You can get it if you really want

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You can get it if you really want

Von Reinhard Meier, 24.03.2020

Der Medien-Pionier Roger Schawinski hat ein neues Buch über seine Karriere geschrieben. Seine Rezepte nennt er die Schawinski-Methode. Man kann es auch so zusammenfassen: Tüchtigkeit, Begabung und Glück.

Foto: Keystone, Peter Schneider
Foto: Keystone, Peter Schneider

Nein, eine kompakte Methode ist es nicht, die Schawinski uns in seinem soeben erschienenen Buch vorstellt. Sie soll, dies der Anspruch, dem Leser Tipps und Ratschläge vermitteln, die der Autor aus seiner nach helvetischen Massstäben verblüffenden Laufbahn als Journalist und Medienunternehmer herausgefiltert hat.

Das Glück des Tüchtigen

Was er Methode nennt, sind ein paar Grundsätze, die er bei seinen diversen Taten und Unternehmungen jeweils verfolgt haben will – immer angepasst an die jeweils sehr unterschiedlichen Umstände. Dazu zählt er das Prinzip, wenn immer möglich sich um 180 Grad zu drehen und in die Gegenrichtung zu marschieren, wenn alle dem gleichen Ziel nachrennen. Diesem Prinzip hat sich ja auch der notorische Besserwisser Roger Köppel verschrieben – was bei ihm selten überzeugt. Eine anderer Schawinski-Tipp: Ein Projekt nie aufgeben, solange man eine Chance von mindestens einem Prozent erkennt, es zu verwirklichen.

Solche weitmaschigen Ratschläge lassen sich im Fall Schawinski auf einen kurzen Nenner bringen, die bei allen seinen Unternehmungen eine zentrale Rolle spielen: Begabung, Tüchtigkeit und Glück. Man könnte die Kurzformel ergänzen durch den Zusatz: Dem Tüchtigen lacht das Glück. Das stimmt zwar nicht immer, aber bei Schawinski hat sich das Diktum mehrheitlich bewährt.

Wie hoch der Autor den Faktor Tüchtigkeit und Hartnäckigkeit einschätzt, bringt er durch den Hinweis zum Ausdruck, dass er den Erfolgssong «You can get it if you really want» des jamaikanischen Reggae-Sängers Jimmy Cliff zu seinem Lebensmotto gemacht hat. Und er versäumt auch nicht, den Leser an die nächste Zeile dieses Welthits zu erinnen: «But you must try, try and try, try and try. You’ll succed at last.»

Die legendäre Geschichte vom Piratenradio

Schawinski ist auch abgeklärt genug, um im höheren Alter von bald 75 Jahren zu erkennen, dass Tüchtigkeit und Durchstehvermögen allein keineswegs schon einen sicheren Erfolg garantieren können. Diese Begabungen sind zu einem bedeutenden Teil von den eigenen Genen abhängig. Welche Gene man aber von seinen Vorfahren bekommt, sei reine Glückssache, betont der Autor. Und es brauche immer auch eine «gehörige Portion Glück», um bestimmte Ziele durchsetzen zu können. An einer Stelle spricht er sogar von der «Gnade der Geschichte». Er meint damit den Umstand, dass seine Grosseltern aus Polen in die Schweiz gekommen waren und er hier in bescheidenen, aber behüteten Familienverhältnissen aufwachsen, studieren und eine ungewöhnliche journalistische und unternehmerische Laufbahn einschlagen konnte.

Schawinskis Vater war in Chur aufgewachsen. In Zürich verdiente er sein Geld als Vertreter für Bettwäsche. Daneben war er ein überzeugter Anhänger von Emile Coué, dem Begründer der Lehre von der Autosuggestion. Einiges von dieser Lehre scheint auch auf seinen Sohn Roger abgefärbt zu haben.

Die inzwischen zur Legende gewordene Geschichte von Schawinskis Piratensender Radio 24, mit dem er vor über vier Jahrzehnten die helvetische Radiolandschaft aufmischte, illustriert exemplarisch seine unternehmerische Phantasie und Zielstrebigkeit. Im Tagesanzeiger hatte er eine kurze Meldung gelesen, dass Italien das bisherige Radio- und Fernsehgesetz abgeschafft hatte, was neue Möglichkeiten für private Sendetätigkeiten eröffnete. Diese Möglichkeiten zu nutzen und auf dem 3’000 m hohen Pizzo Groppero eine potente Sendestation zu errichten, um vom Studio am Comersee eigene Radioprogramme in den Raum Zürich auszustrahlen – auf diese Idee musste zuerst jemand kommen. Und sie obendrein gegen alle Wiederstände in die Tat umzusetzen – das war eine exemplarische Pionierleistung.

Millionendeal drei Wochen vor 9/11

Angefangen hatte der junge Journalist seine Karriere beim Schweizer Fernsehen. Auch dort lachte ihm zunächst das Glück, indem keiner seiner erfahreneren Kollegen die von oben gewünschte neue Wirtschaftssendung aufbauen wollte. Schawinski griff zu und konzipierte mit sicherem Instinkt die erste Konsumentensendung «Kassensturz», die noch heute existiert.

Viel Glück stand ihm auch beim Verkauf seiner später erweiterten Sendegruppe Radio 24 und Tele24 zur Seite. Da das national ausgestrahlte Tele24 sehr viel Geld verschlang, sah sich der Medienpionier nach zusätzlichen Partnern um. Tamedia wollte 2001 sein ganzes Unternehmen kaufen. Allerdings war das Zürcher Medienhaus bei den Verhandlungen nicht bereit, die von Schawinski und seinen Miteigentümern, der Crédit Suisse First Boston, geforderte sehr hochgesteckte Summe anzunehmen. Doch Schawinski akzeptierte schliesslich instinktsicher die gebotene Summe von 92 Millionen Franken, offenbar gegen die Vorstellungen der mitverhandelnden Banker, die aber nur eine Beteiligung von 40 Prozent vertraten.

Diese Entscheidung erwies sich als riesiger Glücksfall, denn drei Wochen nach dem Deal ereignete sich in Amerika der Terroranschlag von 9/11. Zwei von Terroristen gesteuerte Flugzeuge bohrten sich in die Zwillingstürme des World Trade Center von New York, was zusammen mit dem Platzen der Dotcom-Blase wirtschaftliche Verwerfungen auslöste, von denen die Medien besonders hart getroffen wurden. Nach diesem Schock wäre der Verkauf seiner Sendegruppe kaum mehr möglich gewesen, oder nur zu einem viel niedrigeren Preis, schreibt Schawinski.

Die richtige Connection bei Sat-1

Das nächste grosse Abenteuer war die Geschäftsführung des privaten deutschen TV-Senders Sat-1. Die Offerte kam von Urs Rohner, der damals Manager ProsiebenSat.1-Gruppe war, die der Unternehmer Leo Kirch gegründet hatte. Schawinski war elektrisiert von diesem Angebot, aber er musste zwei Jahre warten, bis er den Job tatsächlich bekam und er nach Berlin zu neuen Ufern aufbrechen konnte.

Kirch machte Konkurs und das TV-Unternehmen wurde von einer überseeischen Investorengruppe unter Führung des israelischen Tycoons und Selfmademan Haim Saban übernommen. Ohne den persönlichen Kontakt mit Saban hätte er wahrscheinlich die Führung von Sat-1 nicht bekommen, denn trotz Rohners Fürsprache gab es Widerstände im Verwaltungsrat. Wiederum war bei dieser Berufung für den tüchtigen Medienmann eine gehörige Portion Glück im Spiel.

Schon drei Jahre später verkauften die Investoren die ProsiebenSat.1-Gruppe und strichen einen milliardenschweren Gewinn ein. Schawinski ging, wie er trotz Nachfrage beim gerissenen Dealmaker Saban ernüchtert feststellen musste, bei dieser Gewinnverteilung leer aus.  Er entschloss sich, seinen dreijährigen Vertrag nicht zu verlängern, weil er die rücksichtslosen Sparmassnahmen vor dem Verkauf des Senders nicht mittragen wollte.

Enttäuscht über das Ende des «Schawinski»-Talk

Dass die «Schawinski-Methode» durchaus nicht immer von Erfolg gekrönt war und auch Rückschläge verkraftet werden mussten, verschweigt der Autor nicht. Sein Projekt «Opus Radio» zur Lancierung eines Programms mit klassischer Musik scheiterte ebenso wie sein Versuch, ins grosse Filmgeschäft einzusteigen. Stark gekränkt hat ihn offenbar auch die abgelehnte Bewerbung um Aufnahme im exklusiven Golfklub Dolder – trotz Unterstützung seitens prominenter Mitglieder.

Deutlich enttäuscht ist er von der Absetzung seines wöchentlichen Talks im SRF-Fernsehen durch die neue Chefin Natalie Wappler. Nie seien ihm die genauen Gründe für diese Entscheidung dargelegt worden, schreibt er. Die Klage klingt etwas wehleidig. Fast neun Jahre lang hatte der rührige Medienmann und private Radiobesitzer immerhin das Privileg, im nationalen Fernsehen eine eigene Sendung zu bestreiten. Im grossen Ganzen war der «Schawinski»-Talk zwar ziemlich erfolgreich. Aber er war auch nicht ein derartiger Strassenfeger, dass niemand auf den Gedanken käme, nach über 300 Sendungen könnte die Zeit gekommen sein, das Programm aufzufrischen und den demnächst 75-jährigen Promi-Interviewer ehrenvoll zu verabschieden.

«Das Wichtigste zum Schluss»

Roger Schawinski ist zumindest in dieser fortgeschrittenen Lebensphase erfahren und klug genug, um zu wissen, dass grosse öffentliche Erfolge noch keine volle Lebenserfüllung bieten. Der private Lebensbereich, eine eng verknüpfte Familie und ein inspirierender Freundeskreis seien für ihn wichtiger als alle beruflichen Lorbeeren und die damit verbundene gesellschaftliche Aufmerksamkeit, beteuert er im letzten Kapitel mit der Überschrift: «Das Wichtigste zum Schluss». Wer ihn näher kennt, weiss, dass ihm die Pflege von Familien- und Freundschaftsbeziehungen viel bedeuten.

Doch zwischen den Zeilen kann man auch spüren, wie sehr ihm die Publikumsaufmerksamkeit und der öffentliche Einfluss bei aller Abgeklärtheit weiterhin am Herzen liegen. Sonst hätte er auch nicht den Effort unternommen, dieses neue Buch zu schreiben. Es bietet einschlägig Interessierten erhellende Einblicke, wiederholt aber auch manches, was der Autor schon in seiner vor fünf Jahren veröffentlichten Autobiographie geschildert hat. Aufs Altenteil wird sich der kreative mediale Macher auch nach seinem letzten Fernseh-Talk sicher nicht zurückziehen. Schliesslich ist er immer noch Besitzer und Motor seines Lokalsenders «Radio 1».

Roger Schawinski: Die Schawinski-Methode. Erfolgsrezepte eines Pioniers. NZZ Libro, Schwabe Verlagsgruppe, Basel 2020.

Um derartigen Erfolg zu haben, besonders im damaligen Zürich, das sehr engstirnig, konservativ aber auch extrem seriös war, musste man Mann sein und weiss. Von einer Frau wären solche Ideen und eine gewisse Dreistigkeit nie akzeptiert worden....

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