ministerpräsident Haidar al-Abadi die Hoffnung aus, Mosul könne bis zum Jahresende von den Regierungstruppen erobert werden. Doch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Kürzlich musste der Ministerpräsident seine Einschätzung revidieren. Er spricht nun „von zwei Monaten weiterer Kämpfe“, die notwendig seien.

Bisher konnte nur etwa ein Viertel der Stadt dem „Islamischen Staat“ (IS) entrissen werden. Die Kämpfe dauern weiter an in den östlichen Teilen der Stadt. Die Stadtteile westlich des Tigris, welche die Altstadt umfassen, befinden sich noch ganz in den Händen des IS.

Alle Tigris-Brücken zerstört

Die Brücken über den Strom wurden alle durch Luftangriffe zerstört. So sollten die Verbindungen zwischen der Innenstadt und den heute umkämpften Quartieren östlich des Tigris nach Möglichkeit unterbrochen werden, um den Nachschub an Munition und Kämpfern zu verhindern oder zumindest zu erschweren. Vor allem sollen auch Lastwagen gestoppt werden, die mit Sprengstoff beladen sind und von Selbstmordattentätern gesteuert werden.

An einer der fünf gesprengten Brücken hatte der IS einen Kran aufgestellt, um seine Lastwagen über den Fluss zu heben. Doch inzwischen sei der Kran zerstört worden, versichern irakische Offiziere.

Heckenschützen auf den Dächern

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass der Angriff auf Mosul langsamer als erhofft voranschreitet. Der IS hatte unterirdische Gänge gegraben, durch die die Kämpfer hinter die Fronten gelangen können, um den angreifenden Regierungstruppen in den Rücken zu fallen. IS-Schützen haben sich zudem auf den Dächern bewohnter Häuser eingerichtet und dominieren von dort aus die Strassen.

Da diese Häuser bewohnt sind, haben die Angreifer bisher darauf verzichtet, diese Stellungen aus der Luft anzugreifen und die Häuser zu bombardieren. Doch von der Strasse aus ist es schwierig und verlustreich, die auf den Dächern postierten Kämpfer anzugreifen. Die IS-Leute kämpfen mit Todesverachtung, und sie nützen die Präsenz von Zivilisten aus, um den Einsatz schwerer Waffen und Bomben zu verhindern.

Die Bevölkerung als Schutzschild

Zivilisten, die entkommen sind, berichten, die Zivilbevölkerung werde gezwungen, in den Häusern zu bleiben, auf deren Dächer sich die IS-Kämpfer eingerichtet haben. Der IS hat zudem die Bewohner von Dörfern, die ausserhalb der Stadt liegen, gezwungen, in die Stadt zu ziehen. Sie sollen den IS-Milizen als Schutzschilder dienen. Die Jihadisten sollen bereits zahlreiche Bewohner von Mosul massakriert haben, um andere gefügig zu machen.

Noch mehr als die Heckenschützen fürchten die irakischen Angreifer die mit Sprengstoff beladenen Lastwagen der Selbstmordattentäter, die immer häufiger eingesetzt werden. Tretminen und solche, die mit Stolperdrähten hochgehen, sind ferner überall angebracht. Die Entminung von eroberten Stadtteilen und Quartieren nimmt ebenfalls viel Zeit in Anspruch.

Vorschneller Vorstoss der Elite-Truppen

Die irakischen Elite-Truppen, die sogenannte „Goldene Division“, waren als erste in die Aussenquartiere der Stadt vorgedrungen. Sie waren von Amerikanern für Strassen- und Nahkämpfe geschult worden. Sie drangen von Osten her gegen die Stadt vor, während die regulären irakischen Einheiten von Süden her vorstiessen. Die kurdischen Kämpfer blieben ausserhalb der Stadt in den von Kurden ganz oder teilweise bewohnten Gebieten.

Ministerpräsident al-Abadi forderte die Elite-Truppen auf, sofort die östlichen Vorstädte anzugreifen – dies, bevor die regulären Truppen die Stadt von Süden her erreicht haben. So konnte sich der „Islamische Staat“ voll auf den Kampf gegen die „Goldene Division“ konzentrieren, was dazu beitrug, dass diese schwere Verluste erlitt.

Die Hälfte der Mannschaft verloren?

Die irakische Regierung gab keine Verlustzahlen bekannt. Doch amerikanische Offiziere, die beratend beistehen, schätzten, dass die „Goldene Division“ die Hälfte ihrer Mannschaft verloren hat. Jedenfalls waren die Verluste so hoch, dass eine Kampfpause eingelegt wurde. Man wollte einerseits die Ankunft der regulären Armee im Süden abwarten. Anderseits suchte man nach neuen, weniger verlustreichen Angriffsstrategien.

Die irakischen Offiziere forderten jetzt einen vermehrten Einsatz der Luftwaffe – ungeachtet der Gefahren, die dies für die Zivilbevölkerung mit sich bringt. Es ist anzunehmen, dass dieser Forderung mindestens teilweise stattgegeben wird. Nur so kann verhindert werden, dass die Angriffe ins Stocken geraten. Die Amerikaner wollen offenbar die irakischen Offiziere, die die Angriffe leiten, intensiver beraten als bisher.

Keine Massenflucht

Bei der Belagerung der südlichen Städte Ramadi und Falludja waren die amerikanische Luftwaffe und die irakische Artillerie massiv eingesetzt worden. Sie hatten so entscheidend zum Fall der beiden Städte beigetragen. Doch im Unterschied zu Mosul hatte die Bevölkerung von Ramadi und Falludja ihre Städte während der langen Belagerung weitgehend verlassen. In Mosul ist dies nicht der Fall. Man schätzt, dass noch anderhalb Millionen Zivilisten in den Quartieren ausharren, die sich in den Händen des IS befinden.

Grund dafür sind einerseits Drohungen des IS, die Stadt nicht zu verlassen. Andererseits gab es Berichte und Gerüchte, wonach die aus Ramadi und Falludja geflüchteten sunnitischen Männer von ihren Familien getrennt und in Lager gesteckt worden seien – dies mit der Begründung, Pro-IS-Elemente ausfindig zu machen. In diesen Lagern, so die Gerüchte, seien die Häftlinge teils misshandelt oder getötet worden.

Der schiitisch-sunnitische Graben bleibt

Die Ängste und Bedenken werden genährt durch den tiefen und blutgetränkten Graben, der sich zwischen den irakischen Sunniten und Schiiten seit den Jahren der mörderischen Auseinandersetzungen unter der amerikanischen Besetzung, 2006 und 2007, aufgetan hat und der seither noch tiefer geworden ist.

Der IS profitiert von dieser Feindschaft. Er tut daher alles, was er kann, um den Konflikt zu schüren. Am 31. Dezember organisierte er ein Selbmordattentat auf Schiiten in Bagdad, das 27 Todesopfer forderte. Ein weiterer Anschlag folgte am 2. Januar mit 32 Toten und 60 Verwundeten im Schiitenviertel der Sadr City. Am gleichen Tag starben acht weitere Menschen bei einem Attentat auf einen Minibus. Auch ausserhalb der Hauptstadt gab es Bombenanschläge, so in Beiji mit sechs toten Polizeisoldaten und sogar im tief schiitischen Kerbela südlich der Hauptstadt.

West- Mosul als Festung des IS

Die westlichen Stadtteile Mosuls, die noch nicht angegriffen wurden, hat der IS besonders stark befestigt. Luftbilder zeigen, dass er grosse Teile eines Flughafens, der südlich an die Weststadt angrenzt, zerstört hat. So soll vermieden werden, dass der Feind einst dort landen wird. Alle Strassen, die nach Süden führen, sind mit Strassensperren abgeriegelt. Häuser wurden zerstört, um freies Schussfeld zu schaffen.

Da der Befreiungsangriff nicht so schnell vorankommt, wie ursprünglich erhofft, wird sich die Versorgungslage der Bevölkerung bald drastisch verschlimmern. Schon heute fehlt es an Brennstoff und Nahrung. Auch das Trinkwasser ist knapp geworden, seitdem eine der grossen Wasserleitungen in den Kämpfen beschädigt und nicht repariert worden ist.

Bis jetzt sind etwa 120’000 Menschen aus der belagerten Stadt und vor allem aus den umliegenden Dörfern geflohen. Sie haben in den beiden Zeltlagern Unterschlupf gefunden, die etwa 30 Kilometer von Mosul entfernt im Gebiet, das die Kurden beherrschen, für sie vorbereitet worden sind. Dort herrscht bittere Kälte. Doch wer die Lager erreicht, kann damit rechnen, dass er Verpflegung erhält.

Das nach jahrelangem zermürbendem Kampf nicht plötzlich der Frieden einzieht, war zu erwarten. Und um eine Waffenruhe zu brechen, reichen im Prinzip einige wenige Unzufriedene, die es auf allen Seiten immer gibt. Wer jedoch ernsthaft Interesse an einer Lösung hat, wird in jedem Falle ohne irgendwelche Vorbedingungen weiterverhandeln.
In Syrien wird es keine Lösung ohne B. al-Assad geben. Das wissen die Iraner genauso wie Russen und inzwischen auch die Türken. Ruhe wird erst einkehren, wenn sich die gemässigten Regime-Gegner mit diesem Faktum arrangieren und die übrigen militärisch endgültig geschlagen sind. Es bleibt abzuwarten, ob das gelingt.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren