Zwischenbilanz

René Zeyer's picture

Zwischenbilanz

Von René Zeyer, 06.08.2014

Sind Grossbanken heute weniger gefährlich als zu Beginn der Finanzkrise 1? Im Gegenteil.

Als eine der wenigen Massnahmen wurden systemrelevante Grossbanken nach dem Desaster der Finanzkrise 1 dazu verpflichtet, in einem «Testament» aufzuzeigen, wie eine Abwicklung im Krisenfall möglich wäre, ohne den Steuerzahler zu belasten. 11 Banken, darunter UBS und Credit Suisse, müssen US-Behörden seit 2012 darlegen, was sie im Falle eines Kollapses zu tun gedenken. Die Schweizer Aufsichtsbehörde FINMA sagt keinen Ton dazu, in den USA werden immerhin die Ergebnisse öffentlich kommentiert.

Versemmelt

Das Urteil der US-Aufsichtsbehörden FED und FDIC ist vernichtend: Die Annahmen für einen Krisenfall seien «unrealistisch» und «inadäquat», zudem wurden nicht genügend Veränderungen an den Firmenstrukturen vorgenommen, um eine allfällige Abwicklung zu vereinfachen. Es wird nun darüber nachgedacht, die versemmelten Testamente als «nicht glaubwürdig» zu erklären. Das könnte für die betroffenen Banken mit einer Bilanzsumme von insgesamt rund 10 Billionen (10'000 Milliarden) Dollar Folgen haben.

Aber gemach. Die USA haben zwar ihren Bankensektor entschieden tatkräftiger aufgeräumt als die EU. Oder die Schweiz. Viele Banken wurden dort abgewickelt, während in Europa noch jede Menge Zombie-Banken umherwanken, wie sich gerade im Fall der portugiesischen «Banco Espirito Santo» zeigte. Und die Resultate des nächsten europäischen Bankenstresstests werden von vielen Geldhäusern mit Bangen erwartet.

Aber weder hüben noch drüben des grossen Teichs ist auch sieben Jahre nach der Finanzkrise 1 erkennbar, dass irgend etwas unternommen wurde, um das Grundproblem des Bankensystems anzugehen: die Leverage. Das bedeutet, dass alle Grossbanken weiterhin mit viel zu geringem Eigenkapital viel zu grosse Bilanzräder drehen, mit Hebeln bis zum Fünfzigfachen. Animiert durch kriminelle Flutung mit Gratisgeld durch die Notenbanken. Sobald sie systemrelevant sind, werden sie zudem geschützt durch die Garantie des Steuerzahlers, ihnen notfalls unter die Arme zu greifen.

Verloren im Dschungel

In den USA fand kürzlich ein Hearing statt, in dem es um die Frage ging, wie es eigentlich um den aktuellen Wert der Multimilliarden Steuergelder stehe, die während der Finanzkrise 1 und danach in wankende Banken gepumpt wurden. Zur Berechnung wurden, kein Scherz, 42 verschiedene Modelle mit jeweils anders gewichteten Variablen verwendet. Überraschungsfreies Resultat: Das kann man so oder so sehen; positiver Wert, negativer, neuraler, nicht bestimmbarer.

Noch wichtiger: Es wurde immerhin die Frage gestellt, zu welchem Betrag eigentlich die implizite Staatsgarantie für Grossbanken, die «too big to fail» sind, verzinst werden müsste. Also welche Risikoprämie der Steuerzahler dafür erhalten sollte, dass er im Ernstfall sein Geld ins Feuer stellt. Da wurde die nicht unrealistische Zahl von 15 Prozent in die Runde geworfen. Was natürlich weltweit von keiner Bank abgeliefert wird.

Risikofreude

Zudem ist es völlig klar, dass ein Unternehmen umso risikofreudiger handelt, umso sicherer es sein kann, dass ihm die Todesstrafe im Kapitalismus, der Bankrott, nicht droht. Ein weiterer Triebsatz für unverantwortliches Risikoverhalten besteht in der weitgehenden Abkoppelung von Incentives, vulgo Bonus, für leitende Manager vom nachhaltigen Ertrag ihrer Handlungen. Die anhaltenden Bonus-Orgien trotz gigantischer Vernichtung des Aktienwerts bei UBS und CS sind dafür nur ein Beispiel.

Bei all dem ist nicht einmal berücksichtigt, dass sich die meisten Grossbanken den wenigen Eingriffen der Regulatoren schon längst durch den Aufbau von Schattenbanken und Dark Pools entzogen haben. Diese völlig unregulierten dunklen Zwillingsbrüder der offiziellen Bankenstrukturen beherrschen beispielsweise in den USA bereits mehr als die Hälfte des klassisch-langweiligen Hypothekargeschäfts. Und um störenden Bestimmungen offizieller Börsen zu entgehen, wird in weitgehend regellosen und staatlich völlig unkontrollierten Dark Rooms gehandelt und geschachert.

Puppenspiele vor dem Vorhang

Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wird durch vermeintlich energische Massnahmen gegen Steuerhinterziehung abgelenkt. Fatca, Automatischer Informationsaustausch, eine Flut von Bestimmungen und Regeln täuscht Aktivität vor. Kaum einem fällt dabei auf, dass die eigentlichen Steueroptimierer, multinationale Konzerne, davon überhaupt nicht betroffen sind. Kaum einem fällt auf, dass die weltweiten Grossbanken heutzutage ein noch viel grösseres Risiko für das internationale Finanzsystem darstellen als weiland 2007.

Kaum jemandem fällt auf, dass deren Risiken für die ohnehin verlumpten Industriestaaten unvergleichlich gefährlicher sind als reiche Schweinebacken, die sich ihrer staatsbürgerlichen Pflicht der Ablieferung von Steuern entziehen wollen. Oder konkret: Alleine der Schaden, den die völlig unkontrolliert über Jahre vor sich hinwurstelnde Holding der «Banco Espirito Santo» anrichten konnte – und wir sehen da mal wieder zurzeit nur die Spitze eines Eisbergs – ist unvergleich grösser als alle Verluste durch Entziehung von Steuersubstrat von vermögenden Portugiesen.

All die Gegenmassnahmen zur Bekämpfung von unheiligem Schwarzgeld sind nur Puppenspiele vor dem Vorhang. Zur weiteren Unterhaltung des Publikums tanzt auch der russische Bär über die Bühne und verbreitet Erschauern und Entsetzen. Während es hinter dem Vorhang lichterloh brennt. Und die Staatsfeuerwehr meint, mit Fluten von Gratisgeld kann man das schon unter Kontrolle halten.

René Zeyer kommt mir vor wie der einsame Rufer in der Wüste. Irgendwie erschreckend, wie unbekümmert in der Finanz- und Politwelt gefuhrwerkt wird. Das Kurzeitgedächtnis schwimmt obenauf, Erfahrung und Geschichte stehen unter Wasser. Heute lese ich in der NZZ: Kreditblase in Südafrika - viele ungesicherte Kredite. Hinter einer solchen Schlagzeile steht keine neue Erfahrung, sondern die alte Leier: Der Konsum wird angekurbelt, die Unternehmen steigern Umsatz wie Ertrag und die Kredit- und Leasinginstitute wachsen im Gleichschritt. Der Unbekümmerte sieht darin eine Win-Win-Situation, der Besorgte fragt sich, wer nach dem Platzen der Blase den Schaden trägt.

Weil die USA und fast alle EU-Länder pleite sind, muss der russische Bär als Bösewicht vor dem Vorhang erscheinen. Mal sehen, was passiert, wenn der sich russische Bär vor dem Feuer hinter der Bühne in Sicherheit gebracht hat.

Wenn Geld auf nichts als Vertrauen basiert, sollte man alles unternehmen um dieses Vertrauen zu fördern. Aktuell sehe ich durchs Band das Gegenteil.

Einige aktuelle Beispiele (Die Liste hat kein Anspruch auf Vollständigkeit):
- Und die EZB lässt den Leitzins bei 0.15, Die nochmals gesunkene Inflation schlägt vorerst nicht auf die Geldpolitik durch, heisst es in der Handelszeitung.
- Bestellungseingang in Deutschland ging um über 3 Prozent zum Frühling zurück. Die Schäden der dummen Sanktionen kommen dann noch dazu. Vielleicht machte man die Sanktionen nur um die schlechten Zahlen in Deutschland zu verstecken.
- Russland liess Lebensmittel der Eu verbieten, zufällig genau dann, wenn die Bauern ihre Ernte eingefahren haben. Der ökonomische Schaden dürfte beträchtlich sein. Polen verlangt von der Eu die Schäden durch die Sanktionen zu begleichen.
- Die NATO will die Ukrainische Armee mit EU Steuergeldern finanzieren, auch die offenen Gasrechnungen soll der EU- Steuerzahler begleichen. Wie nett, ich hätte auch noch einige Rechnungen...
- Italien rutschte für mich erwartungsgemäss in die gefühlt Tausendste Rezession, was die Firmen abhält zu investieren, und somit die EU Zone noch weiter abrutscht. Ich nehme an die Konzerne werden wieder viele Leute entlassen. Die anderen EU Staaten wie Frankreich werden in die Rezession folgen.
- Wieder dramatische Verluste bei Monte dei Paschi 178,9 Millionen Nettoverlust.
- Eine der grössten französischen Banken, die Crédit Agricole wankt unter der Banco Espírito Santo Pleite und steht nach massiven Abschreibungen plötzlich ohne Gewinn da.
- Bank of America muss 16 Milliarden Strafe zahlen, wegen Verschleierung der Risiken von Kreditverbriefungen. Immerhin wird ein Teil des Geldes verwendet, um in Not geratene Hausbesitzer zu entlasten.
- Und die JPMorgan, die seit Jahren falsche Daten an die Börsenaufsicht schickte, muss nur 650'000 Strafe zahlen. Wie viel hätte die UBS oder CS bezahlt?
- Die US Justiz droht der Deutschen Bank wegen schlampigen Risikomanagement
- Griechenland steht kurz vor der Zahlungsunfähigkeit obwohl Schäuble und Co uns kürzlich noch bestätigten, dass Griechenland im trockenen steht. Vielleicht wirft man aber wieder einige Milliarden hinein um den Bankrott einige Wochen aufzuschieben. Habe aber nichts darüber gehört.
- Von Zypern hört man auch nichts mehr, es ist jetzt etwa ein Jahr her, seit man den Haircut durchführte. Nach dem letzten Stand im Frühling durfte man nur sehr wenig Geld aufs mal abheben (unter Tausend), weil man immer noch einen Bankrun befürchtet. Man hat also das eigentliche Problem nicht gelöst, dass die Banken genug Eigenkapital hat um einen Bankrun locker zu überleben.
- Argentinien hat man per Gericht zwangsruiniert und klagt jetzt gegen die USA am Internationalen Gerichtshof.
- Australien hat 6.4 Prozent arbeitslose - der höchste Stand seit 12 Jahren

Mein Fazit: Vertrauen geht anders. Mein wiederholter Rat vor allem an die Leser aus der Eu: holt schnellstens das Geld von Eurer Bank und kündet alle unbenutzten Konten.

Das monetare System ist am Ende. Und damit der kleine Mann nicht den Notausgang nehmen kann, sprich nur bares ist wahres, wird grossflächig die Verwendung von Bargeld eingebremst. Italien keine Käufe über 999 Euro in bar, England 500 Pfund Note abgeschafft. Dem Geld geht es an den Kragen.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren

«Belarus - ein Modell unserer Zukunft»

Reinhard Meier: Die belarussische Nobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch hat die russischen «Brüder» um Solidarität mit ihrem Volk gebeten. Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja antwortete, Belarus sei ein «Modell unserer nahen Zukunft». Mehr…